Brecht: Serenade – kurze Analyse

„Jetzt wachen nur mehr Mond und Katz…“ (Text: http://www2.ilch.uminho.pt/deg/Brecht_Texte.htm oder http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht27_39.html)

Das flotte Gedicht lebt von dem Kontrast, in den der ungenannte Sprecher, den man freilich mit dem Autor Brecht gleichsetzen darf, Bert Brecht zu allen anderen (1. Str.) setzt, welche er zum Schluss mit „ihr“ anspricht (V. 9). Es werden drei verschiedene Situationen beschrieben, in denen sich der besondere Bert Brecht von den anderen abhebt: Jetzt zur Schlafenszeit (1. Str.), eine Mai- oder Frühlingssituation (2. Str.), das Einst der ewigen Ruhe (3. Str.). In diesen Situationen tritt Bert Brecht als der Nichtschläfer auf, als der trunkene Sänger, als der auf ewig Verdammte – in gewisser Weise als Bohèmien, als der für bürgerliches Empfinden schreckliche Außenseiter; dementsprechend trottet er, statt zu gehen (V. 3); taumelt er betrunken (V. 7); stolpert er durch die Hölle (V. 11). Er trägt jeweils sein spezifisches Attribut bei sich, seinen Lampion (V. 4, V. 12) oder seine Klampfe (V. 8) – auch Lampion und „Klampfentier“ weisen ihn als schlicht anders aus. In der 2. Strophe lehnt er sich allerdings an Heines „Buch der Lieder“ an: „Im wunderschönen Monat Mai…“.

Das Gedicht ist im vierhebigen Jambus geschrieben, es plätschert munter im Kreuzreim dahin; die drei Strophen sind parallel aufgebaut: zwei Verse für die allgemeine Situation, dann zwei Verse für Bert Brecht. Im letzten Vers jeder Strophe wiederholt sich „Bert Brecht mit seinem …“ (V. 4, V. 8, V. 12).

Etwa 18 Jahre war Brecht, als er dieses Gedicht zur Bildung seines Profils bzw. des Images schrieb. Heute wirbt die Stadt Augsburg mit diesem Gedicht und den entsprechenden Gedenkstätten: http://www.augsburg-tourismus.de/tl_files/augsburg_tourismus/broschueren/pdf/bertolt-brecht-2009_web.pdf

Das Gedicht gilt als Ausdruck von Brechts Selbstinszenierung, vgl.  http://www2.ilch.uminho.pt/deg/Brecht_Seminar_Text.htm:„Lederjacke, Drahtbrille, Schiebermütze und die ewige Zigarre: So kennt man Brecht. 
Wie nur wenige andere Schriftsteller verfügt Bertolt Brecht schon zu Beginn seiner literarischen Karriere über ein feines Bewusstsein für die Notwendigkeit, als Autor ein spezifisches Image entwickeln zu müssen, um seine Texte, seine ‚Waren’ erfolgreich auf dem literarischen Markt veräußern zu können. Nicht zuletzt durch seine Selbstinszenierungen positioniert Brecht sich im literarischen Feld seiner Zeit und unterstreicht nachhaltig die ästhetischen wie politischen Standpunkte seiner Texte.“ (Alexander Fischer) Fischer berücksichtigt folgende Gedichte als Ausdruck dieser Selbstinszenierung: Serenade (um 1916), Ballade an meinen Totenschädel (1918), Anleitung und Anhang zur Taschen- bzw. Hauspostille (1925/26 bzw. 1927), Der Insasse (1935). 
Essay: Kurzer Bericht über 400 (vierhundert) junge Lyriker (1927).

Werner Frick hat die Stationen von Brechts poetischer Selbstinzenierung umfassend untersucht: „Ich, Bertolt Brecht…“ (in: Brechts Lyrik – neue Deutungen. Hrsg. von Helmut Koopmann, Würzburg 1999, S. 9-48).

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