Brecht: Der Zweifler – Analyse

Immer wenn uns die Antwort auf eine Frage gefunden schien…

Text

http://tu-dresden.de/die_tu_dresden/fakultaeten/philosophische_fakultaet/iph/prphe/rehbock/rehbockphil (mit Bild, ebenso bei der Interpretation Hartungs, hinter S. 388)

http://www.hannobender.de/der-zweifler-berthold-brecht/ (Manuskript, ebenso bei Hartung, hinter S. 388)

http://hegel.net/werkstatt/artikel/grundkonzepte/der_zweifler.htm (größere Nähe zum abgedruckten Manuskript)

http://horizontverschmelzung.wordpress.com/2011/09/16/bertold-brecht-der-zweifler/

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht54_58.html

Brechts Gedicht ist um 1937 entstanden, aber nicht von Brecht veröffentlicht worden; es scheint noch nicht ganz fertig zu sein – behauptet jedenfalls Hugo Hartung: Das unvollendete Gedicht „Der Zweifler“, in Hartung: Der Dichter Bertolt Brecht: zwölf Studien, 2004, dort S. 386 ff. (teilweise als google-book lesbar, s.u.). So gibt es auch im Druck (und im Netz) zwei Fassungen – ganz überblicke ich mit meinen bescheidenen Hilfsmitteln nicht den Prozess der Entstehung und der Veröffentlichung des Gedicht. Der Einfachheit halber gebe ich hier den Text, mit dem ich arbeite, wieder: 

Der Zweifler

 

Immer wenn uns

Die Antwort auf eine Frage gefunden schien

Löste einer von uns an der Wand die Schnur der alten

Aufgerollten chinesischen Leinwand, so dass sie herabfiel und

5 Sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der

So sehr zweifelte.

 

Ich, sagte er uns,

Bin der Zweifler. Ich zweifle, ob

Die Arbeit gelungen ist, die eure Tage verschlungen hat.

10 Ob, was ihr gesagt, auch schlechter gesagt, noch für einige Wert hätte.

Ob ihr es aber gut gesagt und euch nicht etwa

Auf die Wahrheit verlassen habt, dessen, was ihr gesagt habt.

Ob es nicht viel-deutig ist, für jeden möglichen Irrtum

Tragt ihr die Schuld. Es kann auch eindeutig sein

15 Und den Widerspruch aus den Dingen entfernen; ist es zu eindeutig?

Dann ist es unbrauchbar, was ihr sagt. Euer Ding ist dann leblos.

Seid ihr wirklich im Fluss des Geschehens? Einverstanden mit

Allem, was wird? Werdet ihr noch? Wer seid ihr? Zu wem

Sprecht ihr? Wem nützt es, was ihr da sagt?

20 Und, nebenbei:

Lässt es auch nüchtern? Ist es am Morgen zu lesen?

Ist es auch angeknüpft an Vorhandenes? Sind die Sätze, die

Vor euch gesagt sind, benutzt, wenigstens widerlegt? Ist alles belegbar?

Durch Erfahrung? Durch welche?

25 Aber vor allem

Immer wieder vor allem andern: wie handelt man

Wenn man euch glaubt, was ihr sagt? Vor allem: wie handelt man?

 

Wir rollten zusammen den zweifelnden

Blauen Mann auf der Leinwand, sahen uns an und

30 Begannen von vorne.

Bertold Brecht (Gedichte IV, Gedichte und Gedichtfragmente 1928-1939)

Der Aufbau ist ziemlich einfach: Ein ungenannter Sprecher berichtet aus einer Wir-Gruppe heraus von dem, was „wir“ immer taten, „wenn uns die Antwort auf eine Frage gefunden schien“ (V. 1 f.) – das ist die Ausgangssituation. Dann rollten „wir“ das chinesische Bild vom Zweifler auf (1. Strophe). Es folgt der Bericht von dem, was der Zweifler (immer) sagte (2. Strophe).  In der 3. Strophe wird dann berichtet, wie „wir“ das Bild wieder aufrollten und „von vorne“ begannen. Das Abrollen und Betrachten des Bildes dient also dazu, den falschen Schein („schien“, V. 2), mit einer Frage fertig zu sein, zu zerstören und erneut die Frage zur Bearbeitung vorzulegen. – Das Bild des Zweiflers ist eine Zeichnung von Kao Chi-Pei, ein Rollbild, das Brecht in seinem Arbeitszimmer aufgehängt hatte (vgl. das Gedicht „1940“, 7. Strophe).

