Brecht: Lob der Partei – Analyse

Der einzelne hat zwei Augen…

Text: http://www.mlwerke.de/br/br_002.htm oder http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht14_26.html

Wie soll man ein Gedicht interpretieren, dessen radikale Bejahung „der Partei“ aus der „Bekehrung“ Brechts zum Kommunismus verständlich ist, das sich aber nach der Erfahrung mit dem Stalinismus und dem „real existierenden Sozialismus“ vielleicht anders liest als 1929/30, wo es entstanden ist? Im Stück „Die Maßnahme“, in der das Gedicht beheimatet ist, wird es von einem Chor gesungen, um den Führungsanspruch des Parteiapparats gegenüber einem Einzelnen zu begründen. Heute wird es auch als isoliertes Gedicht verwendet.

Es ist denkbar einfach aufgebaut: In drei Punkten wird zunächst die beinahe unendliche Überlegenheit der Partei gegenüber dem Einzelnen herausgestellt (Augen, sehen, Zeit, V. 1-6). In V. 7 f. wird ein Fazit dieser Auszählung gezogen: „Der einzelne kann vernichtet werden / Aber die Partei kann nicht vernichtet werden“. Sie ist in die Position GOTTES gerückt. Es folgt die Begründung des Fazit-Glaubenssatzes: Sie ist der „Vortrupp der Massen“ (nimmt die Vielzahl der Augen, der Stunden und der Unvernichtbarkeit auf) und führt ihren Kampf „mit den Methoden der Klassiker“ Marx und Engels. Was die Klassiker zu unangreifbaren Bezugspunkten macht, wird zum Schluss erklärt: Deren Methoden sind geschöpft „Aus der Kenntnis der Wirklichkeit“ (V. 12) – für dieses Axiom gibt es dann keine Begründung mehr.

Die Sprache ist schlicht; nur der Zeilenschnitt gliedert die Prosa. Den Anfang beherrscht die Gegenüberstellung des Einzelnen und der Partei; den Schluss bildet ein Bekenntnis zur Wahrheit der Klassiker. Im Kontext des Stücks sind das Sehen und die Klassiker Referenzpunkte.

Kontext des Chorliedes im Stück „Die Maßnahme“

(…) Der Junge Genosse lässt sich aber keineswegs von den Agitatoren belehren. Er wagt den Aufstand: „Nein, er ist ein Arbeitsloser und fühlt wie die Arbeitslosen. / Die Arbeitslosen können nicht mehr warten und ich / Kann nicht mehr warten / Es gibt zu viele Elende.“ Hier nun beginnt seine endgültige Revolte gegen die „ordentliche Revolution“. Aufgrund des „Elends“, das er immer wieder mit ansehen muss, bricht er mit den Agitatoren. „Der Junge Genosse verläßt sich auf die Unmittelbarkeit seines Sehens, seines Fühlens, seiner möglichen Tat – und er verfehlt eben dadurch die Wirklichkeit, mit der er sich vorher einverstanden gezeigt hat.“ Das Leitmotiv des „Sehens“, das J. Knopf hier erwähnt hat den Jungen Genossen ja bereits mehrere Male Verfehlungen begehen lassen. Nun jedoch ist es dafür verantwortlich, dass er sämtliche Erkenntnisse aus früheren Fehlern vergisst, und die Sache, die Revolution verrät.

Er geht dabei soweit, die Dogmen des Kommunismus infrage zu stellen: „So frage ich: dulden die Klassiker, daß das Elend wartet? […] Dann sind die Klassiker also nicht dafür, daß jedem Elenden gleich und sofort und vor allem geholfen wird?“ Nachdem der Junge Genosse aus einem „mitmenschlichen Impuls“, wie J. Kayser es nennt, diese Fragen stellt und sie von den Agitatoren entgegen seinen Vorstellungen beantwortet bekommt, verneint er die Lehren, die er am Anfang des Stückes noch befürwortete: „Dann sind die Klassiker Dreck, und ich zerreiße sie; denn der Mensch, der lebendige brüllt, und sein Elend zerreißt alle Dämme der Lehre. Darum mache ich jetzt die Aktion, jetzt und sofort; denn ich brülle und ich zerreiße die Dämme der Lehre.“

Der Junge Genosse hat sich von den Agitatoren getrennt und vertraut nun auf seine Aktion, die ihm seine Humanität befiehlt. Sein folgenschwerster Fehler, wie sich herausstellen wird. Die Agitatoren, die seinen Eifer nicht mehr bremsen können, sehen sich einer verhängnisvollen Situation gegenüber: Wenn der Junge Genosse den Fehler begeht, bringt er ihre ganze Mission in Gefahr. Zwar sehen sie, dass der Junge Genosse im Recht ist, wenn sie sagen „Gehe nicht ohne uns den richtigen Weg / Ohne uns ist er / der falscheste“, doch zeigen sie mit dieser Aussage auch, dass sie der Revolution folgen müssen, selbst wenn andere Wege richtig(er) scheinen.

