Brecht: Morgens und abends zu lesen – Analyse

Der, den ich liebe…

Text

http://www.alb-neckar-schwarzwald.de/poetas/brecht/

http://unertraeglich-leicht.blogspot.de/2008/07/morgens-und-abends-zu-lesen.html

http://koelschgirl.blogspot.com/2012/05/gedicht-morgens-und-abends-zu-lesen.html

Dieses kleine Gedicht stand in einem Brief, den Brecht 1937 an Ruth Berlau geschrieben hat, die sich in Spanien zur Unterstützung der republikanischen Truppen aufhielt. Es ist in der Ich-Perspektive (Rolle) einer Frau gesprochen, die im Monolog über sich spricht – die Übertreibung in der 2. Strophe („fürchte von jedem Regentropfen…“) schließt eine dialogische Situation aus.

Das Gedicht besteht aus zwei kleinen Strophen. In der 1. Strophe berichtet die Sprecherin, dass jemand gesagt hat, er brauche sie. Das Subjekt dieser Äußerung ist „Der, den ich liebe“; das ist gegenüber „Mein Geliebter“ herausgehoben und macht auch einen Unterschied: Der, den ich liebe, muss mich nicht zwingend ebenfalls lieben. Im Gegenteil, er sagt, „daß er mich braucht“ (V. 3), nicht aber, dass er mich liebt. Wieso er mich braucht, wird nicht gesagt – es könnte gemeint sein, dass er mich als Mensch oder dass er meine Arbeitskraft braucht. Indirekt sagt Brecht als Autor damit (wenn er denn nicht ein Gedicht der Berlau im Brief zitiert), dass er Ruth Berlau braucht.

Daraus zieht die Ich-Sprecherin in der 2. Strophe die Konsequenz („Darum“, V. 4), auf sich Acht zu geben, sich in Acht zu nehmen, weil sie ja gebraucht wird – bis hin zur Hyperbel der Furcht vor Regentropfen (V. 7 f.). Die Sprache ist die des Alltags, sieht man von der Übertreibung in der 2. Strophe ab; im Zeilenschnitt sind Sinnabschnitte getrennt.

Wenn das Gedicht ursprünglich von der Berlau stammt, würde Brecht sie mit dem Zitat daran erinnern, dass sie versprochen hat, sich in Acht zu nehmen. Wenn Brecht selbst der Autor ist, wäre es eine Mahnung an sie, sich in Acht zu nehmen. Als Gedicht einer Frau, adressiert an einen Mann, ist es ein zartes und inniges Liebesbekenntnis; als Gedicht eines Mannes, adressiert an eine Frau, ist es ebenfalls ein Liebesbekenntnis, allerdings ein etwas nüchterneres: Da ist klar, dass im Bekenntnis auch das Geständnis „Ich brauche dich“ und der darin implizierte Appell, ihm zu helfen, eingeschlossen ist.

Persönliche Kontakte sind bei Brecht kein Selbstzweck. Er braucht das Gespräch und den Umgang mit Menschen als Motivation und Ideengenerator. Freundschaften sind bei ihm immer auch Arbeitsbeziehungen – und umgekehrt. Diese totale Synthese von Intimität und Öffentlichkeit prägen auch die sechs Jahre im Haus am Skovsbostrand. Denn das Haus am Sund ist nicht allein wegen der Debatten und des geistigen Austausches berühmt. Es wird auch zum Schmelztiegel der Brechtschen Arbeitsverhältnisse. Und die sind für ihn immer auch Liebesverhältnisse. Neben Helene Weigel sind seine Mitarbeiterinnen vor allen Dingen Margarete Steffin und seit 1935 Ruth Berlau, die seine Stücke auch ins Dänische übersetzt.“ (http://www.paluch-habeck.de/kleinearbeiten/radiosendungen/untermdaenischenstrohdach.html – vgl. den ganzen Beitrag!)

Gerhard Härle verweist auf eine Parallele im 22. Sonett Shakespeares und auf Brechts „Sonett Nr. 19“ (S. 63, in seiner Sammlung kommentierter Liebesgedichte, s.u.), nachdem er zuvor den prosaischen Charakter dieser Liebe herausgearbeitet hat: „Der Alltag selbst wird in diesen lyrischen Texten zum Träger der Bewährung und zugleich auch zum sprachlichen und stilistischen Mittel der Gestaltung dieser Alltags-Liebe.“ (S. 62)

Hier sei auch der starken Frau Ruth Berlau gedacht, die bei Brecht schwach wurde, und ihrer Genossinnen Elisabeth Hauptmann und Margarete Steffin: Frauen, die sich in Liebe und mit ihrer Arbeitskraft Brecht zur Verfügung stellten.

Analyse

http://de.wikipedia.org/wiki/Morgens_und_abends_zu_lesen

http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/download/Haerle_LiebLyr_310306.pdf (G. Härle, dort S. 62 f.)

Rezeption

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/feiertag/1500030/ (Predigt)

http://sge.san.hrz.uni-siegen.de/Fachschaften/D/Lernpfade/D/LYRIK/Liebeslyrik/Liebeslyrik.pdf (dort letztes Beispiel, Standbilder dazu)

Ruth Berlau

http://de.wikipedia.org/wiki/Ruth_Berlau

http://stiftung-aufarbeitung.de/wer-war-wer-in-der-ddr-%2363%3B-1424.html?ID=235

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/ruth-berlau/

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/530195/

http://www.berliner-lindenblatt.de/content/view/218/235/

Elisabeth Hauptmann

http://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Hauptmann

http://www.lwl.org/LWL/Kultur/westbibl/hauptmann/

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/elisabeth-hauptmann/

http://www.kulturgut-nottbeck.de/13716.0.html

http://www.joachim-dietze.de/pdf/brecht_ab.pdf (Brecht und seine Frauen)

Margarete Steffin

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/margarete-steffin/

http://www.imdb.com/name/nm1273118/bio

http://www.berlin.de/ba-mitte/bezirk/gedenken/margarethe_steffin.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Margarete_Steffin

4 thoughts on “Brecht: Morgens und abends zu lesen – Analyse

  1. Ich bin immer wieder begeistert von Deinen Rezensionen. Analytisch, dicht und kurz – genau auf dem Punkt, dazu interessante Verlinkungen. Vielen Dank sagt Ben von Valeat – und wenn Du die Möglichkeit geben würdest, hättest Du meine Likes schon sicher.

      • Jetzt habe ich das auf Anhieb nicht gefunden. Ich vermute, dass Du das unter „Einstellungen“ findest. Aber wenn Du Dich mal bei anderen Bloggern umschaust, wirst Du sehen, dass fast alle ausnahmslos die Möglichkeit zum „Liken“ zu geben.

  2. Pingback: Brecht: Legende von der Entstehung des Buches Taoteking… – Analyse « norberto42

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