Brecht: Entdeckung an einer jungen Frau – Analyse

Des Morgens nüchterner Abschied …

Text http://www.simsisworld.at/oldweb/deutsch/gedichte/lieb/liebged.htm#frau oder

http://adorinha.wordpress.com/2011/11/02/entdeckung-an-einer-jungen-frau/

Brechts Gedicht, um 1925 entstanden, gehört in den Umkreis der Augsburger Sonette und damit zu einem Kreis erotisch-pornografischer Lieder (siehe die Links zum Stichwort „Dirnenlied“). Es ist vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Form des Tagelieds zu lesen: „Das Tagelied hat einen spürbar dramatischen Charakter (…). Die Liebenden kämpfen nicht nur gegen ihre Sehnsucht an, sondern auch gegen die Zeit. Das baldige Nahen des Morgens, die Gefahr, dass der Mann die Frau zu spät verlässt und entdeckt wird, der Wunsch, länger beieinander zu liegen, und der dringliche Ruf des Wächters sprechen dafür.“ (Bianca Schläger, siehe auch die Links zur Gattung Tagelied) Vor diesem Hintergrund tritt die Eigentümlichkeit des Gedichts ans Licht.

Zwar ist die Situation die des morgendlichen Abschieds wie im Tagelied; aber die Frau ist nicht die Geliebte des Ich-Sprechers, sondern „eine Frau“ (V. 1). Der Abschied ist nüchtern, nicht bewegt (V. 1); „kühl“ sind beide (V. 2), nicht warm oder gar heiß – es sieht so aus, als sei die Frau eine Zufallsbekanntschaft oder eine Prostituierte, jedenfalls eine junge Frau (Überschrift). „Da sah ich: eine Strähn in ihrem Haar war grau“ (V. 3); offensichtlich schaut der Mann die Frau jetzt zum ersten Mal genauer an – sie ist ja nicht über Nacht ergraut. Erstaunlich ist seine Reaktion darauf: „Ich konnt mich nicht entschließen mehr zu gehen“ (V. 4); die um des Versmaßes willen vorgenommene Inversion von „nicht mehr“ stört das Verständnis.

Das Versmaß ist unregelmäßig, erinnert manchmal an einen Trochäus, besteht aus fünf Hebungen pro Vers mit unregelmäßigen Füllungen, die letzte Silbe ist jeweils betont; trotzdem tritt nach jedem Vers eine kleine Pause ein, weil dreimal (V. 2-4) der Satz zu Ende ist. Im Kreuzreim sind die Verse einigermaßen sinnvoll aneinander gebunden: eine Frau / Haar grau (V. 1/3); kühl besehn / nicht mehr gehn (V. 2/4).

Der Entschluss des sprechenden Ichs in V. 4 eröffnet ein neues Feld des Handelns und Sprechens: Warum kann das Ich nicht gehen? Das führt zunächst zu zwei Aktionen. Erstens nimmt das Ich ihre Brust (in die Hand), zweitens fragt die Frau nach dem Grund des Nicht-Gehens (V. 5-7, entgegen der Abmachung: also doch wohl eine Prostituierte), worauf das Ich zu einer Antwort ansetzt (V. 8). Die Antwort wird dann in den Terzetten des Sonetts gegeben; hinter den Quartetten ist also ein deutlicher Einschnitt zu erkennen, der die Handlungen von der „lehrhaften“ Rede des Ichs trennt.

Im zweiten Quartett finden wir einen umarmenden Reim; das Metrum ist dem des ersten Quartetts gleich. Sie fragte / ich sagte (V. 5/8) sind der sinnvolle Reim, der von der ersten Strophe zu den Terzetten überleitet.

In seiner Antwort spricht das Ich zunächst etwas rätselhaft: „Ist’s nur noch eine Nacht“ (V. 9) – wieso soll „es“ (was?) nur noch eine Nacht sein? Zur Klärung sollte man die ganze Aussage des Ichs berücksichtigen. Da ist erstens seine Absichtserklärung (V. 9); zweitens eine Ermahnung der Frau, ihre Zeit besser zu nützen (V. 10 f.); drittens eine Aufforderung an die Frau bzw. an beide, „die Gespräche rascher [zu] treiben“ (V. 12), worauf als Begründung dieser Aufforderung oder auch aller drei Äußerungen folgt: „Denn wir vergaßen ganz, daß du vergehst“ (V. 13).