Als Thema des Gedichts wird in der 1. Strophe das Verhältnis von Frage und Antwort vorgegeben. Daran knüpft sich alles an, was vom Zweifler über das Sprechen gesagt wird. Mit diesem Sprechen kann jede Theorieproduktion gemeint sein, von der Wissenschaft über die Politik bis zur Dichtung: Auf die bezieht Hartung das Gedicht. „Fragen und Antworten“ ist ein elementares Spiel menschlicher Kommunikation; im Katechismus verfestigt es sich zu den gültigen Antworten, in der Philosophie dominieren letztlich die Fragen, abgekürzt gesagt, über die jeweiligen Antworten. Den in den Schein der richtigen Antwort Befangenen stellen sie selbst, die Wir-Gruppe, „immer“ (V. 1) den Mann gegenüber, „der so sehr zweifelte“ (V. 5 f.). In V. 1 ist „uns“ handschriftlich nachgetragen: So wird das Kollektiv (das Team, die Gemeinschaft) der Fragenden hervorgehoben.

Der Zweifler spricht über das Sprechen; „sagte er uns“ (V. 7) ist die Korrektur gegenüber der Fassung „schien er zu sagen“ (s. Manuskript). Durch diese Korrektur werden die Worte der eigenen Vorstellung („schien“) zu solchen des Zweiflers selbst.  Er bezweifelt zunächst allgemein, „ob die Arbeit gelungen ist…“ (V. 8 f.); das würde man daran erkennen, dass es „noch für einige Wert hätte“ (V. 10 – so deute ich das reihende „ob“ in V. 10). Dann stellt er die Frage nach dem WIE des Sprechens (V. 11 ff.) – das legt nahe, bei diesem Sprechen ans Dichten oder Schreiben Brechts zu denken. Zwei mögliche Fehler benennt der Zweifler: zu vieldeutig und zu eindeutig sprechen, beide jeweils mit einer Erklärung begründet (bis V. 16).

Im ersten Entwurf fehlen V. 16-20; auf V. 15 folgt dort V. 21, wo der Zweifler weiter danach fragt, WIE „ihr“ sprecht. In den ersten Entwurf ist V. 16 handschriftlich eingefügt; damit kann aber die folgende Frage von V. 21 nicht anschließen (Lebloses lässt eo ipso nüchtern!). Deshalb sah Brecht sich gezwungen, V. 17-19 nachzutragen und mit V. 20 einen Übergang zur ersten Fassung herzustellen.

In V. 16-19 fragt der Zweifler nach den Menschen selbst, nach dem, wo und wie „ihr“ seid (im Fluss des Geschehens, in der Wirklichkeit, „einverstanden“ mit ihr, s. dazu die Links). In V. 18 und 19 wird dann die Verbindung zum Sprechen wieder hergestellt, und zwar durch Bezug auf die Hörer und den Nutzen des eigenen Sprechens.

Es folgen kritische Fragen zu dem, was „wir“ sagen – beziehungsweise schreiben (vgl. „lesen“, V. 21). Die Fragen sind in sich klar und brauchen nicht kommentiert zu werden – sie bezeugen die Art und Weise dessen, wie man als Sprechender oder Schreibender im Fluss des Geschehens sein kann (vgl. V.17); unklar ist in V. 23 der Zusammenhang „benutzt, wenigstens widerlegt“ – eigentlich wäre die umgekehrte Fassung richtig (widerlegt – wenigstens benutzt). Das Problem ergibt sich daraus, dass Brecht aus der ursprünglichen Formulierung „gut benutzt“ das „gut“ gestrichen hat, ohne den damit erzeugten Bruch zu glätten.

Durch Vers 25 hervorgehoben folgt zum Schluss die Hauptfrage: Wie handeln die Hörer/Leser eurer Worte, unter dem Eindruck eurer Worte? Mich stört die Formulierung „wenn man euch glaubt“ (V. 27): Da wird den Sprechern/Schreibern eine Art Verkündigungsauftrag zuerkannt, der sich aus dem Mund des Zweiflers seltsam anhört. Ursprünglich hieß die Fassung von V. 26: „wenn man das macht was ihr sagt oder wenn man euch glaubt? Wie handelt man?“ Das gestrichene „wenn man das macht was ihr sagt“ ist neutraler, stört (mich) weniger als das Glauben. Jedenfalls ist die Wahrheit des Redens am daraus folgenden Handeln festgemacht; und das kann man ähnlich bei Wittgenstein lesen: „Unsre Rede erhält durch unsre übrigen Handlungen ihren Sinn.“ (Über Gewissheit) Das ist nur ähnlich, weil hier die Taten des Sprechers im Fokus sind; Brecht betrachtet dagegen die Taten der Hörer/Leser und hält am Vorrang der Sprecher als Verkündiger fest – ein innerer Widerspruch für jemand, der sich dem Spruch des Zweiflers stellt.

