Brecht: Schlechte Zeit für Lyrik – Analyse

Ich weiß doch: nur der Glückliche…

Text

http://www.frankjankowski.de/anthol/antho8.htm (2. Gedicht)

http://www.zyrano.de/freetext/brecht03.htm

http://www.klausschenck.de/ks/downloads/h51-1lyrik-fitness01.pdf (2. Gedicht)

Das Gedicht steht im Zusammenhang mit den „Svendborger Gedichte[n]“, die zwar 1939 erschienen sind, aber bereits 1938 zusammengestellt waren. Es ist 1939 in Dänemark auf der Insel Fünen in Svendborg entstanden; der Sund (V. 8) trennt die Insel von anderen Inseln ab. Die neuen Formen der Lyrik, um die er sich bemühte, erklärt Brecht (in Bezug auf „Deutsche Satiren“, die 1937 vom Deutschen Freiheitssender nach Deutschland ausgestrahlt wurden) so: „Es handelte sich darum, einzelne Sätze in die ferne, künstlich zerstreute Hörerschaft zu werfen. Sie mußten auf die knappste Form gebracht sein, und Unterbrechungen (durch die Störsender) durften nicht allzuviel ausmachen. Der Reim schien mir nicht angebracht, da er dem Gedicht leicht etwas Insichgeschlossenes, am Ohr Vorübergehendes verleiht. Regelmäßige Rhythmen mit ihrem gleichmäßigen Fall haken sich ebenfalls nicht genügend ein und verlangen Umschreibungen, viele aktuelle Ausdrücke gehen nicht hinein: der Tonfall der direkten, momentanen Rede war nötig.“ (Brecht: Über reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen) „Schlechte Zeit für Lyrik“ ist ein Gedicht, in dem das lyrische Ich als Dichter sich Rechenschaft über sein Dichten gibt (poetologische Lyrik) und begründet, warum jetzt reimlose Lyrik auf dem Programm steht. Es wird also versucht, die Motive für das Entstehen solcher Dichtung aus der zeitgeschichtlichen Situation zu erklären. Es ist 1939 entstanden.

Bereits in der Überschrift „Schlechte Zeit für Lyrik“ steckt der poetologische Widerspruch, dass hier Lyrik präsentiert wird, obwohl doch schlechte Zeit für Lyrik ist; allerdings sei zugestanden, dass „schlechte Zeit“ nicht „unmöglich“ besagt.

Fünf Strophen unterschiedlicher Länge (zwischen zwei und sieben Verse) machen das Gedicht aus. Es besteht aus reimloser Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen; gemäß den Überlegungen Brechts (s.o.) kann man so die objektiv bestehenden Widersprüche der gegenwärtigen Situation ausdrücken: Reime zu verwenden liefe auf eine Darstellung geordneter Verhältnisse hinaus. Satzbau und Versgrenze fallen durchweg nicht zusammen (Enjambements). Gelegentlich werden durch syntaktisch gebrochene Verse (Beispiel: freigestelltes adversatives „aber“, V. 5) gesonderte Sinneinheiten gebildet.

Die beiden ersten Strophen sollte man als Einheit betrachten: In der ersten Strophe bekennt das lyrische Ich zu wissen, dass bei den Leuten der (und das) Schöne gern gesehen werden. In der zweiten Strophe beschreibt es die Bedeutung des Hässlichen (Verkrüppelten): Wiewohl er ein Produkt des „schlechten Boden[s]“ (V. 5) ist, wird der verkrüppelte Baum beschimpft (also nicht gern gesehen) – „Doch mit Recht“ (V. 7), mit dem Recht der am Schönen Interessierten. Das ist die Ausgangslage: Beschreibung dessen, was „man“ sehen möchte und was nicht. Zweifache Verneinung bestimmt die Logik der 2. Strophe.

In der 3. Strophe meldet sich das lyrische dichtende Ich (wegen „des Sundes“ Nähe ist es als Brecht zu identifizieren, s.o.) direkt zu Wort; es beschreibt, was es sieht und nicht sieht, wovon es spricht und nicht spricht: Entgegen dem allgemeinen Geschmack der Leute (1. und 2. Str.) sieht es nur des Fischers rissiges Garnnetz, Zeichen seiner Ausbeutung, nicht aber das Schöne in der Natur – ein oder das Thema der Lyrik bisher; entsprechend spricht es nur vom gekrümmten Rücken der Frau statt von den schönen Brüsten. In der 4. Strophe wendet das lyrische Ich sich direkt dem Dichten zu: Es spricht von seinem „Lied“, also einem ursprünglichen Gedicht, worin es keinen Reim setzen mag („Käme mir fast vor wie Übermut“, V. 16). In V. 15 steht ein elliptischer Nebensatz; der Reimklang des Verses entsteht durch ausschließliche Verwendung von i- und ei-Vokalen.

