Brecht: Lob des Zweifels – Analyse

Gelobt sei der Zweifel! Ich rate euch, begrüßt mir…

Text

https://soundcloud.com/jensbest/brecht-lob-des-zweifels (mit Vortrag!)

http://www.dasgelbeforum.de.org/forum_entry.php?id=140484

https://schauburgorbiter.wordpress.com/2011/03/16/lob-des-zweifels/

Das Gedicht ist um 1939 entstanden, wahrscheinlich im Zusammenhang mit Brechts Arbeiten an „Leben des Galilei“. Auf diesen Zusammenhang kommen wir noch zu sprechen; wir werden am Ende auch bedenken, was das „Lob der Vergesslichkeit“ mit dem „Lob des Zweifels“ zu tun hat.

Ein Ich-Sprecher wendet sich (in 11 Strophen unterschiedlicher Länge) lehrhaft an eine nicht näher bestimmte Gruppe „ihr“, die tendenziell alle sind. Auf sein Lob des Zweifels (I 1, d.h. Str. 1, V. 1) folgt der Rat an „euch“, denjenigen zu schätzen, der „euer Wort“ kritisch, also nur zweifelnd vernimmt (I 1-3). Der darauf folgende Rat, sein eigenes Wort „nicht allzu zuversichtlich“ zu geben (I 4 f.), ist nur die Kehrseite des ersten Ratschlags; schon beim eigenen Sprechen sollen seine Hörer das Zweifeln ihrer Hörer antizipieren – das hieße, selber weise zu sein.

In den beiden folgenden Strophen berichtet der Sprecher auktorial von zumeist fiktiven Beispielen, wo bisher Unbezweifeltes seine Geltung verlor; damit begründet er sein Lob des Zweifels und seine beiden Ratschläge aus der 1. Strophe. Er beruft sich auf Erfahrung, auf „die Geschichte“; dort könne man sehen, dass auch „die unbesieglichen Heere“ geschlagen wurden (II 1 f.); die Paradoxie löst sich auf, wenn man „die unbesieglichen Heere“ als „die vermeintlich unbesieglichen Heere“ liest – dieses richtige, also den Zweifel einschließende Verständnis wird durch die sprachliche Paradoxie (unbesieglich – besiegt) erzeugt. Das Spiel der Paradoxien wird noch viermal wiederholt, einmal mit dem realen Beispiel der spanischen Armada (II 5 ff.). Drei der Beispiele stammen aus dem Bereich des Krieges oder Kämpfens und legen eine politische Lesart des Gedichts nahe, die beiden letzten (III) handeln von vermeintlich unerreichbaren Zielen.

Besonders „schönen“ Zweifeln gilt das Lob des Sprechers in den beiden folgenden Strophen: dem Zweifel an unbestreitbaren Wahrheiten, an der Hoffnungslosigkeit einer Krankheit, an der Stärke der Unterdrücker. Der letzte Zweifel wird als schönster gepriesen (V 1); damit wird die politische Stoßrichtung des Gedichts deutlich. Allen bisher behandelten Fällen (II – V) ist gemeinsam, dass bisher unbezweifelte Sätze oder Vorstellungen das Attribut „vermeintlich richtig“ statt „wahr“ bekamen.

In der 6. Strophe wird die Geschichte eines Lehrsatzes erzählt, zunächst personal aus der Sicht seines Entdeckers („ein Mensch“, VI 5: also ein fiktives Beispiel), dann neutral aus der Sicht eines die Geschichte überschauenden Beobachters (ab VI 6): wie aus dem neuen ein alter Lehrsatz wird, der durch Erfahrung in Zweifel gerät und schließlich durchgestrichen wird, wiederum eines Tages von einem Menschen (VI 5/11).