Es folgt der Bericht vom Schluss der Aktion: Das Bild wird wieder aufgerollt; wir „sahen uns an“ (V. 29) – das Zeichen des gemeinsamen Verständnisses, des Einverständnisses, „und begannen von vorne“ (V. 29 f.). – Im Manuskript hieß es: „nachdenklich betrachteten (mit neugier) den zweifelnden“; das Nachdenken ist zugunsten des direkten Verstehens gestrichen – das ist kein Gewinn, finde ich.

Ich stimme aus mehreren Gründen Hartung zu, dass das Gedicht noch unfertig ist; aber auch als unfertiges ist es ein großes Gedicht, welches ich seit vierzig Jahren schätze. Zur Sprache ist nicht viel zu sagen; es ist die Prosa der reimlosen Lyrik Brechts. Man könnte noch einige Gedanken zum Zeilenschnitt vorbringen; darauf verzichte ich hier aber. Ich möchte dafür auf die Rezeption des Gedichts hinweisen. Es wird öfter als Motto in wissenschaftlichen Arbeiten verwendet und ziert auch die Seite der Philosophin Theda Rehbock (s. unter „Rezeption“). Bei Peter Kraft, Boston, hängt es an der Türe des Arbeitszimmers. Es lässt sich sogar für die christlich-kirchliche Verkündigung verwenden (s. die Predigt); ich selber habe die veränderte Zeile „Wie handelt man, wenn man uns glaubt, was wir sagen? Wie handelt man, wenn man uns glaubt?“ in Eschweiler und Dorthausen bei der Einführung in die Messfeier verwendet und darauf vertraut, dass darin niemand Brecht erkannte – aber das ist inzwischen Geschichte und gehört nur noch als ein kleiner Kieselstein auf den breiten Weg der Brechtrezeption.

Analyse

http://books.google.de/books?id=A509b_EL1p8C&pg=PA391&lpg=PA391&dq=brecht+der+zweifler+-+interpretation&source=bl&ots=dB3fbP3szw&sig=uG0-TZTSFtd8oQ3kEGgZ_fO6jj8&hl=de&sa=X&ei=aIOzUKaEC8XcsgbC2YHABg&ved=0CC0Q6AEwAA#v=onepage&q=brecht%20der%20zweifler%20-%20interpretation&f=false (Hugo Hartung: zurück- und vorwärts scrollen)

„Einverständnis“ bei Brecht

http://wwwu.uni-klu.ac.at/hstockha/neu/html/subikc.html

http://sammelpunkt.philo.at:8080/79/1/brecht1.htm

http://muse.jhu.edu/login?auth=0&type=summary&url=/journals/mln/v119/119.3scholl.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Badener_Lehrstück_vom_Einverständnis

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/der-zweifler.html Stavenhagen

http://www.ibl.fh-muenster.de/methodenportal/index.php?title=Integration._Inklusive_Konzepte_f%C3%BCr_Schule_und_Unterricht

Rezeption

Es findet sich als Motto gelegentlich in Publikationen von Wissenschaftlern, z.B.

http://library.mpib-berlin.mpg.de/dl/Studien/Studien_036/pdf/Studien_Berichte_MPIB_036.pdf oder

http://www.qucosa.de/fileadmin/data/qucosa/documents/8917/Dissertation_Karina_Boehm.pdf Diss, oder

http://www.wissenschaftsdialog.de/GAMBAhandbuch.pdf oder

http://www.ibl.fh-muenster.de/methodenportal/index.php?title=Integration._Inklusive_Konzepte_f%C3%BCr_Schule_und_Unterricht )

Brecht als Didaktiker: http://www.uni-koeln.de/hf/konstrukt/reich_works/buecher/unterricht/reich_teil%20III.pdf

http://www.umdenken.de/index,id,613,selid,2055,type,VAL_MEMO.html (in einer Predigt zu Joh 20,19 ff.)

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/30/enzensberger-ins-lesebuch-fur-die-oberstufe-analyse/ (Vergleich mit Enzensbergers Gedicht „ins lesebuch für die oberstufe“)

http://www.globkult.de/kultur/l-iteratur/802-lutz-goetze (Rezeption Brechts allgemein)

Zusätzlich:

http://baylit.literaturportal-bayern.de/autoren/autor.php?id=153 (Brecht-Links)

http://www.redworks.info/BRECHT/bb_100/bb_rechts.htm (Brecht im „Interview“)

One thought on “Brecht: Der Zweifler – Analyse

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