Brecht: Terzinen über die Liebe – Analyse

Terzinen über die Liebe = Die Liebenden

Sieh jene Kraniche in großem Bogen…

Die wandernden Vögel schweben miteinander und mit den Wolken in einer schwerelosen Höhe; so schwebt der Text zwischen der Utopie des zeitlosen Mit- und Ineinanders der Liebenden und dem unausweichlichen Ende ihrer Einheit. Das Leitmotiv des Gedichts lautet SCHEINEN. Der mühelose Gleichklang in Höhe, Geschwindigkeit und Richtung, das gleichwertige Nebeneinander der Ungleichen, die Fähigkeit zum Teilen – all dies ist Schein (V. 6: »Scheinen sie alle beide nur daneben«). Die Schlussverse greifen dieses Motiv wieder auf: Die Trennung wird nicht nur »bald« kommen, sie ist in der Liebe selbst präsent. In diesem Doppelspiel von Beisammen- und Getrenntsein »scheint die Liebe Liebenden ein Halt«. Das der Liebe angemessene Verb lautet nicht »sein« oder »geben« – die Liebe ist nicht Halt und sie gibt nicht Halt –, sondern »scheinen«. Sie scheint etwas zu sein und sie spendet ihren Schein, nicht mehr und nicht weniger – wie das Feuer vor der Höhle, in dessen Widerschein die Wahrheit als Schatten aufscheint. Die Liebe überspannt den Abgrund, das unausweichliche Getrenntsein, als Schein. In der doppelten Bedeutung des Scheins als dem wunderbaren Abglanz der Lichts und dem unsicheren Anschein auf Widerruf liegt ihr Glück und ihre Melancholie, die einander zugehören, einander bedingen – wie die Liebenden selbst. (Gerhard Härle: Lyrik – Liebe – Leidenschaft. Motivgeschichtlicher Streifzug durch die europäische Liebeslyrik, S. 6)

Laut einer Umfrage des wdr im Jahr 2000, bei der allerdings nur 3.000 Antworten eingingen, gehört Brechts Gedicht „Die Liebenden“ zu den 100 beliebtesten deutschen Gedichten, und zwar als Nummer 76 (http://www.susannealbers.de/03philosophie-literatur-gedichte00.html). Das scheint mir dafür zu sprechen, dass Brechts Gedicht dabei als eines von der beseligenden zeitlosen Liebe missverstanden worden ist. Auch wird es in der Forschung überwiegend unter dem Titel „Terzinen über die Liebe“ zitiert und untersucht. Woher kommen diese Irritationen?

Es gibt eine Reihe guter Untersuchungen, die auch leicht zugänglich sind. Ich werde deren wesentliche Ergebnisse kurz benennen und auch die Untersuchungen vorstellen – wenn jemand es dann ganz genau wissen will, soll er selber nachlesen, was die klugen Köpfe sagen.

Möglicherweise oder vermutlich ist Brecht durch eine Stelle aus Dantes Göttlicher Komödie zu seinem Gedicht angeregt worden:

Wie Kraniche, zum Streifen lang gereiht 

In hoher Luft die Klagelieder krächzen, 

So sah ich von des Sturms Gewaltsamkeit 

Die Schatten hergeweht mit bangem Ächzen.

Lang hört’ ich den Bericht des Lehrers an,

Von diesen Rittern und den Frau’n der Alten,

Voll Mitleid und voll Angst, bis ich begann:

Mit diesen Zwei’n, die sich zusammenhalten,

Die, wie es scheint, so leicht im Sturme sind,

Möcht’ ich, o Dichter, gern mich unterhalten.

Und er darauf: „Gib Achtung, wenn der Wind

Sie näher führt, dann bei der Liebe flehe,

Die beide führt, da kommen sie geschwind.“

Kaum waren sie geweht in unsre Nähe,

Als ich begann: Gequälte Geister, weilt,

Wenn’s niemand wehrt, und sagt uns euer Wehe.

Gleich wie ein Taubenpaar die Lüfte teilt,

Wenn’s mit weitausgespreizten steten Schwingen

Zum süßen Nest herab voll Sehnsucht eilt;

So sah ich sie dem Schwarme sich entringen,

Bewegt vom Ruf der heißen Ungeduld,

Und durch den Sturm sich zu uns niederschwingen.“

(Dante: Die göttliche Komödie, 5. Gesang, http://www.gutenberg.org/catalog/world/readfile?fk_files=1469462&pageno=6)

Da haben wir Dantes Kraniche, die vielleicht zu Brechts Kranichen geworden sind. Die Liebesgeschichte von Francesa und  Paolo, die in der Ewigkeit der Hölle endete, erläutert Peter von Matt: Liebesverrat. Die Treulosen in der Literatur, 1989 = dtv 4566, 1991, S. 82 ff., um im Anschluss daran Brechts Gedicht zu interpretieren (S. 87 ff.).