Mit einem harten Schnitt wechseln Sprechweise und Thema: Probleme beim Zweifeln werden ab Str. 7 behandelt. Zuerst gilt das Mitleid des Sprechers dem Armen, vielfach im Kapitalismus Malträtierten (umbrüllt, gemustert usw., VII 1-5) und mit Ideologien Vernebelten (VII 6 f. – die Lehre von der besten aller Welten geht auf Leibniz zurück), wobei der Sprecher Verständnis dafür aufbringt, dass jener es schwer hat, „an dieser Welt zu zweifeln“ (VII 9). – Die beiden letzten Verse von Strophe 7 kann ich nur mit Mühe zu den ersten neun in Beziehung setzen: als eine Relativierung des Verständnisses für den Armen, der schweißtriefend für andere Leute arbeiten muss (VII 10): Schweißtriefend arbeiten ja auch die nicht Ausgebeuteten (VII 11); ich bin mir aber nicht sicher, ob dies der Sinn von VII 10 f. ist (ich denke, Brecht hätte hier noch nachbessern müssen).

Es folgen zwei Strophen, in denen zwei Gruppen Menschen beschrieben werden, die mit dem Zweifel falsch umgehen: Die Unbedenklichen zweifeln zu wenig (VIII), die Bedenklichen zweifeln zu viel (IX). In der Art, wie die Unbedenklichen und die Bedenklichen charakterisiert bzw. typisiert werden, erkenne ich Peter Maiwalds Methode der Typisierung wieder (z.B. „Der Verständnisvolle“ oder „Der Verdächtige“, zuerst in „Nebelspalter“, jetzt in: Das Gutenbergsche Völkchen. Kalendergeschichten. Frankfurt 1990; 1993 als Taschenbuch). Durch den Untertitel „Kalendergeschichten“ deutet Maiwald an, dass er sich an Brecht anlehnt.

Mit „Freilich“ (X 1) angeschlossen folgt eine Warnung (an „ihr“ gerichtet, X 1), das falsche Zweifeln zu loben: jenes, „das ein Verzweifeln ist“ (X 3 – vielleicht spielt Brecht hier auf den Existenzialismus bzw. die Existenzphilosophie an?). Die folgende Strophe greift in einer allgemeinen Reflexion noch einmal die Themen von Strophe 8 und 9 auf – ein Schönheitsfehler, den Brecht sicher bemerkt hat; schließlich hat er das Gedicht nicht veröffentlicht. In XI 3 f. klingt ein Satz Bacons an: Ignoratio causae destituit effectum (etwa: Die Unkenntnis der Ursache lässt die Wirkung ausfallen – Hinweis von Edgar Marsch: Brecht-Kommentar zum lyrischen Werk, 1974). Strophe 8-11 haben also die Arten, wie man nicht mit dem Zweifel umgehen soll, zum Gegenstand.

In der letzten Strophe wendet der Sprecher sich mit der Anrede „Du, der du ein Führer bist“ (XII 1) an alle (Kommunisten?) in führenden Positionen; er appelliert an sie, ihr Amt nicht zu missbrauchen, indem er sie an die (stark idealisierte!) Bedingung ihres Aufstiegs erinnert: Sie haben an früheren Führern „gezweifelt“ – freilich bleibt hier offen, wie sie tatsächlich deren Führungsposition eingenommen haben. Der Appell ist so logisch wie blauäugig: „So gestatte den Geführten / zu zweifeln!“ (XII 3 f.) Ein solcher Appell war 1939, zu Stalins Zeiten, in der Sowjetunion lebensgefährlich; aber Brecht lebte ja auch in Dänemark, ab Mai 1939 in Schweden, ab 1940 in Finnland, ab 1941 in den USA. Aber auch in der DDR, wo Brecht seit 1949 wohnte, war ein Gedicht mit einem solchen Schluss tabu: Brechts idealer Kommunismus hatte mit dem realen nicht viel gemeinsam. – Einige formale Beobachtungen zum Text findet man im dritten Link unter „Analyse“.

Worum geht es beim Zweifeln in diesem Gedicht? Es geht um den Zweifel in der Wissenschaft (VI), an Machtverhältnissen (II, V, VII und XII), im täglichen Leben (III und IV); es geht meistens um den Zweifel, der ein „neues“ Handeln möglich macht (III – V, ganz deutlich VIII – XI), indem er die Basissätze bisherigen Handelns in Frage stellt und abtut.

