Manfred Geier: Aufklärung – Besprechung

Manfred Geiers Buch „Aufklärung. Das europäische Projekt“ (2012) ist als eine Sammlung von Lebensbildern konzipiert. Als erster wird John Locke vorgestellt – aber eben auch als Mensch, nicht nur als Denker. Er musste aus England fliehen, lebte einige Jahre in Holland, wurde mit der Revolution 1688 konfrontiert – das alles sind Daten oder Ereignisse, von denen man abstrahiert, wenn man nur seine Bücher als politische Theorie liest. Der Zugriff auf den Menschen statt nur auf den Philosophen ist ein Gewinn, finde ich, auch wenn die philosophische Analyse nicht besonders tief schürft. Das zeigt sich auch beim nächsten Portrait: Shaftesbury, dessen Vater Locke bereits kannte und der ihm zur Erziehung anvertraut wurde – eine für mich überraschende Perspektive.

Im dritten Kapitel erfährt man etwas über „die bösen französischen Philosophen“ (Voltaire, Rousseau, Diderot, die Enzyklopädie); das sind zu viele für ein einziges Kapitel, von ihnen bekommt man nicht viel mit.

Moses Mendelssohn bekommt im 4. Kapitel gut 60 Seiten; der Mann wird einem menschlich wirklich nahegebracht, sympathisch in seiner zurückhaltenden Art: ein kluger Jude, der sich selbst gebildet hat, Lessings Freund und das Vorbild des weisen Nathan.

Kant wird in der Kontroverse Europas mit den USA beim Irak-Krieg vorgestellt: Ob er Träumer mit seiner Idee vom ewigen Frieden war oder nicht; die theoretische Philosophie Kants kommt zu kurz, der Blick geht ganz auf die praktische Philosophie. Auf Kants Spuren werden kurz Karl Popper und Hannah Arendt gesichtet.

Im 6. Kapitel wird Olympe de Gouges behandelt – deren Bild bleibt meines Erachtens ziemlich blass; gewisse, sie war eine radikale und entschlossene Frau, aber auf 25 Seiten kann man im leichten Ton Geiers nicht allzu viel vortragen.

Der letzte Repräsentant der Aufklärung ist Wilhelm von Humboldt – für mich überraschend, ich hätte ihn von mir aus nicht mehr zur Aufklärung gezählt. In seinem Leben ist seine Idee der Bildung vorgeprägt; er wird gegen seinen Willen in Berlin für kurze Zeit Leiter der Sektion für Kultus und Erziehung und gründet die Berliner Universität: Aber seine Idee der menschlichen Bildung als Selbstzweck war auch schon zu seiner Zeit umstritten.

Summa summarum ein leicht zu lesendes Buch, das uns eine Reihe von Aufklärern in ihrem Denken kurz vorstellt und vor allem als Menschen näher bringt. Manfred Geier ist ein Mann vom Fach, der popularwissenschaftlich schreiben kann. Zur Zeit ist das Buch als Sonderausgabe bei der Bundeszentrale für politische Bildung zu haben; die paar Euro, die es dort kostet, kann man ruhig dafür ausgeben. Öfter als einmal wird man es kaum lesen.

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