Brecht: Das Lied von der Moldau – Analyse

Auch unter dem Titel: Es wechseln die Zeiten

Am Grunde der Moldau wandern die Steine…

Text

http://deu.anarchopedia.org/Bertolt_Brecht/Das_Lied_von_der_Moldau

http://www.joergalbrecht.de/es/deutschedichter.de/werk.asp?ID=295

http://georg-hh.freimaurerei.de/moldau.html

www.kaz-online.de/pdf/334/334_3.pdf

„Schweyk im Zweiten Weltkrieg ist ein Drama des Dramatikers Bertolt Brecht. Es entstand 1943 im Exil in den USA […]. Der Stoff hatte Brecht beschäftigt, seit er Anfang 1928 an der Berliner Piscator-Bühne an einer Bühnenfassung der Abenteuer des braven Soldaten Schwejk mitgewirkt hatte.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Schweyk_im_Zweiten_Weltkrieg) Das Lied singen die Protagonisten in Brechts Stück „Schweyk im zweiten Weltkrieg“ in einer Prager Kneipe, nachdem ein Gast von der Gestapo mitgenommen worden ist, und auch am Ende des Stücks, als Hitler vor Stalingrad im Dialog mit Schweyk in eine Art Veitstanz verfällt; das Stück wurde 1956 in Warschau uraufgeführt.

„Das Lied von der Moldau“ ist eher schlicht aufgebaut und erinnert an „Das Lied vom Wasserrad“. Die erste Strophe ist gleich der dritten. Sie besteht aus vier Sätzen, die im Kreuzreim verbunden sind und alle das Thema der stetigen Veränderung behandeln: „Am Grunde der Moldau wandern die Steine“ (V. 1); man sieht das nicht, weil es unter Wasser geschieht, aber man weiß aus den Ergebnissen, dass auf dem Grund der Flüsse vom Wasser Material transportiert wird. Diese unsichtbare, jedoch sichere Veränderung wird Metapher für das politisch Erwünschte.

„Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.“ (V. 2) Genau genommen sind es sogar vier Kaiser, die im Veitsdom begraben sind: Die ehemals Größten der Welt sind gestorben, auch sie blieben nicht an der Macht. Dieser Satz geht nicht über die alte Vanitas-Thematik hinaus, wird hier jedoch eher als Veränderung gedacht, als Abhalftern der Mächtigen.

„Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.“ In diesem Satz beschreibt der ungenannte Sprecher, was nach allgemeiner Erfahrung immer geschieht: dass alles sich ändert, Großes verfällt und Kleines wächst. Darüber hinaus wird die Umkehrung der Verhältnisse von Großem und Kleinem (und damit von Großen und Kleinen) angedacht – so wird der religiös-utopischen Hoffnung nachgedacht („Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; die Mächtigen stürzt er vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ Luk 1,51 f., als ein Beleg für viele – im Christentum sind solche Hoffnung nur an den sektiererischen Rändern lebendig geblieben.)

„Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“ (V. 4) Hier knüpft der Sprecher an die alte religiöse Metaphorik von Dunkel und Licht, an den Wechsel von Nacht und Tag an, der oft mit dem Appell zum Aufstehen verbunden ist. Dass die Nacht 12 Stunden hat, ist die Einteilung der Zeit im Altertum (http://de.wikipedia.org/wiki/2-mal-12-Stunden-Z%C3%A4hlung und http://de.wikipedia.org/wiki/Temporale_Stunden); nach dieser Zählung kann man nicht nur die Nachtwachen einteilen, sondern auch berechnen, wie lange es noch bis zum erwarteten Morgen dauert: „Wächter, wie lange noch dauert die Nacht?“ (Jes 21,12, auch in der lateinischen Fassung bekannt: Custos, quid de nocte?) Die Nacht ist also auf 12 Stunden begrenzt, „dann kommt schon der Tag.“ Der Wechsel von Nacht und Tag ist jedoch nur dann ein Zeichen für den Wechsel zum Guten, wenn man nicht über den Tag hinaus denkt oder wenn man nach der Nacht einen ewigen Tag (Freunde, wenn der Geist geschieden, / so weint mir keine Träne nach, / denn wo ich weile, da ist Frieden, / dort leuchtet mir ein ewiger Tag. Annette von Droste-Hülshoff; vgl. http://www.geistundleben.de/component/docman/doc_download/3008-59-1986-6-405-413-geerlings-0.htmloder ein ewiges Morgenrot anbrechen sieht:

Durch Todesnacht bricht ewiges Morgenrot – –

Wer mutig für sein Vaterland gefallen,

Der baut sich selbst ein ewiges Monument

Im treuen Herzen seiner Landesbrüder,

Und dies Gebäude stürzt kein Sturmwind nieder. (Theodor Körner) Dieser Beleg zeigt auch, wie beliebig die Metaphorik von Nacht/Tag zur Erbauung der potenziell Fallenden eingesetzt werden kann.

