Trakl: Traum des Bösen – kurze Analyse

1. Fassung: 

Traum des Bösen

Verhallend eines Gongs braungoldne Klänge –
Ein Liebender erwacht in schwarzen Zimmern
Die Wang‘ an Flammen, die im Fenster flimmern.
Am Strome blitzen Segel, Masten, Stränge.

Ein Mönch, ein schwangres Weib dort im Gedränge.
Guitarren klimpern, rote Kittel schimmern.
Kastanien schwül in goldnem Glanz verkümmern;
Schwarz ragt der Kirchen trauriges Gepränge.

Aus bleichen Masken schaut der Geist des Bösen.
Ein Platz verdämmert grauenvoll und düster;
Am Abend regt auf Inseln sich Geflüster.

Des Vogelfluges wirre Zeichen lesen
Aussätzige, die zur Nacht vielleicht verwesen.
Im Park erblicken zitternd sich Geschwister.

2. Fassung: (Nachlass)

Traum des Bösen

O diese kalkgetünchten, kahlen Gänge; 
Ein alter Platz; die Sonn’ in schwarzen Trümmern. 
Gebein und Schatten durch ein Durchhaus schimmern 
Im Hafen blinken Segel, Masten, Stränge.

Ein Mönch, ein schwangres Weib dort im Gedränge.
Guitarren klimpern; Flucht aus leeren Zimmern.
Kastanien schwül in goldnem Glanz verkümmern;
Schwarz ragt der Kirchen trauriges Gepränge.

Aus bleichen Masken schaut der Geist des Bösen.
Paläste dämmern grauenvoll und düster;
Am Abend regt auf Inseln sich Geflüster.

Des Vogelfluges wirre Zeichen lesen
Aussätzige, die zur Nacht vielleicht verwesen.
Im Park erblicken zitternd sich Geschwister.

3. Fassung: (Nachlass – Rückkehr zur 1. Fassung, kleine Korrekturen)

Traum des Bösen

Verhallend eines Sterbeglöckchens Klänge –
Ein Liebender erwacht in schwarzen Zimmern,
Die Wang’ an Sternen, die am Fenster flimmern.
Am Strome blitzen Segel, Masten, Stränge.

Ein Mönch, ein schwangres Weib dort im Gedränge.
Guitarren klimpern, rote Kittel schimmern.
Kastanien schwül in goldnem Glanz verkümmern;
Schwarz ragt der Kirchen trauriges Gepränge.

Aus bleichen Masken schaut der Geist des Bösen.
Ein Platz verdämmert grauenvoll und düster;
Am Abend regt auf Inseln sich Geflüster.

Des Vogelfluges wirre Zeichen lesen
Aussätzige, die zur Nacht vielleicht verwesen.
Im Park erblicken zitternd sich Geschwister.

Die Überschrift kündigt einen „Traum des Bösen“ an. Da jedoch nirgends von einem Träumer die Rede ist, bleibt unklar, was „Traum“ hier bedeutet; denn „Traum“ gibt es in zwei Lesarten, „Wunsch“ und „Schlafbilder“ (DWDS, owid). Da der Traum des Bösen kaum als Wunschbild zu verstehen ist, liegt zunächst die Vermutung nahe, im Text finde man „Bilder, Bildersequenzen bzw. Filme während des Schlafes“ (owid). „Traum“ taucht jedoch in den Dornseiff-Bedeutungsgruppen auch unter „Falsch, Irrtum; Einbildung, Wahn; Enttäuschung; Übersinnliches“ auf (Wortschatz Uni Leipzig). Auch dieses negative Traum-Verständnis würde den Text des Gedichtes abdecken.

