Brecht: Vom ertrunkenen Mädchen – Analyse

„Als sie ertrunken war und hinunterschwamm…“

http://www.bonuama.de/martin/lyrik/brecht/002.html (Text)

http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/fileadmin/bbb/medien/aktive_medienarbeit/pdf/Vom_ertrunkenen_Maedchen_Gedichttext.pdf (Text)

http://rainhk.eu/download/lyrikue/wasserleichen.pdf (Text neben zwei weiteren Wasserleichengedichten)

Ein distanzierter allwissender Erzähler berichtet vom Schicksal einer Wasserleiche, die keinen Namen hat, sondern einfach bloß „sie“ ist. Es wird von zwei Stationen des Weges der Wasserleiche berichtet, vom Anfang ihres Weges (als sie in die größeren Flüsse getragen wurde, 1. Str.) und vom Ende (als sie verfault war, 4. Str.). Dazwischen findet „ihre letzte Fahrt“ (V. 8) statt.

Was am Anfang ihres Weges auffällt, ist, wie „der Opal des Himmels“ (V. 3) scheint. Damit ist eine schillernde Färbung des Firmaments bzw. der Wolkenschleier  bezeichnet; die Metapher vom Himmel als Opal greift die Symbolik des Edelsteins auf: der Opal als Symbol der Hoffnung. Hinter diesem Scheinen des Himmels scheint eine Absicht oder ein Zweck zu stehen, der im irrealen Vergleich bezeichnet wird: „als ob er die Leiche begütigen müsse“ (V. 4) Mit diesem Vergleich wird der Leiche noch ein Rest Leben, ein zorniges Gemüt zugebilligt – der Himmel scheint in ihrer Schuld zu stehen. Da dies aber nur in einem irrealen Vergleich (auch wenn „müsse“, V. 4, nicht Konjunktiv II ist) gesagt wird, wird die Aussage negiert, bleibt als negierte aber präsent. Dieser rein meteorologische „Himmel“ erhält in der 4. Strophe noch eine andere Bedeutung und wird mit „Gott“ (V. 14) assoziiert.

Der Sprecher erzählt ganz beiläufig in der Prosaform, wobei die vier Verse (wie in den drei übrigen Strophen) im Kreuzreim gereimt sind; da die vier Verse keine syntaktischen Einheiten sind – nur der 4. Vers ist ein Nebensatz – kommt den Reimwörtern auch nicht die Funktion zu, Verse sinnvoll aneinander zu binden. Das ändert sich in der 2. Strophe; dort sind V. 5, 7 und 8 einzelne Hauptsätze. Man kann die gereimten Verse 5/7 und 6/8 als sinnvolle Einheiten lesen: was sie auf der letzten Fahrt umgab, was diese Fahrt „beschwerte“. Dieses Verb verdient besondere Beachtung. „Schwerer werden“ (V. 6) wird zunächst wörtlich verstanden, Tang und Algen erhöhen das Gewicht der Leiche. Das ist in V. 7 f. zunächst auch der Fall, zumal da Tang und Algen (V. 5) im Wort „Pflanzen“ (V. 8) aufgegriffen werden. Das Objekt „ihre letzte Fahrt“ (V. 8) rückt jedoch ein wenig die Leiche als „Person“ in den Blick; dadurch gewinnt „beschweren“ (= schwer machen) außer der wörtlichen noch die metaphorische Bedeutung „erschweren“: In die Gesellschaft von Pflanzen und Tieren verwiesen, ist die Leiche aus der Gemeinschaft der Menschen ausgeschlossen. Das zeigt sich auch darin, dass die kühlen Fische (statt eines Mannes) sich an ihrem Bein bewegten (V. 7): „Als ich dann an deinem warmen / Leiblein lag und deinem Bein“ (Sentimentales Lied Nr. 78, V. 17 f., entstanden 1920).

Diese Isolation der Wasserleiche ist aber noch nicht total: Die regelmäßige Veränderung von Dunkelheit und Helligkeit des Himmels (wiederum: Firmament) hat in der Sicht des Erzählers eine Bedeutung, die im Konsekutiv- oder Finalsatz der 3. Strophe („daß es auch noch für sie Morgen und Abend gebe“, V. 11 f. – evtl. zu lesen als: „auf daß es … gebe“) erklärt wird; die Leiche ist noch nicht völlig aus der Gemeinschaft der Lebewesen ausgeschlossen. Dieser Nebensatz steht sachlich parallel zum irrealen Vergleich in der 1. Strophe (V. 4), was bezeugt, dass die Aufgabe des Begütigens nicht völlig irreal gedacht ist. – In der 3. Strophe können V. 10/12 als sinnvolle Reime gelten, verbunden in der Thematik des Lichts.

