Brecht: Über das Lehren ohne Schüler – Analyse

Lehren ohne Schüler…

Text http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht1_13.html oder

http://www.gedichte.manu-baeren.de/gedicht/ber_das_lehren_ohne_schler-5106.html

Die Überschrift des um 1935 entstandenen Gedichts kündigt an, es gehe um „Lehren ohne Schüler“. Das stimmt und stimmt nicht: Es stimmt nicht, weil es Brecht in seinem dänischen Exil 1935 um das „Schreiben ohne Ruhm“, sagen wir etwas dezenter „Schreiben ohne Publikum“ geht. Es stimmt aber doch, weil ein solches Schreiben, wie die Parallele der beiden ersten Verse besagt, so etwas wie [oder sogar identisch mit?] ein[em] Lehren ohne Schüler ist, nämlich „schwer“ (V. 3).

Dem, was schwer ist, wird ohne Konjunktion das gegenübergestellt, was „schön“ ist (V. 4-14). Hier spricht ein nicht genannter Schriftsteller, hinter dessen Wertungen man sicher Brecht selbst vermuten darf und der sich als Ich verschämt hinter dem „du“ (V. 8) zu Wort meldet. Er beschreibt, wie sich ein Autor fühlt, wenn er am Morgen zum Drucker geht, der auf ihn wartet (V. 6). Dieser Autor ist beizeiten „aufgebrochen“ (V. 14) – und die ganze Situation ist die des Aufbruchs: am Morgen, frisch beschriebene Blätter, summender Markt, kein Warten auf einen Fahrer (V. 4-14). Der Autor bricht auf, weil man auf seine Zeilen wartet (V. 6), weil von ihm etwas erwartet wird: Er hat etwas zu verkaufen, wie die Händler auf dem Markt, wohin die Kunden strömen (V. 6-8). Wie sehr es den Autor zum Aufbruch drängt, wird in der 3. Strophe deutlich: Er wartet nicht einmal auf den Fahrer, der wirklich keine Mühe gescheut hat, um den Autor möglichst zeitig abzuholen.

Es folgt erneut ohne Konjunktion eine vierte Strophe, für die man den Anschluss an den bisherigen Text finden muss. Edgar Marsch (Brecht-Kommentar zum lyrischen Werk, 1974, S. 240) vermutet in dem, der spricht, aber dem niemand zuhört (V. 15), eine Anspielung auf Adolf Hitler. Aber das ist abwegig – dieser ohne Zuhörer Sprechende ist der Lehrer ohne Schüler (V. 1). In der letzten Strophe führt Brecht also das Gegenbild gegen den erwarteten Autor aus und erklärt, wieso das „Lehren ohne Schüler“ schwer ist – eine solche Erklärung steht nämlich noch aus. Es ist schwer, weil ein solcher Lehrer einfach scheitert: „Er spricht laut…“ (V. 16-19). Drei Bestimmungen eines solchen Lehrers nennt Brecht: laut sprechen, sich wiederholen, Falsches sagen; im letzten Vers wird eigens erklärt, wieso er Falsches sagt: „Er wird nicht verbessert.“ Das Falsche ist falsch, nicht weil es falsch gesagt wurde, sondern weil es als Falsches stehen bleibt. Die ausdrückliche Erklärung qualifiziert die dritte Bestimmung (Falsches sagen) als die wichtigste; außerdem steht in einer Triole das Entscheidende immer am Schluss.

Diese Erklärung zum Falsches Sagen erinnert an Brechts „Lied über die guten Leute“ (1939 entstanden, in „Hundert Gedichte“ 1951 veröffentlicht): „Wenn sie Fehler machen, lachen wir: / Denn wenn sie einen Stein an die falsche Stelle legen / Sehen wir, sie betrachtend / Die richtige Stelle.“ (Str. 6) Wenn es das kritische Echo nicht gibt, ist alles Lehren und alles Schreiben umsonst. Dann ist der Lehrer „ein Lebewesen, das einem Probleme erklärt, die man ohne ihn gar nicht gehabt hätte“ (Schülerwitz), und der Autor ein narzisstischer Tintenkleckser. Deshalb gibt es auch Brechts großes und großartiges Lob des Zweifels (1939):

Gelobt sei der Zweifel! Ich rate euch, begrüßt mir
Heiter und mit Achtung den
Der euer Wort wie einen schlechten Pfennig prüft!
Ich wollte, ihr wäret weise und gäbt
Euer Wort nicht allzu zuversichtlich.

Die Sprache des Gedichts ist die normale Umgangssprache, in der Brecht seine Situation als Schriftsteller im Exil reflektiert. Die vier Strophen sind unterschiedlich lang und enthalten jeweils einen Gedanken: Was schwer ist. / Wieso es schön ist, wenn der Autor mit seinem Text erwartet wird. / Wie sehr es ihn zum Aufbruch drängt. / Wie sich das „Lehren ohne Schüler“ auswirkt. Die Verse sind reimlos, der Zeilenschnitt ist exakt, jeder Vers ist ein Satz (4. Str.) oder ein Aspekt eines Satzes (2. Str.).

Als Lehrer kann ich Brechts Enttäuschung nachfühlen: Auch wenn man vor Schülern steht, ist das manchmal ein „Lehren ohne Schüler“, und das ist so ähnlich wie Bloggen ohne Leser.

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