Die Textgestalt des Gedichtes ist nicht ganz sicher. Die 1913 veröffentlichte Fassung (1. Fassung) hat Trakl zweimal überarbeitet, einmal ziemlich stark (1. Strophe fast vollständig, 2. und 3. Strophe geringfügig); in der 3. Fassung ist er fast vollständig (bis auf zwei kleine Korrekturen) zur 1. Fassung zurückgekehrt; die 2. und die 3. Fassung sind aber nicht (mehr) veröffentlicht worden. Diese Arbeit am Text zu untersuchen wäre ein eigenständiger Arbeitsgang – halten wir uns hier an die 1. Fassung; sie ist diejenige, die neben der 3. Fassung am häufigsten abgedruckt wird.

Wir haben in der Tat eine Abfolge von Bildern vor uns, die mit einer Ausnahme (V. 12 f.) jeweils einen Vers einnehmen und sprachlich nicht durch Konnektoren verbunden sind; lediglich in V. 2 könnte man das Erwachen als Folge der verhallenden Klänge auffassen. Es sind Bilder unheilvoller Situationen (schwarze Zimmer, V. 2; Flammen, V. 3; schwangres Weib, V. 5; usw.); zu ihnen gibt es nur in der 1. Strophe noch zwei Kontraste, des Gongs braungoldne Klänge (V. 1) und die blitzenden Segel und Masten (V. 4) – deren Blitzen kann aber auch als gefährlich verstanden werden. Die Sujets und Situationen wechseln beliebig: Zimmer (V. 2 f.), Gedränge in der Straße (V. 5), Kirchen in der Stadt (V. 8), ein Platz (V. 10) usw.; einige Vorgänge sind nicht lokalisiert (Gong verhallt, V. 1; Guitarren und Kittel, V. 6; verkümmernde Kastanien, V. 7; usw.). Einen zeitlichen Zusammenhang der einzelnen Ereignisse kann man nicht erkennen – es sei denn, man konstruierte eher willkürlich um den Abend (V. 11) herum einen zeitlichen Zusammenhang. Auch ist kein Sprecher auszumachen (mit dem 1. Vers der 2. Fassung wird ein betroffener Sprecher angedeutet, aber später wieder aufgegeben – zu Recht!). Der Tonfall ist ziemlich flüssig: fünf Jamben pro Vers plus eine weibliche Kadenz, die ein abschließendes Innehalten bewirkt.

Eine gewisse Bedeutung besitzt die Form des Sonetts: Zu Beginn der Terzette, in V. 9, steigert sich die Wahrnehmung der bösen Bilder zur Personifikation des Geists des Bösen, der aus den Masken schaut. Es wird angedeutet, dass die Aussätzigen möglicherweise bald verwesen (V. 12 f.), was ebenfalls die zuvor gezeigten Bilder des Bösen übertrifft. Als letzte Steigerung des Bösen ist die Andeutung des Geschwister-Inzests in V. 14 zu lesen.

Den Reihungsstil, dass also Bilder unverbunden aufeinander folgen, hat Trakl in seiner zweiten Schaffensperiode (1909-1912) entwickelt; dieser Stil ist dann typisch für Gedichte des Expressionismus geworden. In solchen Gedichten äußert sich das Unbehagen in der Kultur nach 1900 – in der Rückschau sagen wir dann leicht, darin kündige sich der 1. Weltkrieg und das Ende des bürgerlichen 19. Jahrhunderts an.

http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Trakl (Leben und Werk)

http://www.georgtrakl.de/index.html (ähnlich, mit großem Quellenverzeichnis)

http://www.wcurrlin.de/kulturepochen/kultur_expressionismus.htm (Expressionismus)

http://www.fundus.org/pdf.asp?ID=461 (Hermetische Lyrik: George – Trakl – Benn; dort die Einleitung, S. 2 ff., und die Ausführungen zu Trakl, S. 12-15)

Text(e):

http://www.textlog.de/17489.html

http://gedichte.xbib.de/Trakl_gedicht_Traum+des+B%F6sen.htm

www.munseys.com/diskeight/didi.pdf

http://www.literaturnische.de/Trakl/texte.htm (mit Materialien zu Trakl)

One thought on “Trakl: Traum des Bösen – kurze Analyse

  1. Pingback: Einführung in die Lyrik – Theorie für Schüler « norberto68

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s