Brecht: Die Teppichweber von Kujan-Bulak ehren Lenin – Analyse

Oftmals wurde geehrt und ausgiebig …

Text

http://www.mlwerke.de/br/br_001.htm oder http://archiv2.randzone-online.de/mewerke/meonline/me96.htm oder http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht14_26.html

Der Text ist Ende1929/Januar 1930 entstanden, geplant als Gedicht zur Wiederkehr von Lenins Todestag (21. Januar 1924); Ende 1932 stellte Brecht drei Gedichte für eine Veröffentlichung zusammen („Die Bolschewiki entdecken…“, das Gedicht von den Teppichwebern und „Die Internationale“). In den Druckfahnen strich er dann „Die Internationale“ und stellte die beiden verbliebenen unter das Motto „Geschichten aus der Revolution“ (in „Versuche“, 1933). Später wurde das Gedicht von den Teppichwebern  in die „Chroniken“ der Svendborger Gedichte (1939), dann in die „Kalendergeschichten“ (1949) aufgenommen. – Quelle des Textes ist der nicht gezeichnete Artikel „Ein Denkmal für Lenin“ in der „Frankfurter Zeitung“ vom 30. Oktober 1929, dem Brecht teilweise wörtlich folgt (Kommentar in Bertolt Brecht: Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Bd. 3, 1997, S. 442 f.).

Aufbau

Ich folge der Verszählung in der genannten Ausgabe der Werke; dort werden die Überschrift und die beiden Nummern mitgezählt, sodass sich insgesamt 59 Verse ergeben; in  „Svendborger Gedichte“ wird der alte V. 5 auf V. 5 f. aufgeteilt, sodass dort 60 Verse stehen.

Das Gedicht von der Ehrung Lenins in Kujan-Bulak (in der damaligen Sowjetrepublik Usbekistan) besteht aus fünf Strophen. In der 1. Strophe wird der Bericht eingeleitet, indem diese Ehrung in K.-B. mit weiteren Ehrungen Lenins in der Gegenwart verbunden wird. In der 2. Strophe (V. 11 ff.) wird diese Ehrung in K.-B. berichtet. Zunächst wird die Situation der Teppichweber beschrieben (V. 11 ff.); danach wird der Beschluss, Lenin zu ehren, berichtet: zuerst der Beschluss, eine Gipsbüste zu errichten (V. 18 ff.), danach der Vorschlag des Rotarmisten Stepa Gameleew (V. 28 ff.), stattdessen mit Petroleum Mücken und Fieber zu bekämpfen, „und zwar / Zu Ehren des gestorbenen … Genossen Lenin“ (V. 37 ff.). In der 3. Strophe wird der neue Beschluss und dessen Ausführung berichtet (V. 41-44). Es folgt in der 4. Strophe ein Kommentar des Erzählers, der die Dialektik des Geschehens (und damit dessen sozialistische Vorbildlichkeit) erklärt: „So nützten sie sich, indem sie Lenin ehrten und / Ehrten ihn, indem sie sich nützten und hatten ihn / Also verstanden.“ (V. 45-47) Die 5. Strophe bildet den Teil 2 des Gedichts: Zunächst blickt der Erzähler zurück, indem er indirekt seine Zuhörer (hier aber: die Leser) mit „wir“ anspricht (V. 49 f.): „Wir haben gehört…“, so als ob eine Nutzanwendung eingeleitet würde. Darauf berichtet er zum zweiten Mal von der Ausführung des Beschlusses (V. 50 f., nach V. 41 ff.) sowie vor allem vom weitergehenden Vorschlag eines nicht benannten Mannes, eine Tafel mit dem Bericht vom gesamten Geschehen an der Bahnstation anzubringen (V. 52 ff.). „Und dies alles zu Ehren Lenins.“ (V. 57) Den Schluss bildet der Bericht davon, wie auch dies noch ausgeführt wurde (V. 58 f.).

