Brecht: Zu Potsdam unter den Eichen – Analyse

Text

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht1_13.html oder

http://www.musicanet.org/robokopp/Lieder/zupotdam.html

http://erinnerungsort.de/zu-potsdam-unter-den-eichen-_427.html

Erläuterungen:

V. 1 Potsdam: „Den Aufstieg des brandenburg-preußischen Staates an die Spitze der europäischen Großmächte vollziehen die Hauptstadt Berlin und die Residenz Potsdam in gewisser Weise spiegelbildlich mit.“ (http://www.preussen-chronik.de/thema_jsp/key=thema_potsdam+und+berlin.html)

V. 1 Eichen: Es gibt in Potsdam die Straße „Unter den Eichen“. Bedeutsamer vermutlich: Die Eiche ist ein deutschnationales Symbol, vgl. V. 8.; siehe „deutsche Eiche“ bei Wikipedia!

V. 2 Zug: Im Gedicht wird der Demonstrationszug beschrieben, den der Rote Frontkämpferbund im Mai 1927 in Potsdam veranstaltete und der von der Polizei zusammengeschlagen wurde (vgl. 6. Str.).

V. 6 hundertjährig: evtl. Anspielung auf die Geschichte Preußens, die an Potsdam gebunden ist (s. zu V. 1)

V. 8 Helm: Tote Soldaten bekommen ihren Helm auf den Sarg.

V. 8 Eichenlaub: Das „Ritterkreuz“ (Orden) des 1. Weltkriegs ist durch zwei sich überkreuzende Eichenzweige geschmückt.

V. 9 Mennigerot: Malerfarbe (Rostschutz)

V. 12 „Jedem Krieger sein Heim!“: Versprechen der Obersten Heeresleitung im 1. Weltkrieg, den Soldaten nach dem Krieg Grund und Boden zuzuteilen; Durchhalteparole Hindenburgs

V. 16 Chemin des Dames: Höhenweg im Departement Aisne (Frankreich), im 1. Weltkrieg heftig umkämpft

V. 17 mit Herz und Hand: Zitat des Burschenschaftsliedes „Ich hab’ mich ergeben“ (1820); zugleich Anspielung auf die 3. Strophe des „Lied[s] der Deutschen“ (1840, seit 1922 Nationalhymne) http://de.wikipedia.org/wiki/Ich_hab_mich_ergeben http://de.wikipedia.org/wiki/Lied_der_Deutschen

V. 23 grüne Polizei: Die Uniform der kasernierten und militärisch bewaffneten Sicherheitspolizei (ab 1919) war grün, die Uniform der normalen Schupos blau.

* Kurt Weills Musik dazu („Berliner Requiem“) zitiert am Ende das preußische Lied „Üb’ immer Treu und Redlichkeit“, die Glockenspielmelodie der Potsdamer Garnisonskirche.

Analyse:

Das im Sommer 1927 entstandene Gedicht wurde im August 1927 unter dem Titel „Die Ballade vom Kriegerheim“ in „Der Knüppel“, einem satirischen Agitationsblatt der KPD (vgl. http://www.heartfield.de/john-heartfield-1891-1968/ und http://de.wikipedia.org/wiki/Eulenspiegel_(Satirezeitschrift_1928%E2%80%931933)), veröffentlicht.

Im Stil des Bänkelsangs wird die Geschichte einer von der Polizei aufgelösten bzw. „niedergeschlagenen“ antimilitärischen Demonstration erzählt. Der Erzähler scheint zunächst neutral zu sein; doch durch die Ortsangabe „in dem hundertjährigen Staub“ (V. 6) wertet er das preußische Potsdam und seine (deutschen) Eichen ab. Man kann den Hinweis auf den Staub als Vorwegnahme des Soldatentods werten, der in Str. 4 und 5 beklagt wird. Ähnlich abwertend ist die Bezeichnung „Mennigerot“ (V. 9) und die Qualifizierung der Buchstaben als „häßlich“ (V. 11) So kommt bereits in die Beschreibung des zunächst scheinbar militärischen Gedenkens (Trommel und Fahne, Helm und Eichenlaub, 1. und 2. Str.) die kritische Sicht des Erzählers zum Vorschein. Über den Veranstalter der Demonstration sagt er nichts, mit dem Pronomen „man“ (V. 4) verschweigt er ihn. In der 3. Strophe zeigen sich satirische Züge in der Beschreibung, welche teils auf das Konto des Erzählers, teils auf das der Veranstalter gehen: Dass der aufgemalte Spruch ein „Reim“ (V. 10) sei, stimmt nicht; und der Spruch vom Heim gehört nicht auf einen Sarg – in der 5. Strophe wird dieser Spruch als ironische Anklage deutlich: Der Sarg ist das den Kriegern einst versprochene „Heim“ der Soldaten.