Ebenfalls leicht zugänglich ist Carl Pietzcker: Von aufgehobener Sehnsucht, in: Interpretationen. Gedichte von Bertolt Brecht, hrsg. Von Jan Knopf, Stuttgart 1995 (RUB 8814), S. 69 ff. Eine erweiterte Fassung dieses Aufsatzes, 1999 gedruckt, gibt es als Datei im Internet (http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/3826/pdf/Pietzcker_Bertolt_Brechts_Terzinen.pdf): Bert Brechts „Terzinen über die Liebe“.

Auch Carl Pietzcker geht (im Aufsatz von 1999) vom Text Dantes als Vorlage aus, hebt jedoch den wesentlichen Unterschied hervor, dass bei Brecht die metaphysischen Verbote der Liebe (Ehebruch, bei Dante) entfallen; Brechts Gedicht spreche aus dem Widerspruch von Liebessehnsucht und Selbstrettung vor dem Untergang in einer „ewigen“ Verschmelzung (statt vor Höllenstrafen). Die Liebe bezeichne bei Brecht also eine vorläufige Einheit, eine Trennung erfolge schon in der Einheit, sodass die Einheit der Liebenden nur als ästhetischer Schein bleibe. Wie bzw.mit welchen Techniken der Text des Gedichts im Vollzug seiner selbst Einheit und Trennung zugleich erstellt, untersucht er dann sehr ausführlich:

  1. Das Metrum (S. 417 ff.)
  2. Das Spiel mit den Lauten (S. 419 f.)
  3. Die Syntax (S. 420)
  4. Die Bilder (der Flug, die Kraniche, Wolken, Wind, Himmel, S. 420 ff.)
  5. Techniken der Grenzverwischung (S. 422-425: wichtig!): Im Gedicht werden Erfahrungen von verschwimmender Einheit und Unwirklichkeit beschrieben bzw. ermöglicht; neben semantischen Elementen, die klare Bedeutungen setzen, treten bedeutungsfreie sprachliche Momente (S. 422). „Das Gedicht bietet also Bilder an und läßt sie ineinander übergehen; es nimmt Wörtern, Sätzen und Bildern ihre klarumrissene Bedeutung und erzeugt so eine poetische Welt fluktuierender Imaginationen: eine Welt unwirklicher Einheit. (…) So schafft es jene Leseerfahrung wortlos liebender Einheit, Distanz und Reflexion zugleich, die noch über den Schlußsatz hinaus anhält — ein Spiel von Ambivalenzen.“ (S. 424 f.)
  6. Die Kommunikationssituation (S. 425 ff.: wichtig): „Es sind ‚Terzinen‘ nicht der, sondern ‚über die Liebe‘: dies ist ein Lehrgedicht, in dem die Liebe sich hinter dem Rock des argumentierenden Lehrers verbirgt, aber auch blicken läßt. Sofern sie sich blicken läßt — gelegentlich zeigt sie sich sogar in verlockender Gestalt — geht es jedoch um mehr als Illusion und Desillusionierung. Es geht um Erfahrung im Medium des Scheins.“ (S. 428 f.)
  7. Textstrategien a) Das Spiel mit Rollen und Perspektiven (S. 430 ff. – wichtig): „In ihrer Perspektive erfahren Liebende zeitlose Einheit. Die Lesenden folgen ihnen, werden von ihr jedoch durch Außenperspektiven getrennt. So wird ihnen diese Einheit zum Schein Das Gedicht schafft ihn im Gefüge sich relativierender Perspektiven: Im Perspektivengefüge gelingt es, lyrisch das Nichtsagbare dennoch zu sagen.“ (S. 434) b) Das Verhalten zur Tradition (S. 434 ff. – sehr gelehrt): Das Gedicht ist eine Antwort aus Hofmannsthals „Terzinen über Vergänglichkeit“, vgl. http://de.wikisource.org/wiki/Terzinen_%C3%BCber_Verg%C3%A4nglichkeit_(I%E2%80%93IV)

Jan Knopf hat nicht nur das große Brechthandbuch geschrieben, sondern auch einen Aufsatz „Das Liebesgedicht ohne Liebe“, der als Datei vorliegt (http://brecht.german.or.kr/jungbo.net/Hwizard/contents/jahrbuecher/1/09liebgedicht.doc). Darin stellt er die Textgeschichte dar und hellt auch die Verwirrung um den Titel auf; das Gedicht ist für die Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ 1928 verfasst worden und soll dort von Jenny und Jimmy (Szene 14) gesungen werden, also von Hure und Freier im Bordell – das ist schon eine starke Distanzierung von der Vorstellung romantischer ewiger Liebe! Der erste Druck als Gedicht unter der Überschrift „Terzinen über die Liebe“ erfolgte 1931 (in der Knopf-Datei S. 143 f., bei Pietzcker S. 413 f.). In der von Wieland Herzfelde herausgegebenen Sammlung „Hundert Gedichte“ (1951) steht es dann unter der Überschrift „Die Liebenden“.

