Brecht: Ich, der Überlebende – Analyse

Ich weiß natürlich: einzig durch Glück…

Text

http://elhijodenadie.blogspot.de/2012/11/ich-der-uberlebende.html

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http://serendip.brynmawr.edu/exchange/node/9902

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Das kleine Gedicht ist im Frühjahr 1942 entstanden, es steht in der Sammlung „Gedichte im Exil“. Brecht hat dafür seit 1943 Gedichte zusammengestellt, die endgültige Auswahl erfolgte 1944; Brecht wollte offenbar angesichts des nahenden Kriegsendes „einen lyrischen Überblick über die Gesamtzeit seines Exils geben, indem er typische Exilgedichte (weitgehend) chronologisch aneinander reiht und damit seine Exilstationen poetisch dokumentiert“ (Kommentar in der sechsbändigen Werkausgabe 1997, Bd. 3, S. 502). Brecht schickte die hektografierte Sammlung zu Weihnachten 1944 an seine Freunde. Im Journal notierte er dazu: „Im Grund sind die Gedichte in einer Art ‚basic german’ geschrieben. Das entspricht nicht einer Theorie […], aber beim Schreiben (und Korrigieren) widerstrebt mir jedes ungewöhnliche Wort. Gedichte wie Die Landschaft des Exils nehme ich nicht auf, das ist schon zu reich.“

„Ich, der Überlebende“ ist ein kurzes Gedicht, das aus nur vier Zeilen oder Versen besteht. Der Ich-Sprecher, sicher in der Nähe Brechts, ein Überlebender (was 1942 hieß: den Krieg oder die Verfolgung durch die Nazis überlebt zu haben), beginnt mit einem Geständnis oder Bekenntnis dessen, was er „natürlich“ weiß. Was er weiß, steht jedoch in einem Gegensatz („Aber“, V. 2) zu dem, was er geträumt hat. Das wird nun etwas komplizierter dadurch, dass es sich dabei um einen doppelten Gegensatz handelt: zunächst „wissen / träumen“, überlagert durch „wissen / im Traum hören“. Dem entspricht als zweiter Gegensatz der Inhalt des Gewussten bzw. Gesagten: „durch Glück überleben“ / „durch größere Stärke überleben“ (V. 1 / 3). Noch komplizierter wird das Verhältnis von Wissen und Traumspruch dadurch, dass ausgerechnet die Freunde, welche das Ich überlebt hat, sagen, dass die Stärkeren überleben.

„Und ich haßte mich.“ (V. 4) Diese Reaktion ist schwer zu verstehen: Warum sollte das Ich sich hassen? Der „Wortschatz Uni Leipzig“ nennt als Synonyme „anfeinden, grollen, verabscheuen, verachten, zanken, zürnen“, Eberhards Synonymisches Handwörterbuch (1910) definiert den Hass genauer als „Mißfallen, das am liebsten die Vernichtung des Gegenstandes sähe“  – und dazu hat das Ich keinen Grund. Es sollte sich schämen, weil es das dem Glück Geschuldete (V. 1) im Traum (und durch den Mund der inzwischen erledigten Freunde) seiner eigenen Stärke zuschreibt (gemäß dem survival of the fittest); es braucht sich nicht zu hassen, was heißt, die eigene Vernichtung zu wünschen.

Das Prekäre des Traums besteht darin, dass ausgerechnet die ermordeten Freunde die überlegene Stärke des lyrischen Ich anerkennen und so sein Überleben „entschuldigen“ oder rechtfertigen – was nicht richtig ist, weil das Ich „einzig durch Glück“ (V. 1) überlebt hat, wie es weiß. Im Traum sprechen dagegen die Freunde im Namen des unbewussten Ich-Teils; das Unbewusste sagt etwas anderes als das wissende bewusste Ich: Soll das Ich sich dafür hassen? Ist sich zu hassen nicht ein Zeichen von Unreife: vom Festhalten an einem falschen Ich-Ideal?

Schonungslos hat Elias Canetti in „Macht und Masse“ (1960) untersucht, was für einer „Der Überlebende“ ist: „Der Augenblick des Überlebens ist der Augenblick der Macht. Der Schrecken über den Anblick des Todes löst sich in Befriedigung auf, denn man ist nicht selbst der Tote. Dieser liegt, der Überlebende steht. Es ist so, als wäre ein Kampf vorausgegangen und als hätte man selbst den Toten gefällt. Im Überleben ist jeder des anderen Feind, an diesem elementaren Triumph gemessen, ist aller Schmerz gering.“ (Reihe Hanser 124, S. 249)

Ganz anders spricht Primo Levi über „Die Scham“ des Überlebenden (in: Die Untergegangenen und die Geretteten, 1990 = dtv 11730, 1993, S. 70 ff.); das ist allerdings die Scham dessen, der das KZ überlebt hat. Levi vermutet, die Scham rühre letztlich daher, „daß jeder der Kain seines Bruders ist, daß jeder von uns (und dieses Mal gebrauche ich das Wort ‚uns’  in einem sehr umfassenden, geradezu universalen Sinn) seinen Nächsten verdrängt hat und an seiner Statt lebt“ (S. 83).

Die Kürze von Brechts Gedicht ist für mich nicht wohltuend; sie vereinfacht das allzu stark, was diffizil zu bedenken und vielleicht auch biografisch zu entschlüsseln wäre.

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