Brecht: Deutschland (1933) – Analyse

O Deutschland, bleiche Mutter…

Text

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht63.html

http://www.kaz-online.de/pdf/332/332_3.pdf

http://www.oocities.org/de/alemao2a/Brecht.htm

Schande, im Gegensatz zur Ehre die Mißachtung, die denjenigen trifft, der durch sein Verhalten die Sittlichkeit, die gute Sitte oder die Forderungen der Standes-, Berufs– etc. Ehre verletzt. (Meyers Großes Konversationslexikon, 1909)

Schande heißt die schlechte Meinung, die andere von unserem Wert, besonders dem moralischen, haben. Wie bei der Ehre, dem Gegenteil der Schande, haben wir auch hier äußere und innere Schande zu unterscheiden. Jene ist das verwerfende Urteil, welches die Welt über uns fällt, diese die Verurteilung durch unser Gewissen. (Kirchner/Michaelis: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe, 1907)

Schande 1. ♦ Zustand des Verachtetseins, Bloßgestelltseins, in den man durch (eigenes) schuldhaftes Tun geraten ist; 2. etw. ist eine Schande ♦ etw. ist empörend, unerhört. (DWDS)

Es ist offensichtlich, dass Schande sich darin zeigt, dass andere auf jemanden herabsehen, weil er etwas Schändliches getan hat – was jedoch schändlich ist, ist nicht so klar bestimmt wie die verachtende Geste „herabsehen“. Wenn also normalerweise über die Schande eines Menschen gesprochen wird, besorgen das die anderen. Im Motto des Gedichtes unterstellt Brecht jedoch, dass jedermann von seiner eigenen Schande spricht – noch genauer: dass er nicht von der Schande der anderen sprechen will (das mögen sie selbst tun), sondern von der eigenen, „von der meinen“. Das ist als ungewöhnlich festzuhalten und rückt das unter diesem Motto stehende Gedicht in ein eigentümliches Licht: Es könnte eine Art Sündenbekenntnis werden. Mit dem Bekenntnis zur eigenen Schande bezieht er sich zugleich kritisch auf den Anspruch der Nazis, die Ehre Deutschlands wieder herzustellen (Parteiabzeichen vor 1933 mit der Inschrift in  zwei Zeilen: EHRE FREIHEIT / ARBEIT BROT): In Wahrheit bereiten sie ihm nur Schande; dazu unten mehr. Der Sprecher ist im Motto ein Ich, das man Ich-Sprecher-Brecht nennen sollte; auch wenn er im eigentlichen Text des Gedichts nicht ausdrücklich als Ich auftaucht, wertet er doch so deutlich und im Sinn Brechts (Deutschland ist 1933 bleich, befleckt, der beste Sohn erschlagen, die Wahrheit muss schweigen usw.), dass an der Identität des Ich-Sprechers im Motto kein Zweifel bestehen kann, auch daran nicht, dass er später immer noch spricht, selbst wenn das Personalpronomen der 1. Person Singular nicht auftaucht.

In der 1. Strophe wird offenbar, worin die Schande des (Ich-)Sprechers besteht: Seine Mutter ist „besudelt“ (V. 2), also beschmutzt. Er spricht seine Mutter Deutschland direkt an („O“, V. 1) und beklagt, dass sie „besudelt“ unter den anderen Völkern sitzt, die offenbar als Menschen vorgestellt werden. „Mutter Deutschland“ ist eine ungewöhnliche Bezeichnung für das, was man gewöhnlich „Vaterland“ oder „Heimatland“, vielleicht noch „Geburtsland“ nennt: Deutschland wird so das Land, nicht nur in dem man geboren worden ist, sondern das einen geboren und ernährt hat; mit der Metapher „Mutter“ wird die elementarste menschliche Beziehung ins Spiel der politischen Anklage gebracht. Wenn die Mutter bleich ist, dann geht es ihr nicht gut. Wie beschmutzt Deutschland ist, wird im zweiten Teil der 1. Strophe deutlich: „Unter den Befleckten / Fällst du auf.“ (V. 4 f.) Deutschland ist also das schmutzigste Land von allen, klagt der Sprecher. In den vier ersten Strophen markiert der Schlussvers jeweils die Tatsache, dass die Klage und Anklage unbestreitbar ist: auffällig (V. 5), ruchbar geworden (V. 11), man weiß es (V. 16), ist es [unbestreitbar] nicht so? (V. 21)

In den beiden folgenden Strophen wird erklärt, wieso Deutschland besudelt ist: In der Familie Deutschland (die Metapher „Mutter“ wird ausgeweitet) hat es einen Mord gegeben; die Söhne haben ihren „ärmsten“ Bruder erschlagen – und noch schlimmer, sie gehen „frech vor dir herum und lachen in dein Gesicht“ (V. 15 f.), statt sich zu schämen. Der abschließende Vers („Das weiß man“, V. 16) schließt jeden Widerspruch, jedes Leugnen aus; er greift den Schlussvers der 2. Strophe auf und erhöht den Grad, in dem das Verbrechen offensichtlich ist (ruchbar geworden, V. 11 / Das weiß man, V. 16).

In den nächsten beiden Strophen werden weitere Untaten im Haus (V. 17) der Familie Deutschland beklagt. Dabei arbeitet der Sprecher das Unrecht durch scharfe Kontraste heraus: Die Lüge wird gebrüllt. / Die Wahrheit muss schweigen (4. Str., doppelter Kontrast Lüge/Wahrheit, brüllen/schweigen). Unterdrücker und Ausbeuter loben Deutschland. / Unterdrückte und Ausgebeutete beschuldigen es (5. Str.).

