Brecht: Von der Kindesmörderin Marie Farrar – zur Analyse

Marie Farrar, geboren im April …

Text http://de.muvs.org/topic/bertolt-brecht-von-der-kindsmoerderin-marie-farrar-1922/

Carl Pietzker liefert eine große Analyse des Gedichts (mit dem Text auf S. 175-177: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/3634/pdf/Pietzcker_Von_der_Kindesmoerderin_Marie.pdf), in der er das Gedicht in die Entwicklung des jungen Brecht vom Nihilisten zum Marxisten hineinstellt. Dieser Aspekt soll hier ausgespart bleiben, wenn ich kurz einige wichtige Aspekte von Pietzckers Analyse referiere:

In Strophe 1 treten zwei Sprecher auf, ein bürokratisch-unmenschlicher (V. 1 ff.) und ein christlich-caritativer (V. 9 f.); beide verhalten sich so unterschiedlich zu Marie, dass sie kaum als identisch gedacht werden können: Sie sind Masken, hinter denen sich der Balladensprecher verbirgt. Auch Marie erscheint in zwei Rollen, als Mörderin und als Berichtende. Sowohl die beiden Sprecher wie die beiden Maries nähern sich im Verlauf des Erzählens einander an. So wird schließlich „aus dem Bericht von Maries Tat ein Exempel, das ‚die Gebrechen aller Kreatur’ erweisen will“ (S. 178). Das Geschehen erhält also „eine allgemeine Bedeutung, die Sprecher und Hörer und betrifft“ (S. 180). Aus der aussagenden Mörderin wird „ein Exempel, das etwas erweisen will“ (S. 180).

Exempel: eine literarische Kleinform (Erzählung / Belehrung / Nutzanwendung), hier verteilt auf Str. 1-8, 9 und 9. Die Erzählung ist ein Exempel für die „Gebrechen aller Kreatur“ (Pietzcker verweist auf die Gedichte „Maria“ und „Weihnachtslegende“ als Parallelen).

Die Ballade steht in der Tradition des Hinrichtungslieds: eines Abschiedslieds verurteilter „Verbrecher, die unter dem Galgen ihre Untaten beichten und durch ihr Beispiel die Mitmenschenbelehren und warnen“ (S. 183). Brecht verändert die Form so, dass nicht Marie beichtet, sondern der Sprecher ihren zu Protokoll gegebenen Bericht nach ihrem Tod verliest, kommentiert und zur Belehrung benutzt. Die Diskrepanz zwischen dem Leidensweg der Marie „und dem Protokollstil, in dem er berichtet wird, denunziert das Protokoll und so das Gericht als unmenschlich“ (S. 184). Dadurch wird der Widerspruch, also die Aktivität des Lesers provoziert.

Angeredet werden die Leser als Bürger (Str. 9). Das traditionelle Bänkellied zeichnet das Bild einer heilsam gelenkten Welt; Brecht zerstört dieses Bild, ohne den Leser eine klare Moral von Gut und Böse zu lehren. Brecht „deutet das Geschehen christlich ontologisierend, greift diese Deutung sozialkritisch an, ersetzt sie dann aber durch keine artikulierte neue“. Dadurch wird der Leser „auf seine eigene Kreatürlichkeit verwiesen“ (S. 186).

Der Anlass des Mordes wird in Str. 8, V. 71-75, berichtet; dort ist das Gebrechen aller Kreatur erwiesen (keine autonome Person sein, sich seiner in Bedrängnis nicht sicher sein). Das Exempel lehrt den Leser mit seiner Gebrechlichkeit auch die eigene Unheimlichkeit. Weil jedoch die mitgegebenen Deutungen durch ihre Konfrontation mit dem Geschehen angegriffen werden, macht Brecht ihren Maskencharakter bewusst (S. 187). So enttäuscht die Ballade die Erwartung einer klaren Deutung, wodurch sie grotesk wird. „Die Ballade führt vor die sinnlose Faktizität der Gesellschaft und die Verlorenheit und Unsicherheit der Kreatur, also in die gesellschaftliche Ratlosigkeit; sie fordert Mitleid und klagt an. Sie zieht sich auf die Kreatürlichkeit, auf das Animalische, das keine freie gesellschaftliche Praxis kennt, zurück, konfrontiert es der Gesellschaft und klagt sie so der Unmenschlichkeit an (…) Ihre Gesellschaftskritik ist vor allem Sprachkritik, groteske Kritik sprachlichen Verhaltens, die den Anspruch auf Menschlichkeit im Sprachlosen, also Gesellschaftsfreien bewahrt.“ (S. 190)

Vortrag:

http://www.rezitator.de/gdt/687/

http://www.youtube.com/watch?v=XydG6yKwyK8 (dito)

Materialien: 

http://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%A4nkelsang (Bänkelsang)

http://www.gottfried-august-buerger-molmerswende.de/sternitzke_baenkelsang_1933.pdf (Diss 1933 über den Bänkelsang)

http://www.reinhard-doehl.de/bklsang.htm (Döhl: Bänkelsang und Dichtung)

http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2008/5239/pdf/Popularmusik-15-16_S52-68.pdf (Popularmusik in den 1920er Jahren)

Zur mittelalterlichen Erzählform „Exempel“: http://www.slm.uni-hamburg.de/ifg1/Personal/Henkel/Seminarmaterial/SS-06/Kl-Formen-1.pdf (dort S. 3)

http://westfaelisches-landestheater.de/files/kindsmord_-_materialmappe.pdf

http://motherbad.angelfire.com/ (Textsammlung: Die böse Mutter)

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