Brecht: Lob der Vergesslichkeit – Analyse

Gut ist die Vergeßlichkeit!…

Text

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht1_13.html

http://salent.twoday.net/topics/Bertolt+Brecht/

http://www.daemonenforum.de/lob-der-vergeszlichkeit-t123.html

http://members.aon.at/sroth/lyrik/brecht.htm

Vergesslichkeit gilt durchweg als etwas Bedenkliches, dessen Ursachen es zu erforschen und zu bekämpfen gilt (http://www.apotheken-umschau.de/gedaechtnis/gedaechtnisprobleme; http://www.beobachter.ch/arbeit-bildung/aus-und-weiterbildung/artikel/gedaechtnistraining_die-vergesslichkeit-vergessen/). Von da her verwundert es einen, wenn man ein Gedicht mit der Überschrift „Lob der Vergesslichkeit“ findet. Brechts Gedicht, etwa 1938 entstanden und erst nach seinem Tod veröffentlicht, behandelt aber gar nicht die normale Vergesslichkeit, unter der wir mit zunehmendem Alter immer stärker leiden, sondern etwas anderes. Dieses andere gilt es herauszuarbeiten.

Der Sprecher beginnt mit dem Lob der Vergesslichkeit: „Gut ist die Vergeßlichkeit!“ (I 1, d.h. Str. I, V. 1) Damit stellt er sich gegen die normale Bewertung der Vergesslichkeit; dafür ist er also eine Begründung schuldig. Er liefert gleich zwei Begründungen in den beiden ersten Strophen.

In ihnen geht es die um elementaren Verhältnisse von Mutter und Sohn, von Lehrer und Schüler (Parallele). Diese Verhältnisse müssen nach Ansicht des Sprechers einmal beendet werden, zumindest in dem Sinn, dass der Sohn die Mutter, der Schüler den Lehrer verlässt (I 3, II 1). Dafür gibt es eine plausible Erklärung, die nur im ersten Fall ganz ausgebaut ist: Die Mutter hat dem Sohn die Kraft verliehen (Perfekt), jetzt ist sie vorhanden. Das Perfekt „drückt das Vergangene in Bezug auf die Gegenwart aus. Im Perfekt werden Vorgänge dargestellt, die noch in die Gegenwart hineinwirken, auf deren Folgen oder Ergebnissen die gegenwärtige Lage oder Handlung beruht.“ (Walter Jung: Grammatik der deutschen Sprache, 1990, Nr. 475) Die Kraft und das Wissen hat man „verliehen“ (I 4, II 3) bekommen, damit man jetzt damit etwas anfangen kann; wenn die Mutter also den Sohn an sich binden will, ihn „zurückhält“ (I 5), handelt sie der erfüllten mütterlichen Aufgabe entgegen, bindet sie den Sohn an die gemeinsame Vergangenheit, statt ihn in seine eigene Gegenwart zu entlassen. Das Gleiche gilt für den Lehrer, der seinem Schüler Wissen verliehen hat (II); der muss es jetzt anwenden (und damit vertiefen, also auch verändern…), nicht auf ewig bloß nachbeten. Der Sprecher klärt also den Sinn elementarer Verhältnisse und ergreift Partei für die Freiheit der Jüngeren, für die Bewährung des Verliehenen, gegen Bindung an das Vergangene. Vergesslichkeit kann man das nennen, weil nach allgemeiner Erfahrung ein Gang durch die Tür vergesslich macht (s.u. Link!), Sohn und Schüler aber aus dem Haus ihrer Kindheit und dem alten Haus des Lernens hinausgehen müssen.

In der 3. Strophe wird bedacht, was ein Haus zu bauen heißt (sicher eine Metapher für die Fähigkeit, Neues zu schaffen): Es heißt, etwas zum Nutzen vieler hervorzubringen, sodass man sich nicht als einziger darin breitmachen darf. Der Sprecher nennt auch dieses Verhältnis „Vergesslichkeit“, was sicher missverständlich ist. Die Logik des Sprechers, dass im Haus nicht für alte neben neuen Bewohnern Platz sei (III 3 f.), bleibt auf der Bildebene und damit scheinbar  etwas vordergründig; man muss den Sinn der Metapher bedenken, dann verliert die Begründung ihre Schwäche – solche Schwächen waren für Brecht vermutlich der Grund, das Gedicht nicht zu veröffentlichen.

In der 4. Strophe wird das Verhältnis von Ofen und Hafner (Häfner: Ofensetzer), von Brot und Bauer (Pflüger) erklärt (wieder eine Parallele); nennen wir es das Verhältnis von Arbeiter und Produkt, von Handwerker und Werk. Solche Produkte werden für den Verbrauch durch andere hergestellt; dass der Handwerker sich davon trennt, ist der Zweck seiner Arbeit. Auch dieses Verhältnis wird als Vergesslichkeit bzw. Vergessen verstanden und benannt (nicht mehr kennen, erkennen, IV).

Das Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart kommt, wie in den ersten beiden Strophen, in der 5. Strophe wieder zweimal zur Sprache: Das Vergessen (V 1) macht es uns möglich, am Morgen wieder aufzustehen. Beim ersten Mal ist „sich erheben“ wörtlich gemeint (V 1 f.); welche Spuren die Nacht verwischt, bleibt offen – es müssen die Spuren des vergangenen Tages sein, weil die Spuren der nächtlichen Träume erst mit dem Daniederliegen selbst zustande kommen. Im zweiten Fall geht es metaphorisch um das „Aufstehen“ im Aufstand, um die Erhebung des Niedergeschlagenen – des niedergeschlagenen Arbeiters, der sich zum Pflügen und sogar zur Himmelfahrt (per Flugzeug) erhebt. Hier klingt meines Erachtens die religiöse Metapher von „Auferstehung“ an, wie ja auch die Polaritäten von wachen/schlafen und von liegen/aufstehen ganze Metaphernfelder, auch in der religiösen Sprache, eröffnen.