Der Erzähler hat in der 2. und 3. Strophe die letzte Fahrt der Leiche berichtet. In der 4. Strophe kommt er auf ihr Ende zu sprechen: „Als ihr bleicher Leib im Wasser verfaulet war“ (V. 13). Noch ist also die namenlose ertrunkene Sie das Objekt des Berichts – und das muss auch so damit, damit das ungeheuerliche Ereignis (V. 14) nicht nur berichtet, sondern auch gedacht und gesagt werden kann: Da geschah es, „daß Gott sie allmählich vergaß“ (V. 14). [Ähnlich heißt es in „Larrys B“, um 1919 entstanden: „In den Flüssen schwimmt mancher Rekrut / Vom lieben Gott schon vergessen“, V. 30 f. Und in „Hier steht BERTOLT BRECHT auf einem weißen Stein“ von 1921 beginnt die 2. Strophe so: „Vom lieben Gott geschaffen / Wie ihr und wieder vergessen!“, V. 17 f. Ebenso in „Großer Dankchoral“ (1920 entstanden): „Lobet von Herzen das schlechte Gedächtnis des Himmels! / Und daß er nicht / Weiß euren Nam‘ noch Gesicht / Niemand weiß, daß ihr noch da seid.“, V. 13-16]

Dieses Ereignis muss semantisch und sprachlogisch erläutert werden. Semantisch greift es den Glauben auf, dass Gott seine Menschenkinder nicht vergisst. Dieser Glaube stützt sich auf eine pointierte Heilsaussage beim Propheten Jesaja (genauer Deutero-Jesaja): „Zion sagt: Der Herr hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen. / Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht – Spruch des Herrn.“ (Jes 49,14 f.) Im Christentum ist diese Heilszusage sogar noch einmal verschärft worden: Gott hat  seinen eigenen Sohn zur Rettung der Menschen, „für uns alle“ dahingegeben (Röm 8,32). Diese Heilszusage ist hier widerrufen: Es geschah, dass Gott die Tote allmählich vergaß. Dieses Vergessen wird in Etappen zunehmender Entmenschlichung des Erinnerten beschrieben: Gesicht – Hände – Haar; das Gesicht ist noch am meisten der Mensch selbst, das Haar ist nur noch sein anorganischer Rest, der wird zuletzt vergessen.

Sprachlogisch ist der totale Untergang dieser Person nur so zu bewältigen, dass sie Subjekt bzw. Objekt der Aussage bleibt – andernfalls könnte man gar nicht von ihr sprechen. Im letzten Vers wird Vergessen dann jedoch als ein Prozess beschrieben, dessen Ergebnis die Auslöschung der Person „sie“ ist: „Dann ward sie Aas (…) neben anderem Aas.“ Das Verb „werden“, hier in der altertümlich-biblischen Form „ward“ (für „wurde“), erlaubt es, die Umwandlung der Substanz zu denken: die Umwandlung des Menschen „sie“ in eine Tierleiche. „Aas“ – das Wort wird wiederholt, wird so dem Leser eingeschärft – ist sie geworden: eine (verwesende) Tierleiche, Aas „mit vielem Aas (V. 16). Analog heißt es in der letzten Strophe des Gedichts „Gegen Verführung“: „Ihr sterbt mit allen Tieren / Und es kommt nichts nachher.“ (V. 15 f.). Das ist eine Botschaft Brechts. – In der 4. Strophe gibt es wieder ein sinnvolles Reimpaar: dass Gott sie vergaß / sie wurde Aas (B. 14/16); aber auch das Reimpaar V. 13/15 markiert eine Entsprechung: als sie verfaulet war / Gott vergaß ihr Haar.

Das Gedicht ist 1920 entstanden, es wurde unter dem Titel „Ballade vom ertrunkenen Mädchen“ 1922 in „Die Weltbühne“ veröffentlicht. Das Gedicht bezog sich ursprünglich (mit dem Titel „Vom erschlagenen Mädchen“) auf die Ermordung Rosa Luxemburgs (so: Ausgewählte Werke, 1997, Bd. 3, S. 428). Über mehrere Stationen landete es 1927 in „Bertolt Brechts Hauspostille“.