Das Leitmotiv des „Elends“, dass Die Maßnahme im vorrevolutionären China erkennen lässt, paart sich an dieser Stelle mit dem Leitmotiv des „Sehens“, das den Jungen Genossen bereits seine weniger verhängnisvolleren Fehler begehen ließ. „Mit meinen zwei Augen sehe ich, daß das Elend nicht warten kann.“ ist die Begründung, mit der er seinen Ausbruch aus der revolutionären Ordnung rechtfertigt. Hier nun schiebt der Autor das Lied „Lob der Partei“ ein, das er vom Kontrollchor vortragen lässt. Das Lied wurde später auch unabhängig vom Maßnahme-Text in verschiedenen Brecht-Werksausgaben veröffentlicht. Dies zeigt schon, dass der Inhalt nicht nur für das Stück selber relevant zu sein scheint. Das Lied macht in seinen Passagen die „Unwissenheit des Einzelnen“, der die „Omnipotenz der Partei“ gegenüber steht, klar, welcher sich der Junge Genosse die ganze Zeit hilflos ausgesetzt sieht. Im ersten Lied-Teil „Der Einzelne hat zwei Augen / Die Partei hat tausend Augen“ wird das Sehen-Motiv aufgegriffen und gezeigt, dass ein gesehenes Unrecht noch lange nicht auch in den Augen der Partei ein Unrecht sein muss, da diese es aus vielen Blickwinkeln betrachtet. Sie beansprucht so einen objektiveren Standpunkt für sich. Selbst wenn diese Aussage zutrifft, so ist der Junge Genosse in diesem Moment auf seinen subjektiven Standpunkt angewiesen. Es ist ihm nicht möglich das Beste für die Revolution zu tun, da das Elend, das er erfahren hat, sein Revolutionsbewusstsein betäubt zu haben scheint.

Er antwortet auf das Lied, dessen Text er jedoch nie erfahren haben kann, da er mit dem Kontrollchor nie in Kontakt getreten ist. Seine Reaktion kann jedoch auch nicht auf die dem Lied vorangegangenen Aussagen der Agitatoren bezogen sein, da sie inhaltlich keinen Sinn ergeben würden. „Alles das gilt jetzt nicht mehr; im Anblick des Kampfes verwerfe ich alles, was gestern noch galt, und tue das allein Menschliche.“ Und auch dieses Bekenntnis macht die Befreiung des Jungen Genossen von seiner vormals parteibestimmten Revolutionsansicht klar.

Das Kapitel gipfelt in der Selbstdemaskierung des Jungen Genossen. Mit den Worten: „Darum trete ich vor sie hin / Als der, der ich bin, und sage, was ist.“ reißt er sich die Maske vom Gesicht. Er ist nun ganz er selbst und entfremdet sich vor den Agitatoren, „aber gerade nicht, indem er sich verstellt oder maskiert, sondern indem er die Maske abnimmt. Tödliches Sich-Entfernen enthüllt sich hier als Befremdung, als Demaskierung!“, interpretiert J. Kayser diese Textstelle. (Stefan Hoeltgen, S. 8 f. in der Datei http://www.simulationsraum.de/wp-content/Texte/Die_Massnahme.pdf – die Datei gibt einen umfassenden Überblick über das Stück; kurz ist http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kalenderblatt/446733/ zu „Die Maßnahme“. Zum Stück, das erst seit 1998 wieder zur Aufführung freigegeben ist, und zur Aufführungsgeschichte siehe auch http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt01/0105gesd.htm.

Rezeption

http://de.wikipedia.org/wiki/Denkmal_zur_Geschichte_der_deutschen_Arbeiterbewegung_an_der_Gedenkst%C3%A4tte_Eisenacher_Parteitag_1869 (DDR)

http://morgenlaenders-notizbuch.blogspot.de/2012/07/mordhetze-als-lobgesang-uber-ein.html (antikommunistisch)

http://www.sozialistische-gedenkstaetten.de/sa/Chemnitz/Brecht/Brecht.shtml (Gedenkstätte in Chemnitz)

http://www.politplatschquatsch.com/2012/04/faktencheck-so-falsch-liegt-bertold.html (ironische Kommentierung)

http://www.lyrikheute.com/2012/08/bertold-brecht-zum-abgewohnen-von-til.html (Replik, Parodie)

http://starke-meinungen.de/blog/2011/06/14/advocatus-dei/ (als Beispiel totalitären Denkens)

http://www.secarts.org/journal/index.php?show=article&id=186 (trotzig sozialistisch)

Material

http://sammelpunkt.philo.at:8080/79/1/brechte.htm (über Brecht als Philosophen)

http://www.redworks.info/BRECHT/bb_100/bb_rechts.htm (Würdigung Brechts im „Interview“ 1998)

http://www.schmidt-soltau.de/PDF/German/1997_Marxismus_20.Jahrhundert.pdf (S. 85 ff.: Die Partei hat immer Recht)

http://www.neue-impulse-verlag.de/marxistischeblaetter/artikel/107/137-der-pflaumenbaum-und-der-kommunismus.html (Interpretation der „Sache“, nicht des Gedichts)

http://www.vsp-vernetzt.de/soz-0609/060924.htm (Brechts Lernprozess im Loben der Partei)

http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/kahl_marx1.pdf (Abgrenzung gegen Fürnbergs „Lied von der Partei“)

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