Da wir schon beim Text sind, will ich gleich noch auf die in den beiden Gedichtfassungen verschiedenen Abfolgen der Verse 7-9 hinweisen; dazu und zu anderen Textproblemen kann man auch noch http://www.icn.uni-hamburg.de/webfm_send/29 heranziehen, eine Analyse des Gedichts (Hühn, Kiefer, Schönert, Stein) mit neuen Mitteln der Erzähltheorie (sehr kompliziert). Der gültige Text ist leicht greifbar unter http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/lektuere/terzinen.htm; vgl. damit http://www.joergalbrecht.de/es/deutschedichter.de/werk.asp?ID=614 (andere Reihenfolge der Verse 7-9 nach: Die Liebenden)

In einem zweiten Durchgang setzt Jan Knopf sich v.a. mit Peter von Matts Deutung auseinander. Knopf hebt auch jene Ambivalenz hervor, „mit der es Brecht gelingt, einerseits diese abgehobene Vorstellung vom Aus­ser-der-Zeit-Sein zu vermitteln, mit dem vollkommenes, wenn auch kurzes Glück verbunden zu sein scheint, und andererseits zu­gleich das genaue Gegenteil zu sagen: Dieses Glück gibt es gar nicht; es ist reine Einbildung.“ (S. 150) Knopf arbeitet auch Brechts Technik der Desillusionierung heraus: „Aus den Schlußversen ist dann zu folgern: Das Gedicht besteht nur in ästhetischem Schein, und die Desillusionierung ist auch dazu da, daß die davor aufgerufene Utopie als solche bemerkt wird. Dieses Fazit zieht auch der abschließende Vers: Auch das Gedicht ist nur Schein und sollte nicht mit irgendwelchen Wirklichkeiten verwechselt werden. Es gibt keinen Halt und keine Beruhigung, weder im Liebesglück noch im Gedicht.“ (S. 152)

Als die elementaren methodischen Probleme möchte ich benennen: 1. Wie weit muss Brechts Gedicht in Bezug auf Dante und Hofmannsthal (s.o.) verstanden werden? 2. Muss es primär als eigenständiges Gedicht oder als Duett der Mahagonny-Oper verstanden werden? (S. dazu auch die Analyse von Kühn u.a.)

Weitere Analysen:

http://www.khristophoros.net/brecht.html

http://johannesklinkmueller.wordpress.com/2012/10/10/%E2%99%A1-wenn-sie-nur-nicht-vergehen-und-sich-bleiben-ein-unverganglicher-liebeswalzer-bertolt-brechts-die-liebenden/ (Klinkmüller lässt die letzten drei Verse einfach weg und kommt so zu einem überaus schönen Liebesgedicht – das süße Liebesfühlen beruht auf bewusstem Pfuschen!)

http://homepage.bnv-bamberg.de/gk_deutsch/gedichte/brecht_liebende-02.doc (Aufbau und Form, kurz – Referat der Ergebnisse eines Lk-Deutschkurses)

Es sind weitere schülerhafte Analysen im Netz greifbar, die mehr auf Vermutungen als auf genauem Lesen beruhen. Als letzter Link sei genannt http://www.helpster.de/gedichtanalyse-von-die-liebenden-gelingt-ihnen-so_77497 (ein Beispiel, wie bescheuert eine Anleitung zur Gedichtanalyse durch einen vermeintlichen Fachmann sein kann). – Bereits in seiner Habilitationsschrift „Die Lyrik des jungen Brecht“ (1974) hat Carl Pietzcker [aus heutiger Sicht auch eine dem Zeitgeist verpflichtete Jugendsünde?] das Gedicht im Kontext der Entwicklung Brechts beim Thema SEXUALITÄT kurz analysiert (S. 261 ff.): Mit den verschiedenen typischen Bildern und Motiven „geht die bürgerliche Negation der das Subjekt negierenden bürgerlichen Gesellschaft in die Lyrik des jungen Brecht ein; eine Negation, in der das bürgerliche Subjekt sich selbst und den anderen so negiert, daß noch in der hierbei erreichten Bewahrung das Abstrakt-Allgemeine wiederkehrt: in der Leere des Himmels, der Ungreifbarkeit der Wolke, im tonlosen Flügelschlag, dem Vergehen des Gesichts und dem Schwinden der Erinnerung“ (S. 271; vgl. S. 292 die entsprechende Zusammenfassung in psychoanalytischer Perspektive).

Vortrag:

http://www.youtube.com/watch?v=yxfudb0Oa_o (Monica Bleibtreu)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/die-liebenden-859.html (Fritz Stavenhagen, Text problematisch)

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