Poetologischer Aspekt dieser beiden Strophen: Darstellung von dem, über welches eigentlich nicht gesprochen werden darf, auf dialektische Weise; die Groß-Themen von Lyrik (Liebe, Natur, Stimmung) werden genannt und als Themen seiner Lyrik vom Ich zurückgewiesen.

In der 5. Strophe erklärt das Ich, wieso es nicht reimend dichtet (4. Str.): Es steht in einem Konflikt zwischen der Begeisterung über das Schöne (V. 18) und der Empörung über die Reden Hitlers (V. 19 – Hitler war einmal Kunstmaler, daher hier abwertend „Anstreicher“). Nur diese Empörung beherrscht (derzeit) das lyrische Ich, „Drängt mich zum Schreibtisch“ (V. 21) und zum Dichten – in der Form der reimlosen, „unschönen“ Lyrik. Deshalb ist jetzt „Schlechte Zeit für [traditionelle, dem Schönen verpflichtete] Lyrik“.

In der 5. Strophe wird der politische Widerspruch, in der 3. Strophe der soziale Widerspruch des Dichters gegen die Verhältnisse, in denen er lebt, und damit auch gegen die Lyrik des Schönen vorgebracht. Er muss eher von diesen Verhältnissen als von dem Schönen, das er ja durchaus sieht (3. Str. – auch wenn er sagt, er sehe es nicht), sprechen. Der innere Widerspruch in der 3. Strophe zeigt das Dilemma des Dichters.

Zweifacher Diskurs des Gedichtes: Inhaltlich werden reale politische, soziale und persönliche Widersprüche der finsteren Zeiten aufgezeigt; zugleich führt das Dichter-Ich im Gedicht einen Diskurs über das eigene Genre „Lyrik“, über deren traditionelle und zeitgemäße Möglichkeiten und Gegenstände.

Man kann einen Zusammenhang mit Brechts An die Nachgeborenen (vgl. dort die 2. Strophe) erkennen. In beiden Gedichten geht es darum, dass die vielen „Untaten“ der Gegenwart als Thema Vorrang vor dem Schönen beanspruchen.

Ich habe mich auf die Vorarbeit von Anna-Lisa Hermann, Caroline Garbe und Theresa Hotho (http://www.phil1.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010200/user_upload/Mitarbeiter/Will/WS_0708/ws0708_ps_02_exillyrik.pdf) gestützt. Weitere Analysen, die anzuschauen lohnt (neben anderen, die anzuschauen nicht lohnt, darunter wikipedia):

http://www.wisskirchen-online.de/downloads/lk12298.pdf (Kurt Drawert: Gute Zeit für Lyrik, 1998, dort S. 11)

http://www.uni-protokolle.de/foren/viewt/64129,0.html (mit Diskussion)

http://gbg2007.gb.funpic.de/Abitur/Lernzettel-Sprachskepsis.doc (dort ein Auszug, keine Seitenzählung!)

http://www.dr-peter-wieners.de/autoren-a—l/eichendorff/gedichte/abschied-vergleich-mit-brecht-schlechte-zeit.html (Gedichtvergleich, mehr Aufgabe als Lösung)

http://www.ddr-hoerspiele.net/2-lp/helene-weigel-liest-brecht.html (Paul Rilla über die Lyrik Brechts insgesamt)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=vuPCM8J9G0w

Sonstiges

http://www.ndlmm.uni-wuppertal.de/fileadmin/germanistik/ndlmm/Lehrveranstaltungen/Reimlose_Lyrik.pdf (Über reimlose Lyrik, dort S. 357 ff.)

Sonett in der Emigration: http://HA_Brechts_Sonett_in_der_Emigration_-_ein_Beispiel_f__r_die_Deutsche_Exilliteratur.docx

Vgl. Jan Knopf: Über den Gesang in finsteren Zeiten. In: Poetologische Lyrik von Klopstock bis Grünbein. Hrsg. von Olaf Hildebrand, 2003, S. 261 ff.

2 thoughts on “Brecht: Schlechte Zeit für Lyrik – Analyse

  1. Pingback: Brecht: An die Nachgeborenen – Analyse des Aufbaus « norberto42

  2. Pingback: Brecht: Frühling 1938 – Analyse « norberto42

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s