Brechts Gedicht gehört zu den Gedichten mit dem Motiv der Wasserleichen, die durch Rimbauds Gedicht „Ophélie“ (1870) und dann vor allem durch die Übersetzung Karl Klammers ins Deutsche (1907) angeregt wurden: „Rimbauds Gedicht „Ophélie“, genauer gesagt Karl Klammers Übertragung 3 desselben löste bei den deutschen Expressionisten eine wahre „Schwemme“ sogenannter „Wasserleichenpoesie“ aus: Die bedeutendsten Werke aus diesem Kontext sind von Georg Heym „Die Tote im Wasser“ (1910) 4 , „Ophelia“ (1910) 5 und „Tod der Liebenden im Meer“ (in zwei Fassungen), von Gottfried Benn „Schöne Jugend“ (1912) 6 aus dem Morgue-Zyklus, von Paul Zech „Wasserleiche“, von Armin T. Wegener „Die Ertrunkenen“ (1917), bei Georg Trakl findet man Anlehnungen an das Motiv in „Wind, weiße Stimme“ und in „Westliche Dämmerung“ (1911). Bertolt Brecht kann sicherlich nicht mehr zu den Expressionisten gerechnet werden, soll aber an dieser Stelle dennoch Erwähnung finden. Zum einen, weil bei keinem Autor die „Wasserleiche“ so zahlreiche Bearbeitungen erfahren hat, (genannt seien hier: „Ballade vom Liebestod“, „Gesang aus dem Aquarium“, „Dunkel im Weidengrund“ und die „Legende der Dirne Evlyn Roe“ ), zum anderen weil sein Gedicht „Vom ertrunkenen Mädchen“ (1920) das Bild noch einmal um neue Aspekte bereichert, den Motivkreis damit aber auch abrundet und schließt.“ (Barbara Glöckler http://www.erlangerliste.de/express/expres3.html) Vgl. http://www.nandu.hu/deutsch/diplomarbeit/dateil01.htm bis http://www.nandu.hu/deutsch/diplomarbeit/dateil10.htm (Arbeit über Wasserfrauen in der Literatur); https://norberto42.wordpress.com/2012/01/30/heym-die-tote-im-wasser-analyse/ (zu Heym: Die Tote im Wasser); home.arcor.de/dsmirr/texte24/Schule/Expressionismus.doc über expressionistische Lyrik.

Das Gedicht „Von den verführten Mädchen“ steht in der „Hauspostille“ unmittelbar vor dem „Vom ertrunkenen Mädchen“. In Brechts Anleitung zum Gebrauch der einzelnen Lektionen der Hauspostille steht, das Gedicht sei „mit geflüsterten Lippenlauten“ zu lesen – aber heißt das schon? Mir scheint die „Anleitung“ vor allem der Selbststilisierung des Dichters Brecht zu dienen.

P.S. In seiner Habilitationsschrift „Die Lyrik des jungen Brecht“ (1974) hat Carl Pietzcker das Gedicht vom ertrunkenen Mädchen intensiv untersucht (S. 155 ff.). Er liest es als Paradigma für den Nihilismus des jungen Brecht, der sich von der bürgerlichen Welt abwendet, sie eben nihilistisch negiert, um sich später dem Marxismus zuzuwenden: „Das ‚dichtende Ich‘ phantasiert seinen eigenen Untergang und die Sinnlosigkeit, in die es hierbei eingeht, als Befreiung; es ist in der entfremdeten Gesellschaft so vereinsamt und ‚entmenscht‘, daß es ’nicht einmal mehr mit sich selber solidarisiert‘. (…) In der Vision des im Wasser verwesenden Mädchens sucht das ‚dichtende Ich‘ ein Wunsch- und Strafbild seiner selbst; es phantasiert die Erlösung von sich und seiner Situation und zugleich die Strafe für den auch hier noch spürbaren Angriff auf das Über-Ich. (…) So erfährt es Glück und Grauen zugleich.“ (S. 155 f.)

Zur Interpretation:

http://www.phil1.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010200/user_upload/Mitarbeiter/Will/ss_2007_ps_02_x_vom_ertrunkenen_maedchen_2.pdf (thesenartig: Interpretation)

http://www.phil1.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010200/user_upload/Mitarbeiter/Will/ss_2007_ps_01_vom_ertrunkenen_maedchen.pdf (dito, parallel)

http://repositories.tdl.org/ttu-ir/bitstream/handle/2346/21565/31295012156740.pdf?sequence=1 (Magisterarbeit über die Hauspostille)

Vortrag:

http://www.youtube.com/watch?v=NTv-GoFvxTs (Vortrag: Gisela May)

http://www.youtube.com/watch?v=Wt5te0QisLI (Vortrag: Gina Pietsch)

http://www.youtube.com/watch?v=hs4NqU7ILb8 (Vortrag: Doris Lamprecht)

http://www.rezitator.de/gdt/719/ (Rezitation: Lutz Görner)

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