Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon – Besprechung

 

Ein ziemlich spannendes Buch – ich habe die knapp 500 Seiten in zwei Tagen gelesen; aber eben ein Bestseller: reißerisch, nicht ohne triviale Plattitüden, vom kirschroten Mund der süßen Schülerin bis hin zu den Unwahrscheinlichkeiten, dass der Held Raimund Gregorius immer jemanden findet, der ihn aufnimmt, und dass er innerhalb kürzester Zeit Portugiesisch lernt, nun ja. Auch die Charaktere sind holzschnittartig gezeichnet: überdeutlich.

Erzählt wird also der Aufbruch des Raimund Gregorius, eines altsprachlichen Privatgelehrten par excellence, sein Ausbruch aus dem engen Gehäuse seiner Bücher- und dem weiteren Gehäuse seiner Schulwelt: im Nachtzug nach Lissabon. Er begegnet den Schriften des zweiten Helden, des lange verstorbenen Herrn Amaden de Prado. Dieser gottlose „Priester“ des Atheismus mit seinen menschlichen Defekten, dieser unerbittliche Denker und Essayist hat als gebildeter Arzt offensichtlich einiges von Nietzsche gelesen und verarbeitet; er kennt die europäische Literatur und hat, etwa Kafka folgend, auch einen Brief an den Vater geschrieben…

Im Buch wird also erzählt, wie Gregorius den Schriften Prados begegnet, wie er sich in Portugal einlebt und wie er verschiedenen Leuten, die Prado persönlich gekannt haben, aber jetzt steinalt sind (jedoch wunderbarerweise alle noch leben) begegnet und aus ihrer Perspektive Prado kennenlernt. Das ist das Buch – zum Schluss hat es einige Längen; ein paar Bekannte Prados weniger würden auch reichen; die Schwindelanfälle des lieben Kollegen Gregorius verstehe ich nicht ganz – hat er eine Krankheit zum Tode? Aber trotzdem: insgesamt schwungvoll; an vielen Stellen zum Nachdenken anregend, vielleicht vor allem ältere Zeitgenossen anregend? Nach der Lektüre weiß man jedoch nicht mehr viel, wenn man sich keine Notizen gemacht hat; aber liest man Romane, um etwas zu wissen?

Konstruktionsidee: Ein Mann lernt einen anderen aus dessen Schriften und aus der Sicht seiner Lebensgefährten aus der Zeit der Salazar-Diktatur (wodurch die Konfliktsituationen verschärft werden) kennen und muss dazu selbst ein anderer werden.

Es gibt eine beachtenswerte Diskussion der Gedanken Prados, auf deren Wiedergabe der Roman teilweise beruht, durch Ernst Michael Lange (als pdf-Datei, 2006); man findet sie über www.emlange.de/arbeit.html.

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