Brecht: Den Nachgeborenen – Analyse

Ich gestehe es: ich

Habe keine Hoffnung …

Text: http://hasipunkt.beepworld.de/gedichte.htm

http://www.fritz-bauer-institut.de/fileadmin/downloads/Einsicht-08_Ronny-Loewy.pdf (Titel falsch)

http://www.commonwood.de/SPIRIT/brecht.html (Text im Kontext anderer kirchenkritischer Texte Brechts)

Ein Ich, das beileibe kein lyrisches ist, setzt sich gegen die anderen ab: gegen die Blinden: „Ich / Sehe.“ (V. 3 f.) Im Zeilenschnitt ist das Subjekt „Ich“ vom Prädikat getrennt, wodurch das Sehen einen starken Akzent bekommt – aber auch das Ich wird hervorgehoben, abgegrenzt von den Blinden, mit denen es im gleichen Vers genannt wird. Bereits in V. 1 hat das Ich diese Sonderstellung; es steht als erstes Wort da, dann als Subjekt eines neuen Satzes, getrennt vom Rest des Satzes durch den Zeilenschnitt, am Ende von V. 1.

Das Erste, was das Ich tut, ist ein Geständnis (V. 1), so als ob es sich vor anderen verantworten müsste. Inhalt des Geständnisses ist die Aussage: „Ich habe keine Hoffnung.“ Hier fehlt bei „Hoffnung“ das Attribut: Hoffnung worauf? Dadurch erhält der Satz den Charakter eines Glaubens- oder Unglaubensbekenntnisses. Sinngemäß wäre die Leerstelle vielleicht so zu füllen: Hoffnung, dass die Zustände unserer Welt sich zum Guten entwickeln.

Es folgt die bereits genannte Abgrenzung gegen die Blinden als Rechtfertigung oder Begründung des Bekenntnisses: „Ich sehe.“ (V. 3 f.); auch hier fehlt das Objekt, sodass das Sehen zu einer Charakterisierung der Person „Ich“ dient.

Die vier Zeilen sind eine Art Sinnspruch, in denen sich ein Ich mit seiner kritischen Sicht der Welt von den anderen absetzt; diese werden als Blinde disqualifiziert.

Es folgt ein zweiter Sinnspruch, in dem der Blindheit das Irren bzw. die Irrtümer zugeordnet werden. Am einfachsten ist es, dem Sehen die Tatsache zuzuordnen, dass die Irrtümer verbraucht sind (V. 5); nicht die Blinden verbrauchen die Irrtümer, sondern für den Sehenden sind sie „verbraucht“ – dies ist das, was er eigentlich sieht, die Blinden bemerken es wahrscheinlich nicht.

Es folgt die These des erkennenden Ichs, dass uns, also den Sehenden, „das Nichts“ als letzter Gesellschafter bleibt resp. gegenübersitzt (V. 6 f.). „Das Nichts“ ist seit Nietzsche ein großer Name, es ist der Nachfolger bzw. Erbe des toten Gottes; dass er unser „Gesellschafter“ ist, ist eine nicht ganz gelungene Charakterisierung, der freilich das Pathos von Nietzsches Botschaft fehlt; ein Gesellschafter ist ein gleichgestellter oder sogar angestellter Zeitgenosse.

Und was fangen wir dem Nichts an? Das ist die Frage, vor die das 1920 entstandene Gedicht den Leser stellt. Unklar bleibt mir die Überschrift: Wieso ist das eine Botschaft für die Nachgeborenen?  Werden die das nicht selber sehen, was „ich“ jetzt als einziger sehe? Richten sich die Sinnsprüche nicht besser an die blinden Zeitgenossen, vor denen das Ich sich rechtfertigt? Aber die sind ja blind, können also nichts sehen und demgemäß auch nichts verstehen. Es bleibt also nur ein idealer Gesprächspartner, der als gleichfalls sehender gegenwärtig ist. Ein solcher kann nur das Ich selber sein, dann vollzieht das Ich eine Reflexion, oder GOTT, dann betet es.

Als Kommentar würde ich Brechts „Epistel über den Selbstmord“, ebenfalls um 1920 entstanden, heranziehen: „Ein gewisses Pathos, das lockt / Sollte man vermeiden.“ (V. 5 f. – das sollte auch das Ich des Gedichts beherzigen!) Und als sachliche Konsequenz sehe ich den Schluss der Epistel an: „Jedenfalls / Sollte es nicht aussehen / Als habe man / Zuviel von sich gehalten.“ (V. 14-17) Aber es sind auch andere Konsequenzen möglich.

http://sammelpunkt.philo.at:8080/79/1/brecht1.htm#v102 (zur Stellung des Gedichts im Werk Brechts: über das Ja- und das Nein-Sagen)

http://digicoll.library.wisc.edu/cgi-bin/German/German-idx?type=div&did=German.BrechtYearbook031.i0018&isize=text (Besprechung: gegen Annahme einer ideologischen Position Brechts): (Jan Knopf bespricht einen Aufsatz: The poems „Den Nachgeborenen“ (To Those Born Afterwards) and „Hymne an Gott“ (Hymn to God) show that interrogations of the (transcendental) existence of God – related to Nietzsche’s nihilism – are false, because in reality Brecht’s texts pose questions about the immanent, i.e. material presence of God (no matter how virtual God might be) in social relations and ideologies.)

Werner Frick stellt das Gedicht dagegen in den Kontext der Selbstdarstellungen des jungen Brecht: http://books.google.de/books?id=4zwGPG-ijP4C&pg=PA29&lpg=PA29&dq=brecht+%22den+nachgeborenen%22+interpretation&source=bl&ots=JjMJdSBqZc&sig=D2EbCBkn9dSKxD5mcnU2lcX7LI8&hl=de&sa=X&ei=Xl2SUKa_JsbzsgbuiYCACA&ved=0CEoQ6AEwBjgU#v=onepage&q=brecht%20%22den%20nachgeborenen%22%20interpretation&f=false

 Vortrag:

http://www.youtube.com/watch?v=QB0wz9B251Y

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