Brecht: Der Kirschdieb – Analyse

An einem frühen Morgen, lange vor Hahnenschrei…

Text

http://dergruenehund.blogspot.de/2009/11/der-kirschdieb.html

http://mitue.de/?tag=bertolt-brecht

http://www.weboase.ch/gedichte/Berthold-Brecht-der-Kirschdieb.php

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht61.html u.a.

Das Gedicht ist im Sommer 1938 entstanden und 1949 in „Sinn und Form“ erstmals gedruckt worden. Margarete Steffin hatte es in ihre Sammlung von Brecht-Gedichten aufgenommen (Steffinsche Sammlung, diese hat eine verworrene Geschichte), Brecht hatte es in seinen „Gedichte[n] im Exil“, die er 1944 zu Weihnachten hektografiert an seine Freunde verschickte.

Ein Ich-Sprecher erzählt ein kleines Erlebnis aus dem Alltag, ohne es zu kommentieren. Am Anfang steht der Bericht von der Situation des Geschehens: wie das etwas ältere Ich (vs. junger Mann, V. 4) durch Pfeifen in der Dämmerung eines Tages geweckt wird und zum Fenster geht (V. 1-3). Danach erzählt es, was es beobachtet hat (V. 4-7): Ein junger Mann, fröhlich und lebenslustig (pfeifend, lustig, zunickend, mit beiden Händen), pflückt ziemlich unbekümmert, beinahe unverschämt (mit beiden Händen sie in die Taschen stopfend, pfeifend und nickend, obwohl er beobachtet wird) die fremden Kirschen. Den Schluss bildet die unvollständige Erzählung von der Reaktion des Ich (V. 8 f.): Unvollständig ist dies, weil weder ein Gedanke noch eine Empfindung des Ich erwähnt wird – warum erzählt es die Begebenheit dann überhaupt? – und auch die Rückkehr ins Bett wird ausgespart; die Fortsetzung der eigenen Bettruhe dient nur als Zeitangabe dafür, wie lange es den jungen Mann noch „sein lustiges Lied pfeifen“ (V. 9) hört.

Die Überschrift ist „Der Kirschdieb“; er steht auch im Blick des Erzählers, die eigene Reaktion auf den Diebstahl wird verschwiegen – offensichtlich geht es nicht um einen Diebstahl, sondern nur um den Kirschdieb selbst. Der verkörpert Lebenslust und die Kraft der Jugend, die sich auch nicht darum kümmert, beim Stehlen ertappt zu werden. Von seinem Auftreten wird mit einer gewissen Sympathie erzählt; das Ich nimmt sowohl die Störung des Schlafs als auch den Kirschdiebstahl klaglos hin.

In einer nicht mehr identifizierbaren Hamburger Vorlesung (1. Link unter „Analyse“) wird vermutet, dass die Kirschen hier eine symbolische (erotische) Bedeutung haben (Kirsche als Symbol für die Lippen einer Frau, für Küssen und intensives Liebeserleben), der Ich-Erzähler werde somit Zeuge eines erotischen Übergriffs (Kirschen im fremden Garten). Das scheint mir aber ziemlich weit hergeholt und als Ersatz dafür gesucht zu sein, dass die Reaktion des Ich nicht erwähnt wird. Ich zitiere aus dem Schluss der Deutung in der Vorlesung: „Ich meine nicht, dass es sich bei ‚Der Kirschdieb’ um ein verschlüsseltes erotische[s] Gedicht handelt. Allerdings meine ich, dass die erotische Deutungskomponente keineswegs ausgeschlossen werden darf, ja dass sie im eigentlichen Sinne der zuvor genannten Interpretation [Alter vs. Jugend, N.T.] erst den eigentlichen Sinn gibt. Dieses Gedicht ist nicht im eigentlichen Sinne verschlüsselt, sondern es dokumentiert (…) eine eigentümliche Zurücknahme, eine Begrenzung der Mitteilung. Das Urteil: der Akt des situativen Verstehens, wird ganz dem Rezipienten überlassen. Der Autor strukturiert den Text nur von der einen Seite – der Leser bzw. Rezipient strukturiert ihn im rezeptiven Akt noch einmal, und in ganz entscheidender Weise, von seiner Seite. – In der Brecht-Forschung hat man hier von einem ‚kommunikativen Sprachstil’ gesprochen, den Brecht in dieser Exilphase entwickelt hat.“ Dazu wird als Literatur angegeben: Klaus Birkenhauer: Die eigenrhythmische Lyrik Bertolt Brechts. Theorie eines kommunikativen Sprachstils. Tübingen 1971.