Wenn man diesen „Zweifel“ mit der ebenfalls gelobten „Vergesslichkeit“ vergleicht, so bedeutet „Vergesslichkeit“ teilweise das Gleiche wie „Zweifeln“ (v.a. in der letzten Strophe dort); teilweise bezeichnet sie auch die Fähigkeit, sich aus alten Bindungen zu lösen – das ist ein anderer Aspekt des gleichen Vorgangs, des Übergangs zu etwas Neuem; im alltäglichen Verständnis käme die Vergesslichkeit erst nach dem Zweifel, aber das muss in Brechts Gedichten nicht so sein. Die Unschärfen ergeben sich daraus, dass Brecht verschiedene Worte der Umgangssprache für alltägliche geistige (Fehl)Leistungen benutzt, um sie mit Bedeutung aufzuladen, sodass sie den revolutionären Umschwung (in verschiedenen Bereichen) als möglich, richtig und normal erscheinen lassen.

Was nun den Zusammenhang des hier gelobten Zweifels mit dem Stück „Leben des Galilei“ betrifft, gebe ich Manfred Wekwerth (Brecht-Theater – eine Chance für die Zukunft?) das Wort: „Brecht haßte die schnellen Antworten. Selbst wenn er eine Antwort gefunden hatte und sie ihm gefiel, zog er sie immer wieder in Zweifel, gerade weil sie gefiel. Er nannte es die „kritische Haltung“ (Kleines Organon, GA 23, 73), die nicht nur ein Schlüssel seines Denkens und Verhaltens, sondern auch seines Theaters ist. Den Zweifel nannte er ein Grundanliegen der Gattung Mensch, der die Menschwerdung erst ermöglichte und noch heute ermöglicht. Dem Lob des Zweifels widmete Brecht einige seiner schönsten Gedichte.

Aber an einer Stelle seines Galileo Galilei, die zumeist nur für einen naturwissenschaftlichen Disput gehalten wird, gibt Brecht, wie selten, unmittelbar Auskunft über seine ganz persönliche Methode, zu denken und zu handeln. Es ist die 9. Szene, in der Galilei, trotz des Verbotes durch die Inquisition, seine Forschungen wieder aufnimmt. Von seinen Schülern zur Eile gedrängt, seine Meinung zu den kürzlich entdeckten Sonnenflecken zu sagen, die den Stillstand der Sonne und die Bewegung der Erde beweisen würden, antwortet Galilei:

‚Meine Absicht ist nicht zu beweisen, daß ich bisher recht gehabt habe, sondern: herauszufinden, ob. Ich sage: Laßt alle Hoffnung fahren, ihr, die ihr in die Beobachtung eintretet. Vielleicht sind es Dünste, vielleicht sind es Flecken, aber bevor wir Flecken annehmen, welche uns gelegen kämen, wollen wir lieber annehmen, daß es Fischschwänze sind. Ja, wir werden alles, alles noch einmal in Frage stellen. Und wir werden nicht mit Siebenmeilenstiefeln vorwärtsgehen, sondern im Schneckentempo. Und was wir heute finden, werden wir morgen von der Tafel streichen und erst wieder anschreiben, wenn wir es noch einmal gefunden haben.’(http://www.manfredwekwerth.de/brechttheater2004.html)

Man findet den Zweifel bei Brecht an vielen Stellen, im Lied über die guten Leute, im Gedicht „Der Zweifler“, im „Leben des Galilei“…

Analyse

http://deutsch.huem-gym.de/sd/deutsch/de403/doku.php?id=lehrgedichte&DokuWiki=231904493f145754801abe3fc22950c0 (äußerst knapp)

http://www.kolleg-st-thomas.de/wiki/index.php?title=B._Brechts_Lehrgedichte:_Lob_des_Lernens_und_des_Zweifelns (ohne Erkenntniswert für unser Gedicht)

http://hubertus-wilczek.thronemaster.net/index.php?id=146 (thematisch-formaler Vergleich der beiden Gedichte)

http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/Brecht/bild1.htm (Verbindung zu „Leben des Galilei“, 1. Bild)