In der zweiten Strophe wird das Thema der dauernden Veränderung wieder aufgenommen und konkret auf die Pläne und Macht „der Mächtigen“ bezogen: V. 5a  ist wieder ein ganz allgemein gehaltener, daher gültiger und auch wenig aussagender Satz: „Es wechseln die Zeiten.“ Gemeint ist damit, dass alle Verhältnisse mit der Zeit sich ändern. Darauf folgt die erste politische Aussage in der Art einer Prophezeiung, als Konsequenz aus allen bisherigen Aussagen über die Veränderungen: „Die riesigen Pläne / Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.“ (V. 5 f.) Das ist im Kontext des Stücks und bei Brecht sowieso die utopische Hoffnung auf einen Sieg der Ausgebeuteten im Klassenkampf; denn „das Große bleibt groß nicht …“ Die Aussage wird variiert und wiederholt, dabei auf den gültigen, wiederholten Hauptsatz (s. V. 5) zurückgeführt: „Es wechseln die Zeiten.“ (V. 8) V. 7 ist darauf als ein konzessiver Nebensatz bezogen: ‚Und auch wenn sie wie blutige Hähne einhergehen,’ ohne dass die beiden Sätze syntaktisch plausibel verbunden wären. Der letzte Hauptsatz spielt mit dem Nomen „Gewalt“ konkret auf den Klassenkampf oder die Diktatur der Nazis an; auch sie können nicht verhindern, dass der Tag anbricht. Dass die Großen „wie blutige Hähne“ (V. 7) einhergehen, liegt in der Logik des heraldischen Bildes: Der Hahn ist kampfbereit, wie die Mächtigen selber.

Die Logik des Liedes liegt darin, dass die „ewige Wahrheit“ von der stetigen Veränderung, welche bereits Heraklit thematisiert hatte („Alles fließt.“), breit ausgewalzt und dann mit dem gegenwärtigen Klassenkampf verbunden wird. In dieser Logik liegt es auch, dass am Ende die erste Strophe (und in der 2. Strophe der erste Satz) unverändert wiederholt wird: So macht man sich Mut im Kampf. Die politische Utopie hat das Erbe der religiösen Eschatologie übernommen, ohne dass diese dadurch wahrer würde.

Das Versmaß ist am ehesten als ein Daktylos mit Auftakt zu beschreiben, wobei das letzte Metrum jeweils unvollständig ist; man könnte aber auch einen Knittelvers erkennen; jedenfalls wird eigentlich rhythmisch und zügig gesprochen. Am Zeilenende hält der Sprecher jedoch inne, nur in V. 5 geht der Satz eindeutig über das Versende hinaus. Das Lied lebt weniger von seiner gedanklichen Tiefe als von der Plausibilität der Bildlogik ewiger Wahrheiten und der Begeisterung, mit der man es singt.

http://www.ddr-hoerspiele.net/2-lp/helene-weigel-liest-brecht.html (Paul Rilla über die Lyrik Brechts insgesamt)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=cwuVO_6ilDU

http://www.youtube.com/watch?v=YRcb3-6ck7I

= http://www.youtube.com/watch?v=rE-wNvvDQIo

http://www.youtube.com/watch?v=ShGAfA6TpfY

Rezeption

http://www.thg.goe.ni.schule.de/abi08.pdf (Abiturrede)

http://www.staytuned.at/sig/0022/32932.html (Ostermarsch)

Sonstiges

Moldau https://de.wikipedia.org/wiki/Moldau_(Fluss)

http://de.wikipedia.org/wiki/Veitsdom (Prag, Kaiser)

http://www.joachimschmid.ch/docs/DMtNovalisHymneTagNacht.pdf (Metaphorik Nacht / Tag bei Novalis)

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Hahn (Hahn)

https://de.wikipedia.org/wiki/Hahn_(Wappentier) (Hahn)

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