Brecht: Moderne Legende – Analyse

„Als der Abend übers Schlachtfeld wehte…“: Das Gedicht wird als moderne Legende eingeführt. Was ist eine Legende? „Legenden waren ursprünglich mittelalterliche Leidensgeschichten von Märtyrern, Heiligen und religiösen Autoritäten, die bei kirchlichen Anlässen verlesen wurden. Später wurde der Begriff vor allem zur Sammelbezeichnung für die schriftlich fixierten ‚Viten‘ (Lebensgeschichten) der Heiligen. Schon im 15. Jahrhundert tauchen Legenden jedoch auch im außerkirchlichen Bereich auf. Hier meinen sie nichtbeglaubigte Berichte oder unwahrscheinliche Geschichten, die eng mit einem volkstümlichen, später auch mit einem kunstvoll-literarischen Erzählen verbunden sind. In dieser verweltlichten Form werden die Legenden zu moralisch-didaktischen Erzählungen über außergewöhnliche Schicksale, die nicht nur im Rationalen gründen.“ (http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/epik/legende.htm; vgl. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Legende). Einige kurze Interpretationshinweise bietet Christian Freitag (Ballade, 1986) mit einem Auszug aus Eberhard Rohse, der Brechts „Moderne Legende“ als Anti-Legende charakterisiert, da sie die erzählten Leiden nicht verklärend überhöhe, sondern ideologiekritisch entlarve. Das Textbild des Gedichts schwankt: Teilweise wird der Vers „Siehe, da ward es still bei Freunden und Feinden“ als eigenständige Strophe gedruckt. Ich halte mich hier an die Fassung in http://erinnerungsort.de/moderne-legende-_317.html (1967).

Es wird erzählt, was am Abend nach der Schlacht geschah (V. 1 ff.): Dass die Telegraphendrähte die Nachricht vom Sieg über die Feinde klingend hinaustrugen. Sowohl in der Bezeichnung „Feinde“ wie im Adverb „klingend“ stellt der Erzähler sich auf die Seite der Sieger. In der 2. und 3. Strophe wird berichtet, was „da“, also danach und deswegen geschah: Auf der einen Seite äußerte sich die Verzweiflung der Besiegten, auf der anderen Seite erklang der Jubel der Sieger. Die Äußerungen der beiden Seiten werden streng parallel berichtet, bis in die wörtlichen Entsprechungen von V. 5 f.  mit V. 11 f. (Ende der Welt, am Himmelsgewölbe zerschellt) und V. 9 f. (tausend Lippen, tausend Hände) mit V. 15 f. Bereits hier wird das Nicht-Legendarische des Berichts deutlich: Sowohl das Heulen der Besiegten wie auch das Jauchzen der Sieger „zerschellt’“ am Himmelsgewölbe, die Lippen wühlen nur „im alten Gebet“ (V. 15). Als der Erzähler berichtet, was danach „in der Nacht“ geschah, wird das Jauchzen und Beten als vorläufig aufgehoben: denn es wurde still (V. 20), es „ward“ still, wie in altertümlicher Legendensprache gesagt wird. Die gleichen Telegraphendrähte, die die Nachricht des Sieges hinausgetragen haben (V. 3 f.), vermelden, nein „sangen“ sogar (V. 18) „von den Toten, die auf dem Schlachtfeld geblieben“. Deren singender Bericht löst jedoch das allgemeine Verstummen aus: Es ist ein Bericht von den Toten beider Seiten. Dass die Sieger im Jubel verstummen, überrascht mich; dass die Besiegten verstummen, finde ich nicht erstaunlich – sie leiden jetzt still weiter. Das eigentlich Legendarische, die Kunde von einem unerhörten Heils-Ereignis ist: Auch die Sieger sehen die Kosten des Sieges und sind davon betroffen, ihr Siegesgeschrei verstummt. Die Berichte von der Verbreitung der Nachrichten über die Telegraphendrähte am Abend und in der Nacht (1. und 4. Str.) rahmen die Berichte von der Äußerungen der Besiegten und der Sieger (2. und 3. Str.) ein; und sie enden damit, dass das Geschehen in sich umschlägt (Kontrast): Die Drähte singen, aber die Menschen verstummen allesamt (Freunde und Feinde, V. 20, verbunden in der f-Alliteration).

