Brecht: Fragen eines lesenden Arbeiters – Analyse

Wer baute das siebentorige Theben?

Text

www.ghochlaender.de/SprachLitUntrcht/Bertolt%20_Brecht.do

http://wwwuser.gwdg.de/~ptrilck/tagung/geschichtslyrik_tagung_tischvorlagen_v1.1.pdf (dort S. 7 bzw. S. 4)

http://www.dsfo.de/fo/viewtopic.php?t=15754

http://www.geschichtsforum.de/f72/personalisierung-berthold-brecht-gedicht-14431/

Die „Fragen eines lesenden Arbeiters“ sind 1935 entstanden, 1936 in „Das Wort“ (Moskau) erschienen; das Gedicht wurde später in die „Chroniken“ der Svendborger Gedichte (1939), in die „Gedichte im Exil“ (1944) und in die „Kalendergeschichten“ (1949) aufgenommen, dort als Parallelgeschichte zu „Der Soldat von La Ciotat“.

In der Überschrift wird als Thema „Fragen eines lesenden Arbeiters“ genannt. Das ist insofern erstaunlich, als „lesender Arbeiter“ eine ungewöhnliche Bezeichnung ist. „Fröhlicher Arbeiter“, „schwitzender Arbeiter“, „demonstrierender Arbeiter“ oder Ähnliches (http://www.sites.halle.de/stadtderarbeit/images/bereich2-bild1-arbeiter-gross.jpg; http://11k2.files.wordpress.com/2010/08/arbeiter_waehlt_eure_spd.jpg; http://www.epochtimes.de/thumb/topstory/China__Regus-Umfrage__Stress__Arbeitsplatz__NTDTV__NTD__Video_new.jpg) würde man als normale Bezeichnungen erwarten. Und wenn der Arbeiter schon Fragen hat, fragt er erwartungsgemäß nach einer Lohnerhöhung, nach dem Beginn des Feierabends oder nach dem Streit um Fußball-Bundestrainer Löw. Das alles ist aber nicht der Fall – wir haben ein ungewöhnliches Gedicht vor uns. Besagter Arbeiter liest „Bücher“ (V. 2), liest „Berichte“ (V. 26). Was er liest, habe ich in den folgenden Versen exemplarisch schwarz fett markiert, die Fragen des Arbeiters dazu rot – sie werden im Wechsel mit dem, was man lesen kann, gestellt (bis in die Zusammenfassungen der 3. Strophe hinein):

Wer baute das siebentorige Theben?

In den Büchern stehen die Namen von Königen.

Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?

Und das mehrmals zerstörte Babylon,

Wer baute es so viele Male wieder auf?“ (V. 1-5)

So ungewöhnlich die Bücher sind, die der Arbeiter liest, so ungewöhnlich sind auch seine Fragen: In der Büchern steht, wer die großen Städte baute; durch seine Fragen deckt der Arbeiter auf, dass die sogenannten Erbauer nicht bauten, sondern andere bauen ließen – eben Arbeiter, deren Namen nicht genannt, deren Leistungen in den Büchern verschwiegen werden. Der Ertrag der Arbeit wird den Arbeitenden von den Herren (V. 2 f.) gestohlen und für „die Könige“ (V. 3) beansprucht. Die Bücher dokumentieren also das, was in der Wirklichkeit immer geschieht: Die Arbeiter werden ausgebeutet, um die Frucht ihrer Arbeit gebracht; das decken die Fragen des lesenden Arbeiters auf – er ist ein Intellektueller, der die kommunistische Theorie des Nationalökonomen Marx kennt.

In den folgenden Versen der 1. Strophe wird durch die Fragen des Arbeiters (eines namenlosen Arbeiters: Repräsentant jedes denkenden Arbeiters) bewusst gemacht, dass es neben den aus den Büchern bekannten Palästen auch Häuser gab und gibt (V. 5-8, V. 10 f.); neben den Siegern auch Besiegte (V. 9 .); neben der Herren auch die hilfreichen Sklaven (V. 11-13).

