Brecht: Drachenlied – Analyse

Fliege, fliege, kleiner Drache…

Text 

http://www.sky-giants.de/26.htm oder

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht14_26.html oder

http://www.drachenarchiv.de/Seiten/g_gedichte.html oder

http://www.brechtschule-schwedt.privat.t-online.de/10000.htm oder

http://www.drachenwiki.de/index.php?title=Drachenlied

Das „Drachenlied“, wie andere „Kinderlieder“ Brechts 1950 entstanden, ist heute in vielen unserer Lesebücher vertreten: ein Klassiker. Als Sprecher ist ein Kind zu denken, das den Drachen mit „du“ anspricht.

In der 1. Strophe fordert das Kind den Drachen auf, in die Luft zu fliegen (drei verschiedene Imperative: Fliege, Steig, Schwing). Zweimal wird der Drache als „klein“ bezeichnet bzw. als Kleiner angesprochen (V. 1, V. 3); klein ist er nicht in Bezug auf das Kind, sondern auf die großen Flugzeuge (V. 11) – auf diesen Bezug wird der Leser bereits in der 1. Strophe vorbereitet. Die „Lüfte“ (V. 2) sind dem Bereich der „Häusergrüfte“ (V. 4) gegenübergestellt: als Reich der Freiheit. Die Aufforderungen passen in die Situation, dass das Kind mit dem Drachen gegen den Wind anläuft, um den Auftrieb zum Steigen des Drachen zu nutzen.

Die Situation in der 2. Strophe passt nicht zu diesem vorangehenden Laufen: Es wird reflektiert, was geschieht, wenn der Drache in der Luft steht. Erstens bleibt er oben, und zweitens wird erklärt, wie er das macht: Obwohl er der Knecht der starken Winde ist, zwingt er sie, ihn hochzutreiben. Dieses dialektische Verhalten, die Herrschaft des Knechts, macht ihn zu einem Vorbild für die Menschen. Dass es „sieben“ Windsgewalten sind, ist eine unbestimmte Zahl für „viele“, aber auch ein fester Begriff (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Sieben; vielleicht entsprechen sieben Winde auch den sieben Weltmeeren, http://de.wikipedia.org/wiki/Sieben_Meere).

In der 3. Strophe wird die Herrschaft des kleinen Drachen noch einmal bekannt: „Wir selbst liegen dir zu Füßen!“ (V. 9) Wer zu diesem Plural „wir“ gehört, wird nicht gesagt; zu Füßen liegen: den Drachen verehren oder sich ausruhen? Im Kontext ist sicher die Verehrung des Herrn der Winde gemeint, selbst wenn sie Form des Ausruhens geschähe. Es folgt eine Wiederholung der Aufforderung vom Anfang („Fliege“, V. 10, erneut wiederholt), und die wahre Qualifizierung des kleinen Drachen: „Ahne unsrer großen Aeroplane“ (V. 10 f.). Hier wird das Kinderspiel des Drachensteigens in die Geschichte des Fortschritts eingeordnet. Eine dem entsprechende letzte Aufforderung wird an den Drachen gerichtet: „Blick dich um…“ (V. 12), zu den großen Flugzeugen, den Urenkeln des kleinen Drachen, um sie als die neuen Drachen zu begrüßen – so wird das Kinderspiel mit der Technik der Erwachsenen vermittelt.

Der Ton des ganzen Gedichts ist fröhlich-optimistisch, der Begeisterung kindlichen Spielens angepasst; dabei ist der Sprecher vorgeblich ein Kind, aufgrund der Gedankenführung aber als Erwachsener anzusehen. Durchweg wird in vierhebigem Trochäus gesprochen, also zügig; der Kreuzreim bedingt allenfalls im jeweils 3. und 4. Vers einer Strophe eine kleine Pause. Manchmal ist aufgrund des Satzbaus am Versende eine Pause zu machen (V. 1, 2, 4, 5, 6, 7, 8 usw.); hier ist auch V. 7 mitgezählt, obwohl der Vers nur eine Apposition zu „du“ enthält, was man im ersten Hören aber nicht bemerkt. In der 3. Strophe wechselt die Reimform zum umarmenden Reim.

Die Reime binden Wortgruppen oder Verse meistens sinnvoll aneinander: Kleiner Drache / kleine blaue Sache (V. 1/3: zwei Anreden des Drachen); in die Lüfte / Häusergrüfte (V. 2/4: die beiden Bereiche); in den Lüften bleiben / dich hochzutreiben (V. 6/8: Drache in der Luft) usw. Der Duktus traditioneller Gedichte scheint der kindlichen Adressaten wegen aufgenommen zu sein.

Das Gedicht findet man, wie gesagt, in vielen Lesebüchern; im Internet gibt es bisher aber keine einzige Interpretation – es scheint, als ob der fröhliche Ton des Gedichts als „kindgemäß“ genügte und die Dialektik von dienen/herrschen keinem auffiele. Mit der Ahnenreihe Windvogel (Drache) – Flugzeuge hat Brecht mehr als Recht: Heute sind schon fast alle Kinder mit einem Flugzeug geflogen, aber Drachen lässt kaum jemand noch steigen. Das Drachensteigenlassen kennen Kinder allenfalls noch aus dem Lesebuch, aus Herbstgedichten…

Einen Vortrag des Gedichts habe ich nicht gefunden. In Brecht: Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Bd. 4, 1997, S. 402 heißt V. 7 vermutlich irrtümlich: „Herr der sieben Windsgewalten“; alle anderen Versionen, die ich gefunden habe, lauten jedoch: „Knecht der sieben Windsgewalten“, was dem Denken Brechts entspricht.

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