Nach gehöriger Pause setzt der Erzähler seinen Bericht fort, mit einem neuen Kontrast zum Verstummen aller: „Nur die Mütter weinten“ (V. 21). Sie weinten „hüben – und drüben“ (V. 22). Mit diesem Freund und Feind umfassenden Hüben und Drüben kommt die Wahrheit des Krieges ans Licht: Die Klagen und die Jubelrufe erklangen jeweils nur an einem Ende der Welt (V. 5, V. 11); das Verstummen angesichts der Toten (V. 18 f.) und das Weinen der ihrer Kinder beraubten Mütter ist jedoch ein allgemeines, Freund und Feind umfassendes Geschehen.

Die Sprachform des Gedichtes ist einfach: In unregelmäßigen Metren sind die Verse teils im Kreuzreim (V. 1-4), dann im Paarreim aneinander gebunden (V. 5 ff.), in einfachster chronologischer Form aufgezählt (am Abend V. 1, da V. 5, in der Nacht V. 17, erneut „da“ in V. 20). Die sich reimenden Verse entsprechen einander inhaltlich (z.B. Rasen der Lust, Recken der Brust, V. 12 f.) oder sachlich (Abend wehte, Telegraphendrähte klangen, V. 1/3). Nur am Schluss, als der große Umschlag eintritt, fallen V. 19-22 aus dem bis dato dominierenden Schema der Paarreime heraus: Das Reimpaar „geblieben/drüben“ (V, 19/22) wird durch das Reimpaar „Feinden/weinten“ (V. 20 f.) unterbrochen, es liegt ein umfassender Reim vor.

Legendarisch ist vielleicht auch der lehrhafte Hinweis „siehe“ (V. 20), womit der Erzähler den Bericht vom allgemeinen Verstummen hervorhebt. Antilegendarisch ist jedoch, wie vom Beten berichtet wird: Die Lippen „wühlten im alten Gebet“ (V. 15); sowohl das Verb „wühlen“ bezeichnet die Vergeblich des Betens, wie ja auch bereits Jubelrufe und Klagen am Himmelsgewölbe zerschellen (V. 6, V. 12). Ebenso qualifiziert das Gebets-Attribut „alt“ (V. 15) das Gebet als vergeblich; zudem ist das Beten nur die Äußerung der einen Seite – allgemein und damit richtig ist jedoch das Verstummen, und das Weinen der Mütter (V. 20-22). Dieses Motiv der Mütter taucht auch in den Gedichten „Mütter Vermisster“ und „Die Mütter der Vermißten“ auf (nach Edgar Marsch: Brecht-Kommentar zum lyrischen Werk, 1974, S. 87), ebenso in „Mutter Courage und ihre Kinder“ (1938/39).

Wir haben hier eine Fingerübung des jungen Brecht vor uns; er war 16 Jahre alt, als das Gedicht am 2. Dezember 1914 in „Der Erzähler“ veröffentlicht wurde. Kurt Eisler hat das Gedicht vertont (http://www.youtube.com/watch?v=pIt1woVU9HQ, gesungen von Ernst Busch (http://www.youtube.com/watch?v=EQySr8_Pa6M – gleiche Aufnahme); es wird heute auch im religiös-kirchlichen Kontext zitiert oder vorgetragen (http://www.redemptoristen.com/index.php?id=180&programm=365 oder http://www.s.shuttle.de/delta/kirche-swr/Worte04/worte08-29.htm).

http://www.ddr-hoerspiele.net/2-lp/helene-weigel-liest-brecht.html (Paul Rilla über die Lyrik Brechts insgesamt)

Vgl. noch http://www.club.it/culture/poesie-politica/helmut.gier/corpo.tx.gier.html (Helmut Gier: Brecht im 1. Weltkrieg).

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