Der Erzähler stellt sich als einer vor, der zu den „Genossen“ gehört („der Genosse Lenin“, V. 4 u.ö.). Er berichtet nicht ohne Stolz von den vielfältigen Ehrungen Lenins (V. 4 f.); dass diese Ehrungen zu Recht erfolgen, führt der vorbildliche Rotarmist Gameleew aus: „Zu Ehren des gestorbenen, aber / Nicht zu vergessenden / Genossen Lenin.“ (V. 38-40; wieso Gameleew vorbildlich handelt, wird unten erklärt.) Er zeigt auch Anteilnahme an der Lage der armen Teppichweber (fiebergeschüttelt, V. 12; ärmlicher Webstuhl, V. 12; Sumpf hinter dem alten Kamelfriedhof, also am Ende der Welt, V. 15; arme Leute, V. 21; mühsam erworbene Kopeken, V. 27).

Der Rotarmist Gameleew wird vom Erzähler herausgehoben, nicht nur indem er als einziger mit seinem Namen vorgestellt (V. 28), sondern auch, indem als sorgsam zählend und genau schauend charakterisiert wird (V. 29). Dieser genau Schauende sieht (!) zweierlei: die Bereitschaft, Lenin zu ehren, und „die unsicheren Hände“, also die Armut der Leute (V. 30 f.). Ihn freut diese Bereitschaft (V. 30), aber die Armut der Leute verbietet eigentlich, für eine Gipsbüste Geld auszugeben (obwohl Lenin zu ehren in Ordnung ist, V. 3 ff.). Diesen Widerspruch löst der vorbildliche Gameleew dialektisch mit seinem neuen Vorschlag auf („plötzlich“ hatte er eine Einsicht, V. 32 f.). Es gelingt damit, „das Fieber zu bekämpfen in Kujan-Bulak, und zwar / Zu Ehren des gestorbenen, aber / Nicht zu vergessenden / Genossen Lenin“ (V. 37 ff.). In diesen Versen sind die Zeilenschnitte exakt und sinnvoll gesetzt: Bekämpfung des Fiebers // Ehrung des Genossen Lenin / der zwar gestorben / aber nicht zu vergessen ist.

In der 4. Strophe wird im Erzählerkommentar noch einmal die Dialektik des Handelns der Teppichweber lehrhaft herausgestellt und zustimmend kommentiert: „und hatten ihn / Also verstanden.“ (V. 46 f.). Damit wird die „Dramaturgie“ des ersten Teils offenbar: Es gilt für alle, Lenin an ihren Orten so zu verstehen, wie die Teppichweber ihn in Kujan-Bulak verstanden haben. Ihr Handeln ist vorbildlich, die Geschichte ihres Handelns eine Parabel vom richtigen, hilfreichen Kommunismus, d.h. vom Verständnis Lenins.

Im Teil 2 wird berichtet, wie die Parabel vom richtigen Kommunismus auf den Weg zu den Menschen gebracht wird: indem eine Tafel mit dem Bericht vom gesamten parabolischen Geschehen an der Bahnstation angebracht wird (V. 52 ff.), damit die Reisenden sie lesen und in die Welt hinaustragen können: die moderne Methode der Kommunikation, welcher sich auch Brechts Gedicht einfügt (wenn es sich durch den Druck auch wieder darüber erhebt, finde ich – vgl. zu dieser Medialität http://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/germanistik/lehrende/hoelter_a/musterprotokoll_1.pdf).