Um ein Beispiel für die Rezeption der Klassiker in der Schule zu zeigen, zitiere ich eine Aufgabenstellung zum Gedicht, die ich [im Zusammenhang mit einem kleinen Aufsatz von E. Kuhlmay] im Netz gefunden habe: „Die Schueler betrachten anhand der Gedichte „Der Kirschdieb“ (B. Brecht) und „Inserat“ (T. Storm) Entstehung und Loesung menschlicher Konfliktsituationen (Obstdiebstahl) und lernen Ironie als Stilmittel kennen.“ Dazu ist zu sagen, dass beide Gedichte keine menschlichen Konfliktsituationen behandeln: Der Ich-Erzähler Brechts ist weit von einem Konflikt entfernt, der Sprecher Storms billigt offensichtlich (notgedrungen? Man weiß es nicht, man kennt die Situation überhaupt nicht!) den Diebstahl und möchte nur größeren Schaden verhindern. Aber anscheinend muss bei der Lektüre von Gedichten etwas fürs Leben herauskommen, eine praktische Nutzanwendung, „was will uns der Dichter sagen“: Ja, dann hören wir alle einmal ganz angestrengt zu, dann finden wir bestimmt etwas, was der Dichter uns sagen will – wäre ja gelacht, wenn wir nichts fänden! Ironie finde ich übrigens in keinem der beiden Gedichte, bei Theodor Storm dagegen Humor. Was würde der erst dichten, wenn er solche Aufgabenstellungen läse!

Wenn ich als passionierter Kirschenpflücker und Baumbesteiger etwas zum Kirschdieb sagen darf: Wer Kirschen in seine Taschen stopft, ist ein Depp, weil sie dort zerquetscht werden, falls sie reif waren. Kirschen isst man im Baum, oder man pflückt sie vorsichtig in einen Korb oder eine Tüte, die häufig zu leeren ist! Ich spreche hier aus Erfahrung.

Analyse

http://www1.uni-hamburg.de/exillit/neueversion/vorlesungen/vorlesungenarchiv/europexil/5-BRECHT.PDF (nur noch in der „Schnellansicht“ bei google einsehbar)

http://www.ddr-hoerspiele.net/2-lp/helene-weigel-liest-brecht.html (Paul Rilla über die Lyrik Brechts insgesamt)

http://de.wikipedia.org/wiki/Steffinsche_Sammlung (Info)

http://www.uni-kassel.de/fb11/nue/documents/diplom_annika_gerlach.pdf (Die symbolische Bedeutung der Kirsche)

Margarete Steffin

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/margarete-steffin/

http://www.imdb.com/name/nm1273118/bio

http://www.berlin.de/ba-mitte/bezirk/gedenken/margarethe_steffin.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Margarete_Steffin

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=3gDi-b3KQIk (Hans Eisler)

http://www.youtube.com/watch?v=OJgWtqjUIU4 (dito)

Rezeption

http://www.skip-pahler.de/wandmal.html (in der Nähe des Brecht-Hauses in B-Weißensee)

http://www.panoramio.com/photo/58632645 ->

http://www.flanieren-in-berlin.de/bezirke/pankow/geklaute-kirschen.html

http://dewilblog.wordpress.com/tag/bert-brecht/

One thought on “Brecht: Der Kirschdieb – Analyse

  1. Pingback: Verunglückte Rezeption der Klassiker in der Schule « norberto68

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