Am einfachsten setzt man bei dieser Begründung an; in ihr spricht das Ich seine Erkenntnis aus, die es bei der Entdeckung der grauen Strähne gewonnen (V. 3) hat. Es ist die Erkenntnis: Du vergehst. Das ist eine richtige Erkenntnis, aber sie ist naiv; richtiger wäre die reflektierte Einsicht: Wir vergehen. Jedenfalls kommt hier ein Motiv zum Ausdruck, welches Lehrer veranlasst, Brechts Gedicht mit solchen der Barockzeit vergleichen zu lassen: Vergänglichkeit. Die Erkenntnis ist in der Absichtserklärung des Ichs zugespitzt: als ob die Frau vielleicht nur noch eine Nacht zu leben hätte – das ist ein Grund, auch über Tag und die kommende Nacht noch bei ihr zu bleiben (V. 9). Für ein Brechtgedicht ist das eine erstaunliche Begründung – man würde erwarten, dass das Ich sagte: Okay, wenn du weg bist, nehme ich eine andere. Man wird seine Äußerung also im Sinn von Brechts Gedicht „Gegen Verführung“ lesen müssen: „Schlürft es [das Leben] in schnellen Zügen“ (V. 8); denn „Ihr habt nicht zu viel Zeit!“ (V. 12)

Wenn man sich den Feinheiten der 3. Strophe zuwendet, müsste man „es“ bzw. „’s“ (V. 9) zu bestimmen suchen: Was ist „es“? Das kann die ihr noch bleibende Lebensspanne sein; dagegen spricht aber, dass sie erst eine graue Strähne hat. Also liegt es näher, „es“ als die ihr vom Ich gewidmete Zeit zu verstehen: Wenn dir mit einer weiteren Nacht geholfen ist… Daran schließt sich die restriktiv („Doch“, V. 10) eingeleitete Mahnung an: „Doch nütze deine Zeit“. Mit dieser Sentenz („Nutze den Tag“, eine Übertragung der Formel Carpe diem von Horaz, die dazu auffordert, die kappe Lebenszeit heute zu genießen; vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Carpe_diem) wird von der Frau gefordert, die Konsequenz aus der Einsicht in ihre Vergänglichkeit zu ziehen, vielleicht auch im Sinn einer Gegenleistung für den einen ihr geschenkten Tag – selbst zwischen Tür und Angel (beim Abschied) zu stehen sei schlimm (V. 10 f.).

In der vierten Strophe wird eine weitere Mahnung oder Aufforderung, diesmal an beide gerichtet, vorgebracht: „laß uns die Gespräche rascher treiben“ (V. 12); „Denn wir vergaßen ganz, daß du vergehst“ (V. 13). Das ist die Begründung für die Aufforderung, schnell und intensiv zu leben (V. 10 f. und V. 12) – aber wie gesagt, eine naive Begründung, selbst wenn sich der Singular vielleicht nur dem Erfordernis des Reims (stehst / vergehst, V. 11/13) verdankt.

Es folgt als Schlussvers: „Und es verschlug Begierde mir die Stimme“ (V. 14) Damit ist das Ende der Ermahnung markiert; zugleich wird die zuvor berichtete stumme Handlung (nahm ihre Brust, V. 5) aufgegriffen bzw. fortgeführt: Das erklärende Reden hatte seinen Anfang und hat ein Ende; die bloße Begierde der endlichen Lebewesen setzt sich durch.

Dass aus Erkenntnis Begierde kommt, ist unwahrscheinlich: Aus Erkenntnis kann man fordern, seine Begierden zu befriedigen (Horaz!). Und dass man die aus dem Begehren resultierende Handlung (nahm ihre Brust, V.5) zugunsten einer Belehrung unterbricht – gar einer Forderung, ausgerechnet die Gespräche rascher zu treiben (V. 12) – ist ebenso unwahrscheinlich, gar gekünstelt. Das macht die Schwäche des Gedichts aus. Folgerichtig ist das Gedicht erst nach Brechts Tod veröffentlicht worden.

http://carsten-reichert.de/__oneclick_uploads/2011/09/carsten-reichert-entdeckung-an-einer-jungen-frau-unterrichtsmodell-expose.pdf (Unterrichtsmodell)

www.michaelseeger.de/k2d/bb-jungefrau.ppt (Anregungen für den Unterricht)

http://charlotte-wolff-kolleg.de/wp-content/uploads/2010/08/std-protokoll2101.pdf (Stundenprotokoll, dürftig)

http://www.ddr-hoerspiele.net/2-lp/helene-weigel-liest-brecht.html (Paul Rilla über die Lyrik Brechts insgesamt)

Nachträglich finde ich Alfred Behrmanns Analyse (in: Gedichte und Interpretationen 5. Hrsg. von Harald Hartung, Stuttgart 1983 = RUB 7894, S. 267 ff.)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/entdeckung-an-einer-jungen-frau.html (Stavenhagen, auch Text)

http://www.youtube.com/watch?v=aJlAYbM5ENI (ähnlich)

http://www.youtube.com/watch?v=74kLMkoxHSI (ab 4:33, Risse)

Gattung: Tagelied

http://de.wikipedia.org/wiki/Tagelied

http://suite101.de/article/das-tagelied–liebesleid-im-mittelalter-a88893 (Bianca Schläger)

http://www.zeno.org/Goetzinger-1885/A/Tagelieder

http://www.volksliederarchiv.de/lexikon-847.html

http://wiki.zum.de/Tagelied

Gattung: Dirnenlied

http://www.zeit.de/2006/50/P-Roger-Stein

http://www.dirnenlied.de/Buch/buch.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Dirnenlied

http://de.wikisource.org/wiki/Dirnenlieder (Dirnenlieder)

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