Zum Umfeld des Gedichts

[…] Um die Mitte der zwanziger Jahre zeigte sich in Deutschland ein kräftiges Aufblühen der sozialen und politischen Poesie, und zwar insbesondere einer dem revolutionären Proletariat verpflichteten Poesie. Dieser Prozeß, der sich mehr und mehr zu einer umfassenden Literaturbewegung ausweitete, hatte seine wesentliche Voraussetzung in der Entwicklung der 1918/19 gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands zur konsequenten und einflußreichen Führerin der Arbeiterklasse und der werktätigen Bauernschaft, zur revolutionären Massenpartei Leninschen Typs. Bemerkenswerterweise trägt die im Zusammenhang damit sich entfaltende sozialistische Lyrik dieser Jahre in einem weiten Umfang ausgesprochen balladesken Charakter. Die Arbeiterklasse hatte ein tiefes Bedürfnis, sich selbst, ihr Leiden und ihren heldenhaften Kampf um ihre politische und soziale Befreiung in kleinen lyrischepischen Dichtungen zu spiegeln. (…) Die Geschichte dieses balladenhaften Kampfliedes deutet zugleich darauf hin, daß sich die sozialistische Ballade vielfach in engster Beziehung zum politischen Lied und entweder als sangbares Genre entwickelte oder doch zumindest im Hinblick auf den unmittelbaren Gebrauch durch das neue Publikum entstand, durch die neue literarische Öffentlichkeit der arbeitenden Massen. Naturgemäß konnte die adäquate literarische Selbstdarstellung der Arbeiterklasse unter den damaligen sozialen Bedingungen immer nur Ausnahme bleiben; war es doch gerade die wesentliche gesellschaftliche Funktion der sozialistischen Dichtung, der Klasse insgesamt das Bewußtsein erst mit schaffen zu helfen, dessen sie zu ihrem erfolgreichen Befreiungskampf bedurfte. Eben dieser Aufgabe diente nun innerhalb der poetischen Literatur neben dem Kampflied vor allem die reiche Balladendichtung des aufkeimenden sozialistischen Realismus im Deutschland der zwanziger und der ersten dreißiger Jahre. Und umgekehrt erwies sich die Ballade als ein Genre, das es den zahlreichen aus bürgerlichen Schichten stammenden Dichtern der Arbeiterklasse erleichterte, ihre theoretischen Einsichten und sozialen Erfahrungen schnell und wirksam für ihre literarische Arbeit zu verwerten.

Als erster dieser Dichter ist hier Erich Weinen zu nennen. (…) Bertolt Brechts Orientierung auf das revolutionäre Proletariat und dessen Weltanschauung fand ihren frühesten literarischen Ausdruck in balladenhaften Gedichten aus den Jahren 1926 bis 1929, vor allem in dem bekanntesten aus dieser Gruppe: „Die Teppichweber von Kujan-Bulak ehren Lenin“. Brechts spätere Balladen bilden einen gewichtigen Bestandteil seines lyrischen Schaffens, ja seines Schaffens überhaupt. „Ballade von den Osseger Witwen“, „Ballade von der Judenhure Marie Sanders“, „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Wege des Laotse in die Emigration“, „Kinderkreuzzug“ und „Der anachronistische Zug“ seien als einige hervorragende Beispiele hier in Erinnerung gebracht. (Hans Richter: Die Ballade in der sozialistischen Dichtung)

Interpretation

Methodisch wäre zu erwägen, wie weit man das Gedicht als Teil der „Geschichten aus der Revolution“ 1933, der „Svendborger Gedichte“ 1939 oder der „Kalendergeschichten“ 1949 zu verstehen hat.

http://www.docstoc.com/docs/115311500/Kalendergeschichten-von-Bertolt-Brecht (Kalendergeschichten; das Gedicht als Gegenentwurf zu „Caesar und seine Legionäre“, Sebastian Pulfrich)

Ob das Gedicht als Brechts Kritik am Personenkult Stalins zu begreifen ist, bezweifle ich; völlig ausschließen kann man es nicht (vgl. dazu http://www.stink-tier.de/ kurze Biografie Stalins; http://de.wikipedia.org/wiki/Stalinismus Stalinismus; http://de.wikipedia.org/wiki/Lenin-Mausoleum Lenin-Mausoleum;

http://www.zeitgeschichte-online.de/portals/_ungarn1956/documents/chrustschow_geheimrede.pdf Chrustchow, 1956)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=hyOxdpXwzWI (Helene Weigel)

http://www.youtube.com/watch?v=7T8N9aFH5M8&feature=watch_response (Musik: Hanns Eisler)

Bericht von der Rezeption des Gedichts: http://www.freitag.de/autoren/magda/ich-und-201edie-teppichweber-von-kujan-bulak-ehren-lenin201c

http://de.wikipedia.org/wiki/Brunnen_und_Skulpturen_in_Aue (Skulptur in Brünlasberg)

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