In der 4. Strophe setzt der Erzähler zu einer Erklärung an: „Das war…“ (V. 13), wobei das Pronomen „Das“ unbestimmt auf den Demonstrationszug, den Sarg oder die Inschrift verweist; „zum Angedenken“ (V. 13) an die Toten des Frankreichfeldzugs im 1. Weltkrieg werde die Demonstration durchgeführt, erklärt er. Das Pronomen „manchen“ ist eine ironische Verkleinerung der Zahl der Toten: Jeder wusste 1927, wie viele im 1. Weltkrieg gefallen waren. Die Angaben „Geboren / Gestorben“ (V. 15 f.) erinnern an die Angaben auf Grabsteinen oder Todesanzeigen. Die Ortsangaben „in der Heimat / am Chemin des Dames“ (V. 15 f.) lassen sich vereinfachen zu „in der Heimat / in der Fremde“ und klagen als Kontrast die Kriegsverantwortlichen an; anderseits kann man die vielen Toten nur durch solche allgemeinen Angaben charakterisieren, sie zugleich in die die Individualität negierende Ordnung einer Truppe „einordnen“. Ihr in den Eckdaten „geboren / gestorben“ erfasstes Leben wird in der 5. Strophe durch zwei Appositionen erläutert: 1) „Gekrochen einst“ (V. 17) – man denkt als Leser an das Robben der Soldaten unter Beschuss, wird dann in der nächsten Zeile jedoch eines Besseren belehrt: dem Vaterland auf den Leim gekrochen, also vom Vaterland hereingelegt – „Vaterland“ kann man mit oder ohne Anführungszeichen lesen, es hat sich nicht als Vaterland erwiesen. Ähnlich zweideutig ist das Adverbial „mit Herz und Hand“ (V. 17); es kann die Ehrlichkeit der soldatischen Pflichterfüllung bezeichnen, kann aber auch ironisch die Lügenmasche der vaterländischen Kriegspropaganda entlarven – im Zusammenhang mit der Wendung „auf den Leim gekrochen“ wird man die zweite Möglichkeit favorisieren. 2) „Belohnt mit dem Sarge“ ist eindeutig eine ironische Anklage: Ein Sarg kann keine Belohnung sein. Diese „Belohnung“ wird wiederum ironisch auf die Kriegspropaganda bezogen (V. 20): Der Sarg ist in Wahrheit das Heim, das den Soldaten im Krieg versprochen wurde.

In der 6. Strophe wird erzählt, wie die Demonstration fortging und endete: Sie wird von der Sicherheitspolizei aufgelöst bzw. zusammengehauen. Die Sicherheitspolizei der Weimarer Republik wird so als Bundesgenosse der üblen Kriegspropaganda und –politik des Kaiserreichs erwiesen. Die Anklage der Republik im Sinn der KPD ist KPD, die nicht genannt wird, ist vorgetragen – das war jedem Leser der Zeitschrift „Der Knüppel“ klar.

Die Form des Gedichts ist einfach: eine Art Bänkelsang in sechs Strophen à vier Versen, die drei oder vier Hebungen aufweisen; abgesehen von den Reimen in den jeweils 2. und 4. Versen ist die Sprache prosaisch. Die Sätze umfassen zwei oder vier Verse; manchmal sind die beiden letzten Verse auch nur eine Ergänzung zu einem Satz, der auch ohne sie grammatisch vollständig wäre.

13 Jahre vorher war Brecht mit seiner Antikriegspolemik noch ganz „menschlich“ gewesen („Moderne Legende“), ähnlich in der „Ballade von dem Soldaten“ (1919); 1927 sieht er Krieg und Kriegspropaganda politisch-parteilich. Das Thema zieht sich jedenfalls durch sein ganzes Werk.

Vertonung:

http://www.youtube.com/watch?v=6HDcMIDAxEI

http://www.youtube.com/watch?v=bX4txWTShPg

http://www.mixcloud.com/mixtuur/late-night-04-01-2012/ (neben anderen)

Unterricht:

http://www.wisskirchen-online.de/downloads/199011weillzupotsdam.pdf (U-Reihe)

http://www.wisskirchen-online.de/downloads/weillzupotsdamklausur.pdf (Klausur im Musikunterricht)

Materialien:

https://norberto42.wordpress.com/2012/10/29/brecht-moderne-legende-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/30/brecht-die-ballade-von-dem-soldaten-analyse/ (Antikriegsgedicht Brechts, parallel zu „Zu Potsdam…“)

http://www.wisskirchen-online.de/downloads/weillrptagung1991.pdf (das antiklassische Menschenbild, Schwerpunkt Weill/Brecht)

http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/1260/pdf/BerlinerRequiem.pdf (zu Weills „Berliner Requiem“)

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