In der 6. Strophe wird die Mordanklage aus der 2. Strophe wieder aufgegriffen: Deutschland schämt sich oder will den Mord verheimlichen (den blutbeschmierten Rockzipfel verbergen), doch „alle“ sehen Deutschland dies tun – es kann den Mord nicht verheimlichen. Dass der Erschlagene Deutschlands bester Sohn war (V. 31), vergrößert noch die Schuld der Mörder.

In der 7. Strophe wird beschrieben, was die anderen tun, die Deutschland so sehen: Einmal „lacht man“ (V. 32) über die tollen Reden, die aus dem Haus dringen; doch wer Deutschland sieht, wappnet sich mit einem Messer gegen die Frau aus diesem gefährlichen Haus. Die Reden aus Deutschland werden also nicht ernstgenommen, aber vor der Person nimmt man sich in Acht.

Diese Doppelung wird in der 8. Strophe in einer großen letzten Klage aufgenommen, wobei die einleitende Klage („O Deutschland, bleiche Mutter!“, V. 35) wiederholt wird: Die Söhne Deutschlands haben die Mutter so übel zugerichtet, sie werden dessen angeklagt, dass Deutschland infolge ihres bösen Treibens sowohl ein Gespött wie auch „eine Furcht“ (V. 38), also ein Mensch ist, der anderen Angst macht.

Dass Brecht mit den mörderischen Söhnen Deutschlands in diesem 1933 entstandenen Gedicht die Nazis meint, ist aufgrund der brutalen Machtergreifung der Nazis klar: „Am 22. Februar machte Göring 40.000 SA- und SS-Leute und 10.000 Stahlhelmleute zu Hilfspolizisten. – Der Terror traf zuerst die Kommunisten, deren Mandate kassiert, deren Funktionäre verhaftet und deren Konten beschlagnahmt wurden. […] Am Abend des 27. Februar brannte der Reichstag. Hitler erklärte sofort, der Reichstag sei von den Kommunisten angezündet worden, als allgemeines Signal für einen kommunistischen Aufstand. Schon am folgenden Tag, dem 28.2.1933, unterzeichnete Hindenburg eine ihm von Hitler vorgelegte ‚Notverordnung zum Schutze von Volk und Staat’, die zur Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte die wichtigsten Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft setzte.“ (http://www.glasnost.de/hist/ns/nazi2.html ) Brecht hat Deutschland am 28. Februar 1933 in Richtung Prag verlassen – eine kluge Entscheidung, die ihm das Leben gerettet hat. Die Verfolgung und Ermordung seiner Genossen beklagt er in diesem Gedicht: eine Anklage gegen die braunen Machthaber Deutschlands.

Die Sprache des Gedichtes ist einfach, Prosa. Die acht Strophen sind unterschiedlich lang, drei bis sechs Verse. Das Gedicht ist geprägt durch das Bild der Mutter Deutschland, die mit ihren Söhnen in ihrem Haus lebt, umgeben von den anderen Völkern. Die Mutter wird zweimal klagend angesprochen (V. 1 und V. 35; einmal wird sie rhetorisch gefragt: „Ist es so?“ (V. 21) Der Brudermord an den Kommunisten hat die Mutter befleckt und ihr Schande bereitet. Die Beschreibung des Geschehens und der Lage Deutschlands ist von Kontrasten bestimmt: Gegensätze zwischen Deutschland und den anderen Völkern, Streit zwischen den Brüdern, Lüge triumphiert über die Wahrheit, Unterdrücker und Ausgebeutete bewerten die Vorgänge unterschiedlich. Aber auch Wiederholungen zeichnen die Anklage der Mördersöhne aus (V. 5, 11, 16, 21; Hand erhoben V. 10, 12, 6. Str.; Unterdrücker und Ausbeuter, V. 22, 25, mit Chiasmus; die Anrede V. 1, 35); das macht die Anklage eindringlicher.

Das Gedicht ist in die „Deutsche Sinfonie“ (1936) Eislers und in das Oratorium „Deutsche Misere“ übernommen (s.u.). Die erste Zeile wird heute noch häufig zitiert. – Es gibt weitere Gedichte Brechts mit dem Titel „Deutschland“, die man von dem analysierten unterscheiden muss (Deutschland, du Blondes, Bleiches… 1920; In Sturmesnacht, in dunkler Nacht… 1942; Im Haus ist der Pesttod… 1945; Deutschland 1952: O Deutschland, wie bist du zerrissen…).

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=e7KQnFtWyBQ (Hanne Hiob)

Vertonung

http://www.youtube.com/watch?v=DIKIpmuA5YY (Anfang von Eislers „Deutsche Sinfonie“)

„Deutsche Sinfonie op. 50“ von Hanns Eisler http://www.bachchormainz.de/eisler.php

„Deutsche Misere“, 1. Teil: http://www.berliner-singakademie.de/home/d_miserere_www.pdf

http://www.radio-mensch.de/index.php?option=com_content&view=article&id=3919:leipzig-deutsches-miserere&catid=92:operballetttanz&Itemid=164

http://www.kultiversum.de/Musik-Kontroversen/Dessau-Deutsches-Miserere.html

http://www.leipzig-almanach.de/buehne_szenische_erstauffuehrung_von_deutsches_miserere_an_der_oper_leipzig_steffen_kuehn.html

Rezeption (Beispiele)

http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/O#O_Deutschland.2C_bleiche_Mutter.21

http://www.luise-berlin.de/lexikon/mitte/o/o_deutschland_bleiche_mutter.htm

http://www.hollyglade.com/deutschland_bleiche_mutter

http://bryantmcgill.com/wiki/poetry/bertolt_brecht/o_germany_pale_mother

http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/fileadmin/Redaktion/Institute/Germanistik/AbteilungI/Busse/Texte/Busse-1993-02.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Mahn-_und_Gedenkst%C3%A4tten

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