Den Schluss bildet eine gern zitierte Sentenz, in der die verschiedenen Fälle guter Vergesslichkeit zusammengefasst werden: „Die Schwäche des Gedächtnisses verleiht / Den Menschen Stärke.“ (V 7 f.) Im Chiasmus werden Schwäche und Stärke dialektisch aufeinander bezogen, so wie auch Vergangenes und Gegenwärtiges dialektisch zueinander gehören (s.o. die Erklärung zum Perfekt). Dieses zweite Lob der Vergesslichkeit rahmt mit dem ersten die verschiedenen Fälle ein, an denen der Sprecher lehrhaft demonstriert, wieso die Vergesslichkeit zu loben ist. Dabei ist „Vergesslichkeit“ allerdings ein Begriff, unter dem verschiedenartige Verhältnisse zusammengefasst werden; das macht die Schwäche des Gedichtes aus, in dem Brecht einen großen Gedanken zu formulieren versuchte.

Die Sprache des Gedichts ist einfach, allerdings durch einige rhetorische Figuren etwas gehoben; der Sprecher greift alltägliche, bekannte Verhältnisse als Beispiele auf, um sie dialektisch zu durchdenken. In der letzten Strophe wird sein Denken metaphorischer, da stößt es in den Bereich politischer Verhältnisse vor – um mit einem Lob des Arbeiters, der sich erhebt, zu enden.

Edgar Marsch weist in seinem „Brecht-Kommentar zum lyrischen Werk“ (1974, S. 251) auf die Vergesslichkeit Gottes in den frühen Gedichten Brechts hin, auf den Anklang von Luk 17,4 bei dem sechsmal zu Boden Geschlagenen, auf das Umpflügen des steinigen Bodens und die Existenz steiniger Äcker in anderen Gedichten Brechts – diese interpretatorischen Feinheiten dürfen in unserer Analyse, der ersten im Internet, zurücktreten.

Nur auf einen Widerspruch möchte ich noch hinweisen, der in Günter Kunerts Gedicht „Bericht über ihn“ erhoben wird. Da wird beklagt, dass der Mensch sich an alles Elend gewöhnt (hat), „sofern es den Nachbarn betrifft“ (10. Str.). Und dann als 11. Strophe die ambivalent-ironische Bewertung dazu: „Wahrlich, die Stärke, die ihn / Überleben ließ die Jahrtausende, sehet / Mit Verwunderung.“ In Kunerts Gedicht geht es um Vergesslichkeit gegen die Leiden anderer als Schwäche: Genau das ist Thema des politischen Diskurses um Erinnerung und Vergessen in den letzten Jahrzehnten.

Bei den Links zur Rezeption ist das Buch von Frau Thimme hervorzuheben, auf das ich deshalb eigens hinweise.

Rezeption

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/wib/180088/

http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Alles-aber-uebergab-ich-dem-Staunen-id6751616.html

http://www.schimmeck.de/Texte/thimme.html, dazu

http://books.google.de/books?id=PobRCmputtUC&pg=PA133&lpg=PA133&dq=Brecht+lob+der+vergesslichkeit&source=bl&ots=uaHH24x6Ay&sig=NDR7wv7pmsYOT4aX84lh09Xgi7g&hl=de&sa=X&ei=fTi3UNSkJ4vHswbpkIHgBA&ved=0CEIQ6AEwBDgU#v=onepage&q=Brecht%20lob%20der%20vergesslichkeit&f=false (S. 133-135)

http://www.spektrum.de/page/fe_seiten?article_id=600844 (Missverständnis?)

http://www.assoziations-blaster.de/blast/Ged%E4chtnis.52.html

http://logos.kulando.de/post/2008/10/27/g-nter-kunert-bericht-ber-ihn-text (Kunerts Gedicht)

http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/Was%20ist%20der%20Mensch.pdf (ohne „sehet“)

Noch ein paar Links zu Erinnerung und Vergessen im normalen Sprachgebrauch:

Vergessen, Vergesslichkeit

http://www.onmeda.de/symptome/vergesslichkeit.html

http://www.alltagsforschung.de/aus-dem-sinn-der-gang-durch-eine-tur-macht-vergesslich/ (Der Gang durch eine Tür macht vergesslich!)

http://www.hagestedt.de/rezensionen/b45Weinrich.html (Rezension Weinrich)

Gedächtnis

http://dasgehirn.info/denken/gedaechtnis/ (mit Spruch: Leben…)

http://www.etools.ch/searchSubmit.do?query=Ged%C3%A4chtnis&country=DE&language=de (kognitionspscholog., ethnolog.)

http://www.ewi-psy.fu-berlin.de/einrichtungen/arbeitsbereiche/allgpsy/media/media_lehre/Lernen_und_Ged__chtn__s/lernen_9.pdf?1286345263 (Lernen und Gedächtnis)

Erinnerung

http://www.goethe.de/ges/pok/dos/dos/ern/deindex.htm

http://www.denkprozesse.net/memorys_voices/DST.pdf

http://www.eltern.de/kleinkind/entwicklung/Fruehkindliche-Erinnerung.html

One thought on “Brecht: Lob der Vergesslichkeit – Analyse

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