Brecht: Die Käuferin – Analyse

Ich bin eine alte Frau…

Text

http://www.die-perser.de/pageID_7519197.html

http://www.waslosinlingen.de/blog/2012/03/01/gastbeitrag-von-holger-berentzen-zur-ausstellung-lingener-schulernetz-gegen-armut/ (Zeilenschnitt aufgehoben: problematisch)

http://www.moewe-westfalen.de/fileadmin/media/Dokumente/Gottesdienstmaterialien/Godi2009_Internetfassung.pdf (ähnlich, hier S. 26)

Die Käuferin

Ich bin eine alte Frau.

Als Deutschland erwacht war

Wurden die Unterstützungen gekürzt. Meine Kinder

Gaben mir ab und zu einen Groschen. Ich konnte aber

Fast nichts mehr kaufen. Die erste Zeit

Ging ich also seltener in die Läden, wo ich früher täglich gekauft hatte.

Aber eines Tages dachte ich nach, und dann

Ging ich doch wieder täglich zum Bäcker, zur Grünkramhändlerin

Als alte Käuferin.

Sorgfältig wählte ich unter den Eßwaren

Griff nicht mehr heraus als früher, doch auch nicht  weniger

Legte die Brötchen zum Brot und den Lauch zum Kohl und erst

Wenn zusammengerechnet wurde, seufzte ich

Wühlte mit meinen steifen Fingern in meinem Lederbeutelchen

Und gestand kopfschüttelnd, daß mein Geld nicht  ausreiche

Das Wenige zu bezahlen, und ich verließ

Kopfschüttelnd den Laden, von allen Kunden gesehen.

Ich sagte mir:

Wenn wir alle, die nichts haben

Nicht mehr erscheinen, wo das Essen ausliegt

Könnte man meinen, wir brauchten nichts

Aber wenn wir kommen und nichts kaufen können

Weiß man Bescheid.

Das Gedicht ist 1934 entstanden und im Juli 1934 in „Neue Deutsche Blätter“ (Prag) abgedruckt worden.

Es wird von dem berichtet, was geschah, „als Deutschland erwacht war“ (V. 2) – das ist eine Anspielung auf die Nazi-Parole „Deutschland, erwache!“ und die konkrete Maßnahme des „Erwachens“, dass im März 1934 der Rüstungsetat um 50 % erhöht und dafür die Sozialausgaben gekürzt wurden. Die Sprecherin (Ich-Form), eine alte Frau (V. 1), stellt sich zunächst vor und datiert das Geschehen scheinbar neutral, in Wahrheit (wegen der negativen Folgen des „Erwachens“, welches eigentlich positive Auswirkung zeitigen müsste!) ironisch auf den Zeitpunkt des Erwachens: „Ich konnte … fast nichts mehr kaufen.“ (V. 3 f.) Die paar Groschen, die ihre Kinder ihr geben, reichen nicht aus (V. 3-5); ob damit die Kinder kritisiert werden und ob „meine Kinder“ auf bestimmte Leute anspielt, kann ich nicht beurteilen. – Das ist die Ausgangssituation. Der ganze Bericht wird im Präteritum vorgetragen, Zuhörer sind nicht erkennbar – als Leser des Gedichts sind aber die Deutschen auszumachen, die über ihre Situation belehrt werden sollen; dazu unten mehr. Die normale Folge dieser Mangel-Situation ist, dass sie nun seltener einkaufen geht (Gegensatz: seltener/früher täglich, V. 5).

Die Wende des Geschehens wird durch die Konjunktion „aber“ (V. 7) und das Nachdenken der Frau eingeleitet. Sie geht „wieder täglich“ einkaufen (V. 8), kauft das Gleiche wie früher (V. 8 ff.) und demonstriert am Ende „als alte Käuferin“ (V. 9) der Händlerin und den Kunden, „daß mein Geld nicht ausreiche / Das Wenige zu bezahlen“ (V. 15 f.).

Es folgt die Erklärung dieser eigenwilligen Handlungsweise (V. 18 ff.): „Ich sagte mir…“ – sie repräsentiert als alte Frau alle („wir alle“, V. 19), die nichts haben (V. 19); und sie spielt demonstrativ mit Seufzen, Wühlen, Kopfschütteln der Öffentlichkeit („von allen Kunden gesehen“, V. 17; „man“, V. 21, 23) vor, dass sie etwas zu essen braucht, aber nichts kaufen kann. Sie belehrt also die Man-Öffentlichkeit durch ihr episches Theater, eine echte Straßenszene, über ihre eigene Lage. – Die Sprache ist einfach, nur der Zeilenschnitt gliedert den Bericht; gelegentlich sind die Zeilen so geschnitten, dass am Ende offen ist, wie es weitergeht (V. 3, 4 usw.).

Brecht seinerseits belehrt durch dieses Gedicht die deutsche Öffentlichkeit über ihre wahre Lage: dass ihr das Geld vorenthalten wird, was sie zum Leben brauchte. Was mit dem Geld geschieht, ist in der Datierung angedeutet: Es wird gebraucht, um das „Erwachen“ Deutschlands zu bezahlen, auch wenn viele dabei hungern.

Das Gedicht lebt erstens von dem Kontrast zwischen dem, was die Frau die erste Zeit tut, und dem, was bei ihrem Nachdenken herauskommt. Damit verbunden ist das Einkaufen zur Befriedigung des eigenen Bedarfs und das Einkaufen als politische Demonstration. Da steht die alte Frau für „wir alle“ (Bedürftigen). Auch der Bezug der Selbstvorstellung „alte Frau“ (V. 1) und der doppeldeutigen Bezeichnung „alte Käuferin“ (V. 9) fällt auf; es sind überhaupt viele Querbezüge festzustellen (ich – wir alle – man; das Wenige – fast nichts mehr – nicht mehr und nicht weniger; seltener – früher täglich – wieder täglich), die ich im Schriftbild kursiv markiert habe (auch die verschiedenen Farben und Schriftstärken sind natürlich meine Marke). So weiß man am Ende Bescheid.

P.S. Es gibt ein Gedicht „Deutschland erwache!“ von Tucholsky (1930). Auf die Metaphorik von schlafen/erwachen kann ich hier (oder hier) nur hinweisen.

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