Rezeption

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/386293 (Antwort auf …)

http://www.sankt-ludwig-darmstadt.de/fileadmin/user_upload/pdfs/predigten/090510_Wer_zweifelt__der_gewinnt_-_5._Ostersonntag.pdf (christlich)

http://www.ekhg.de/buildframe2.php?id=43 dito

http://www.wendepunkt.uni-koeln.de/cms/upload/Publikationen/WS_11_12/Wahlkampfflugblatt.pdf Jusos

http://sushimitzu.deviantart.com/journal/Lob-des-Zweifels-Bertolt-Brecht-Haiku-222247129 (Haiku)

http://www.brandeins.de/magazin/entscheidungslust/lob-des-zweifels.html

http://www.friedhelm-schneidewind.de/ethik011.pdf (Unterricht)

http://sammelpunkt.philo.at:8080/79/1/brecht2.htm Dort C) Ein besseres Denken

http://www.manfredwekwerth.de/brechttheater2004.html (Brechttheater)

http://www.nibis.de/nli1/gohrgs/zentralabitur/zentralabitur_2011/01deutsch2011.pdf (im Lehrplan fürs Zentralabitur)

Sonstiges

http://www.gleichsatz.de/kago/lea/skepsis.html (über den Zweifel)

http://www.descartes-cogito-ergo-sum.de/ (eine von vielen Seiten über R.D.)

http://www.ev.theologie.uni-mainz.de/Dateien/wgz.pdf (Wahrheit – Gewißheit – Zweifel)

http://www.textlog.de/2079.html (Skepsis: Kirchner 1907)

http://uk-online.uni-koeln.de/remarks/d3141/rm7534.doc (Einführung in das Problem des Skeptizismus)

http://www.gleichsatz.de/b-u-t/begin/ih/montaigne.html (Montaignes Zweifel)

http://de.wikipedia.org/wiki/Zweifel

Gerhard Bauer: Weisheiten… http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/files/24675/Bauer_Weisheiten_zerpflueckt_verbraucht_zur_Kenntlichkeit_entstellt_Brecht.pdf

3 thoughts on “Brecht: Lob des Zweifels – Analyse

  1. Pingback: Manche Gewissheiten hindern … (selbstmotiviert lernen – 7) | Unterricht | Supervision | Coaching #erfolgreich #lernen

    • Im Wikipedia-Artikel „Wissen ist Macht“ steht (20. April 2016) u.a. Folgendes [Kursivschrift und Punkte stammen von mir, N.T.]:

      Wissen ist Macht ist im Deutschen ein geflügeltes Wort, das auf den englischen Philosophen Francis Bacon (1561–1626) zurückgeht. Bacon legte in seinen Werken einen Grundstein der Philosophie im Zeitalter der Aufklärung und führte die aristotelisch-christliche Scholastik an die Erkenntnisse und Methoden der Naturwissenschaft heran. Sein Bestreben, den Menschen „in einen höheren Stand seines Daseins“ zu bringen, drückte sich 1597 in seinen Meditationes sacrae in der Formulierung Nam et ipsa scientia potestas est (Denn auch die Wissenschaft selbst ist Macht) aus, oft verkürzt zu scientia potestas est. In der englischsprachigen Fassung von 1598 lautete der Satz:
      „(For) knowledge (itself) is power.“
      „Denn Wissen selbst ist Macht.“
      Den Gedanken führte Bacon in seinem 1620 erschienenen Hauptwerk Novum Organum weiter aus. Dort schreibt er:
      „Scientia et potentia humana in idem coincidunt, quia ignoratio causae destituit effectum.“
      „Wissen und Macht des Menschen fallen zusammen, weil Unkenntnis der Ursache [auch] über deren Wirkung täuscht.“
      (https://de.wikipedia.org/wiki/Wissen_ist_Macht, vgl. auch
      https://epub.ub.uni-muenchen.de/17657/1/Bildung%20und%20Macht.pdf u.a)

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