Brecht: Notwendigkeit der Propaganda – Analyse und Erläuterungen

Es ist möglich, daß in unserem Land nicht alles so geht…

Text

http://www.mlwerke.de/br/br_003.htm

http://www.schreiben10.com/referate/Deutsch/4/BERTOLT-BRECHT—DER-AUFHALTSAME-AUFSTIEG-DES-ARTURO-UI-reon.php

http://politikboard.org/showthread.php?5181-Politische-Gedichte-und-Lieder (3. Bsp.)

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht14_26.html

Das Gedicht ist 1937 entstanden und in der Zeitschrift „Internationale Literatur“ (Moskaus, 1937) unter dem Titel „Von der Notwendigkeit der Propaganda im Dritten Reich“ erschienen; mit dem neuen Titel steht es in „Svendborger Gedichte“ (1939, dort bei „V. Deutsche Satiren“). Der alte Titel ist in sich doppeldeutig: Notwendig ist die Propaganda nicht an sich, sondern aufgrund der vielen Defizite im Dritten Reich – was der Titel aber nicht sagt, sondern nur andeutet. Der neue Titel klingt unverfänglicher, allgemeiner, fast wie ein These: Propaganda ist notwendig.

Der Sprecher ist in seinen Wertungen präsent sowie in einem allgemeinen „wir“ („in unserem Land“, 1. Str., ähnlich Str. 8), tritt aber nicht als Einzelner hervor. Das ist auch nicht nötig, sondern entspricht der Form der Satire, die als allgemein gültige Kritik auftritt. Seine Ironie ist bereits in Str. 1 zu erkennen: dass „die Propaganda gut ist“; in der Begründung der zitierten These gibt es versteckte Kritik am Minister für Ernährung, da der eben nicht für Nahrung sorgt, sondern nur „gut“ redet.

In Str. 2 geht es um den sogenannten Röhm-Putsch von 1934 (http://www.wissen.de/lexikon/roehm-putsch knapp, http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6hm-Putsch ausführlich). Von der Aktion wird mit offener Kritik berichtet („ohne Untersuchung noch Gerichtsurteil“); in der Propaganda steckt ein innerer Widerspruch (Schurken mit Gütern und Ehren überhäufen); zum Schluss folgt die Ironie von den weinenden Schlächtern, wobei „Schlächter“ negativ konnotiert ist.

In Str. 3 wird der Brand des Zeppelins „Hindenburg“ am 6. Mai 1937 zur Kritik an den Nazis benutzt, erstens im Hinweis auf das schlechte Gas (offene Kritik: gutes Gas für den kommenden Krieg aufgespart), zweitens in dem sinnlosen Bekenntnis des Ministers und drittens in dem makabren bzw. ironischen Händeklatschen der Toten – gemeint ist jeweils: in den Berichten von all diesen Geschehnissen.

„Die Mülltrennung ist eine Hervorbringung der kriegswirtschaftlichen Ökonomien. Schon im Ersten Weltkrieg wurde in Deutschland die Trennung von Küchenabfällen zur Pflicht – allerdings eher aus hygienischen Gründen. Insbesondere die Nazis forcierten dann aber eine wirtschaftliche Autarkie der Nation und verpflichteten 1936 die deutschen Haushalte mit einem scharfen Gesetz zur Mülltrennung. Rohstoffe, die im Gegensatz zu „Heimstoffen“, nicht in Deutschland gewonnen werden konnten, sollten entweder substituiert werden oder in einer Kreislaufwirtschaft zirkulieren.“ (Caspar Schmidt, http://www.hinterland-magazin.de/pdf/16-35.pdf; vgl. auch http://www.bochumer-bunker.de/ls_vor_dem_krieg.html) Das ist der Hintergrund der Str. 4 (Görings Erläuterung des zweiten Vierjahresplans ist ein Musterbeispiel entsprechender Propaganda: http://archiv.thingnetz.org/frei/Buecher%20vor%201945/Goering,%20Hermann%20-%20Rede%20im%20Sportpalast%20am%2028.%20Oktober%201936.pdf) Durch die Zusammenstellung von „Abfall“ (statt („Altstoffe“) und „Buch des Führers“ (d.i. „Mein Kampf“) wird dieses Buch zum Abfall erklärt. Über das Lumpensammeln wird das Wortspiel mit den (Charakter)Lumpen möglich; mit der Kritik am Bauwahn der Nazis (Görings Ministerium, Albert Speers Pläne) und der Übertreibung vom stadtgroßen Palast wird die Kritik an der Vielzahl der Nazi-Lumpen ermöglicht, für die man ein so großes Haus braucht. – Auch im Gedicht „Dauer des Dritten Reiches“ (ebenfalls in „Deutsche Satiren“) kommt in Str. 3 (und 2) „Abfall“ vor: „Den nächsten Weltkrieg werden wir gewinnen / Wenn wir genügend Abfall sammeln…“

An mehreren Beispielen wird in Str. 5 gezeigt, wie ein guter Propagandist die Wahrheit verdreht, auf den Krieg vorbereitet (Kanonen) und die Opfer der Kriegspolitik „ehrt“.

In Str. 6 wird daran angeknüpft, dass am 16. März 1935 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt und die Reichswehr in „Wehrmacht“ umbenannt wurde. Die Kriegspolitik wird durch ihre inneren Widersprüche entlarvt.

In Str. 7 wird mit dem Rekurs auf die Worte „Fleisch“ und „Anzug“ sowie auf des Ministers Lobrede auf Kleidung aus Zellulose (statt Wolle – „Edelgespinst“ ist sowohl ironisch als auch durch gehobene Sprachebene kritisch) die Propaganda direkt thematisiert  und als inhaltsleer entlarvt („vermögen … nicht alles“). „Im Hemd stehen“ wird sowohl wörtlich wie als metaphorische Redewendung benutzt (als der Dumme oder Betrogene dastehen). Ob mit dem Planminister, den es so nicht gab, Hjalmar Schacht (so der Kommentar in „Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Bd. 3, S. 486) oder Hermann Göring (für den Vierjahresplan zuständig!) gemeint ist, sei dahingestellt.

In Str. 8 wird der „Zweck der Propaganda“ reflektiert und kritisiert: „je mehr es in unserm Land Propaganda gibt…“ – durch Propaganda wird die Versorgung der Bevölkerung mit realen Waren ersetzt; das ist zum Schluss eine offene Kritik.

Mit den gebräuchlichen Mitteln der Satire wird die Politik des Dritten Reichs kritisiert: Spott, Ironie, offene und versteckte Wertung, Wortspiele sind die Werkzeuge des Sprechers bzw. des Autors Brecht. Das Gedicht ist als solches weniger von poetischem als von propagandistischem Wert, der Hinweis auf unser Land rahmt ein wenig beschwörend die acht Strophen (Str. 1 und 8). Eine Analyse oder einen Vortrag des Gedichts habe ich nicht gefunden; Klaus Birkenhauer (in: Gedichte von Bertolt Brecht. Interpretationen, 1995, S. 119 ff.) äußert sich abfällig über den Wert des Gedichts, erläutert aber kurz die Besonderheiten des Zeilenschnitts bzw. der freien Rhythmen in Brechts Theorie und in diesem Gedicht.

http://www.arnerautenberg.de/Text/Essays/Brecht_in_Svendborg (Brecht-Haus in Svendborg)

http://baylit.literaturportal-bayern.de/autoren/autor.php?id=153 (Brecht-Links)

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