In der zweiten Strophe werden aus den Büchern vier Sätze über Eroberer-Könige zitiert, die man gern „Große“ nennt, etwa „Alexander der Große“: „Der junge Alexander eroberte Indien.“ (V. 14) Selbst der kritische Heinrich Heine dichtete ähnlich:

„Laß dich nicht kirren, laß dich nicht wirren
Durch goldne Äpfel in deinem Lauf!
Die Schwerter klirren, die Pfeile schwirren,
Doch halten sie nicht den Helden auf.

Ein kühnes Beginnen ist halbes Gewinnen,
Ein Alexander erbeutet die Welt!
Kein langes Besinnen! Die Königinnen
Erwarten schon kniend den Sieger im Zelt.“ (http://www.thokra.de/html/heine_14.html#a439, dazu noch eine dritte Strophe)

Heine gibt uns einen Hinweis, welche Bücher der Arbeiter liest oder unter welchem Einfluss die von ihm gelesenen Bücher stehen: Es ist die Heldendichtung. Damit ergibt sich ein Querverweis auf ein 1934 entstandenes Gedicht Brechts: „Die Ballade vom Wasserrad“ [Von den Großen dieser Erde…]. Der lesende Arbeiter entlarvt die (Heldendichtung und) Heldenverehrung durch seine Fragen: Neben den Königen gab es Soldaten, neben dem Feldherrn Cäsar einen Koch (das Personal), neben Philipp die trauernden Hinterbliebenen, neben Friedrich dem Großen (!) die Soldaten. [Vgl. auch die Legende von der Entstehung des Buches Taoteking…]

In der 3. Strophe verallgemeinert der lesende Arbeiter, der als Sprecher fungiert, seine Einsichten (V. 22-25): Neben den Siegern gab es die Arbeiter, neben (und „unter“) den „Großen“ gab es die, welche „die Spesen“ bezahlen mussten. Spesen sind „Auslagen, Aufwendungen, Nebenausgaben, besonders bei der Ausübung des Berufs“ (DWDS) – der Arbeiter erkennt, dass nicht die Großen die Spesen zahlen (V. 25 – hier eine beinahe wörtliche Entsprechung zur Ballade vom Wasserrad, die später „Das Lied vom Wasserrad“ heißt, wobei schließlich auch noch der letzte Refrain verändert wird:

Von den Großen dieser Erde
melden uns die Heldenlieder:
Steigend auf so wie Gestirne
gehn sie wie Gestirne nieder.
Das klingt tröstlich, und man muss es wissen.
Nur: für uns, die sie ernähren müssen
ist das leider immer ziemlich gleich gewesen.
Aufstieg oder Fall: Wer trägt die Spesen?), oder anders gesagt: nicht die Zeche zahlen müssen, obwohl sie selbst gespeist haben. Das sagt der Arbeiter nicht ausdrücklich so, aber als Leser kann man es denken, wenn man die Fragen des lesenden Arbeiters weiterdenkt: Brechts Gedicht ist ein Lehrgedicht.

Die letzte Strophe (V. 26 f.) bildet als Zusammenfassung eine Art offenen Schluss: „So viele Berichte. / So viele Fragen.“ Aber die Fragen waren so einfach und klar gestellt, dass jedermann die Antwort weiß: Die Berichte sind falsch; die Zeche der Großen zahlen die anderen, von denen die Berichte schweigen.

