Brecht: Man sollte nicht zu kritisch sein – Analyse

Man sollte nicht zu kritisch sein … (= An die Menschenfresser)

Text http://www.woschod.de/2007/09/01/man-sollte-nicht-zu-kritisch-sein/ oder

http://www.trueten.de/archives/7401-Man-sollte-nicht-zu-kritisch-sein.htmlhttp://www.trueten.de/ oder

http://forum.spiegel.de/f12/lyrik-64-525.html

Das Gedicht, Äußerung eines ungenannten Sprechers, der klare Vorstellungen von Richtig und Falsch hat, ist 1922 entstanden; es hat auch schon unter der Überschrift „An die Menschenfresser“ gestanden. Es beginnt ganz unverfänglich: „Man sollte nicht zu kritisch sein.“ (V. 1) Das ist eine Binsenweisheit; denn die modifizierende Partikel „zu“ bezeugt, durchs Sprichwort bestätigt, dass allzu viel Kritik ungesund ist. Kritisch sein heißt: Unterschiede ausmachen und herausstellen.

Es folgt die Begründung dieser Eingangssentenz in V. 2 f., die den Leser stutzen lassen kann: Zwischen ja und nein soll der Unterschied nicht so groß sein? Pythagoras wird der Satz zugeschrieben: „Die kürzesten Wörter, nämlich ‚ja’ und ‚nein’ erfordern das meiste Nachdenken.“ Und der österreichische Psychoanalytiker René Arpad Spitz (1887-1974) hat gesagt: „Die Fähigkeit, nein zu sagen, ist die Geburt der Individualität.“
 Wir selber wissen aus vielen Entscheidungssituationen, dass zwischen Ja und Nein Welten liegen können. Ich zitiere den Refrain des Songs „Ja oder Nein“ der Rockband Madsen:

„Los, komm, steig ein oder lass es sein
Geh los, bleib stehen, raus oder rein
Entscheide dich, kein Kompromiss
Ja oder nein“

Auch bei Brecht ist das Thema „Ja oder Nein“ häufig zu finden. Ich erinnere an zwei Texte. Im Gedicht „Lob des Zweifels“ (http://www.lariserva.net/Poesie/lodealdubbio_de_bb.htm) wird das unerschütterliche Ja/Nein heftig dementiert:

„O schönes Kopfschütteln

Über der unbestreitbaren Wahrheit!

O tapfere Kur des Arztes

An dem rettungslos verlorenen Kranken!

   Schönster aller Zweifel aber

Wenn die verzagten Geschwächten den Kopf heben und

An die Stärke ihrer Unterdrücker

Nicht mehr glauben!“

In der Keuner-Geschichte „Maßnahmen gegen die Gewalt“ (http://www.germanistik.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010400/Studium/Hauptseminare/Keuner1.pdf) wird dagegen am Unterschied zwischen Ja und Nein festgehalten, wenn auch das taktische Verschweigen oder Aufschieben der richtigen Antwort verteidigt wird. Was meint also der Sprecher hier, wenn er behauptet, der Unterschied zwischen ja und nein sei nicht so groß?

Um das zu verstehen, muss man den Aufbau der folgenden 18 Verse oder Zeilen berücksichtigen. Ich finde dort eine Dreiteilung: In V. 4-10 werden gute Sachen genannt. In V. 11-16 werden zwei Beispiele aufgeführt, wovon in bestimmten Situationen zu reden „nicht schicklich“ (V. 12) ist. In V. 17-21 wird schließlich dargelegt, wieso jemand überhaupt „sein Maul halten“ könnte. Wie aber hängen diese drei Gedanken zusammen, und was haben sie mit der Eingangsforderung oder deren Begründung zu tun?

Das Lob der guten Sachen versteht man nur, wenn man bemerkt, dass wir diese guten Sachen genießen können, ohne dabei zu reden bzw. ja/nein zu sagen. Der zweite Gedanke leuchtet ohnehin ein: Manchmal redet man besser nicht oder nicht von bestimmten Dingen (oder Unterscheidungen), auch wenn es den „scharfen Unterschied“ (V. 15) zwischen Lehm und Schmirgel durchaus gibt. Bleibt als rätselhafter Rest der Ratschlag zum Schluss: Wieso soll uns eine Vorstellung vom Sternenhimmel veranlassen zu schweigen? Und vorab: Was ist mit der Vorstellung vom Sternenhimmel gemeint? Der Sternenhimmel wird oft als frei, klar, herrlich oder blinkend bezeichnet (http://wortschatz.uni-leipzig.de/). Das erklärt aber noch nicht viel. Warum man angesichts dieser Vorstellung das Maul halten soll, wird erst verständlich, wenn man hier die Anspielung auf Kants Diktum vom bestirnten Himmel erkennt: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ (http://www.textlog.de/32414.html, mit Explikation des Satzes von der Erkenntnis der Unwichtigkeit eines einzelnen tierischen Geschöpfs angesichts „einer zahllosen Weltmenge“). Angesichts der Unendlichkeiten soll man schweigen oder, wie Brecht sagt, „eigentlich sein Maul halten“ (V. 21). Brecht in der Nachfolge Kants – überraschend, aber anders kann ich die Schlussmahnung (heute) nicht verstehen.

Wir haben also in V. 4-21 drei Argumente dafür, dass der Unterschied zwischen Ja und Nein oft ohne Bedeutung ist, in unterschiedlicher Ausprägung: Er kommt nicht zur Sprache bei den guten Sachen, er sollte schicklicherweise öfter nicht zur Sprache kommen, er ist letztlich bedeutungslos.

Das alles gilt aber nur für die Leute, die „zu kritisch“ sind, die also am Misslungenen nicht das Gelungene, an der falschen Lösung nicht die Erkenntnis des Problems und den Mut zur Lösung sehen – so lese ich das Gedicht.

Die Form des Gedichts ist offen: kein Metrum, kein Reim, umgangssprachliche Prosa; einzig der Zeilenschnitt begründet den Anspruch des Textes, Gedicht zu sein. Er ist insgesamt sinnvoll, ohne dass man daraus eine große Theorie machen müsste. Überraschend ist allenfalls die Interjektion „Ach“ (V. 15): Sie entspricht zwar dem Kantischen Pathos des bestirnten Himmels, wird aber durch die vulgären Ausdrücke „sein Maul halten“ (V. 21) und „Stuhlgang“ (V. 10) dementiert. Ich vermute, dass Brecht sich nur mit einem Stilbruch auf Kant berufen kann; alles andere wäre ihm zu bildungsbürgerlich.

Es gibt einen Vortrag des Gedichtes im Internet (http://www.youtube.com/watch?v=oEGGrPUXmns), der mich aber nicht überzeugt; aber das Gedicht zu sprechen ist auch nicht einfach, vorsichtig gesagt.

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