Die Sprache ist einfach, eindringlich ist die Wiederholung der scheinbar naiven Frage: „Wer?“ (sechsmal, dazu die Variation der Fragewörter und die Form der Satzfragen) Dadurch, dass der lesende Arbeiter die Fragen stellt, zwingt er den lesenden Leser, sie zu beantworten. Der Text der Berichte ist eher erhaben („in dem sagenhaften Atlantis“, V. 11; das goldstrahlende Lima, V. 6), die Sprache des Arbeiters Umgangssprache (herbeischleppen, V, 3; brüllen, V. 12; usw.). Der Zeilenschnitt trennt öfter, aber nicht immer den Text der Bücher von den Fragen des Arbeiters ab (V. 1, 3, 14, 15, 16 usw.); nur in der 1. Strophe gibt es Enjambements, deren Sinn sich manchmal, aber nicht immer leicht erschließt.

Was das Gedicht im Kontext von bestimmten Gedichtsammlungen besagt, wäre eine eigene Untersuchung wert; die Analyse der Würzburger Studenten (s.u.) geht auf die „Kalendergeschichten“ ein.

Das Gedicht ist eines der großen Gedichte Brechts, oftmals vorgetragen, breit rezipiert; es gibt auch Anschlussgedichte (Volker Braun: Fragen eines regierenden Arbeiters; Fragen eines Arbeiters während der Revolution; Erich Fried: Weitere Fragen eines lesenden Arbeiters) – die Texte kann ich im Netz nicht finden [„Fragen eines regierenden Arbeiters“ gibt es allerdings: „So viele Berichte. / So wenig Fragen…“, z.B. http://www.geschichtsforum.de/f72/personalisierung-berthold-brecht-gedicht-14431/]. Es ist nicht so plump wie „Sonnenburg“, sondern als ein verhaltenes Gedicht (mit der gespielten Naivität des Arbeiters) viel eher geeignet, zu kapitalismuskritischen Fragen anzuregen.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=RQL6sXiKugE Ernst Busch

http://www.youtube.com/watch?v=4GSkP53j51Y Corinna Kirchhoff

http://www.youtube.com/watch?v=KnEkt-6V-14

http://www.youtube.com/watch?v=B2jb4JmOfXM Peter Turrini

http://www.rezitator.de/3sat/106 Lutz Görner

http://www.schallarchiv.uni-halle.de/sprechkunst.html (Studenten)

http://www.wdg.de/websiteneu/?inhalt=gedichtfrageneines (Gymn. Wuppertal)

http://www.youtube.com/watch?v=OxHUMLE9itE (Gymn. Oberursel)

Analyse

http://de.wikipedia.org/wiki/Fragen_eines_lesenden_Arbeiters

http://www.deutschboard.de/topic,2545,-fragen-eines-lesenden-arbeiters.html (Schüler)

http://www.phil1.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010200/user_upload/Mitarbeiter/Will/WS_0708/ws0708_ps_01_kalendergeschichten.pdf (Studenten)

Rezeption (Beispiele)

http://www.steinmetzmeisterin.com/fragen-eines-handwerkers/

http://peterzwey.blog.de/2011/03/01/fragen-lesenden-arbeiters-10729617/

http://kinder-alarm.blogspot.de/2011/03/brecht-fragen-eines-lesenden-arbeiters.html

http://www.sonntagszeitung.ch/home/glosse/glosse-detailseite/?newsid=126864

http://www.politikos.net/kultur/deutschlandlied4.html Brecht second hand

http://baustein.dgb-bwt.de/PDF/B3-LesenderArbeiter.pdf

http://www.geschichtsforum.de/f72/personalisierung-berthold-brecht-gedicht-14431/

Heldendichtung

http://www.wissen-digital.de/Heldenepos

http://universal_lexikon.deacademic.com/88183/Heldenlied

http://de.wikipedia.org/wiki/Heldendichtung

http://de.wikipedia.org/wiki/Heldenlied

http://webs.schule.at/website/Literatur/literatur_hochmittelalter_heldenepos.htm

Didaktische Idee: Heines Gedicht „An die Jungen“ (s.o.) mit den beiden Gedichten Brechts (vom lesenden Arbeiter und vom Wasserrad) zusammenstellen und interpretieren, dabei auch die Differenz der beiden Brecht-Gedichte beachten!

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