Brecht: Kinderhymne – Analyse

Anmut sparet nicht noch Mühe …

Text

http://ingeb.org/Lieder/anmutspa.html

http://www.vbr.com/doku/kinderhymne.htm

http://www.joergalbrecht.de/es/deutschedichter.de/werk.asp?ID=300

http://erinnerungsort.de/kinderhymne–28festlied-der-kinder-29-_459.html

Hanns Eisler regte 1950 Brecht dazu an, mit ihm zusammen Kinderlieder zu machen; Anlass für Brechts „Kinderlieder“ (v.a. Mai/Juni 1950 entstanden) waren auch die Feiern zum 1. Mai 1950 und das Pfingsttreffen der FDJ. Die „Kinderlieder“ durften aber nicht in der von Brecht vorgesehenen Fassung veröffentlicht, sondern mussten überarbeitet werden.

Die „Kinderhymne“, veröffentlicht 1950 in „Sinn und Form“, ist kritisch auf Hoffmann von Fallerslebens „Das Lied der Deutschen“ bezogen, das seit 1922 Nationalhymne war; 1945 wurde von den Alliierten die Nationalhymne abgeschafft. Adenauer ließ am 6. Mai 1950 die 3. Strophe des Deutschlandliedes in Berlin als eine Art Hymne singen; sie wurde im Mai 1952 offiziell Hymne, 1991 im Briefwechsel Kohl/von Weizsäcker bestätigt. Adenauers Aktion vom Mai 1950 war für Brecht der Anlass, sich in seiner „Kinderhymne“ kritisch mit dem Deutschlandlied auseinanderzusetzen. Aber auch Bechers Hymne „Auferstanden aus Ruinen“, Ende 1949 entstanden und am 8. Februar 1950 offiziell zur Nationalhymne der DDR bestimmt, ist ein Text, von dem sich Brechts „Kinderhymne“ absetzt. Die 3. Strophe gehört nicht zum ersten Entwurf Brechts (s. Autograf!) – Detailliertere Untersuchungen finden sich vor allem in den ersten beiden Links (Müller und Ortmeyer).

Es spricht jemand, der wie ein kluger Lehrer weiß, wie ein gutes Deutschland (erst noch) entstehen kann. Er spricht die Deutschen in den Imperativen der 1. Strophe an, zählt sich selber aber auch zur „Wir“-Gemeinschaft (3. und 4. Str.).

In der 1. Strophe ruft der Sprecher die Deutschen dazu auf, dass sie sich bemühen sollen, „daß ein gutes Deutschland blühe“ (V. 3). „Anmut“ ist Brechts Ersatzwort für „Arbeit“ – zu arbeiten kann man jemand aufrufen, aber nicht dazu, anmutig zu sein; was Kinder sich unter „Anmut“ vorstellen, weiß ich nicht. „Anmut und anmutig bezieht sich gegenwärtig fast nur auf Gestalt und Form und bezeichnet namentlich auch die Schönheit in der Bewegung, z. B. eine anmutige Haltung, eine anmutige Stellung, Bewegung, Erscheinung, ein anmutiges Bild usw. Auf Gehöreindrücke übertragen sagt man auch: eine anmutige Musik, ein anmutiges Lied usw., gerade so wie man vom Gang der Melodie und Harmonie, vom Tonfall u. dgl. (alles von der sinnlichen Bewegung entlehnt) spricht. Anmut schließt alle Hast und Leidenschaft aus und weist auf plastische Ruhe in der Bewegung hin.“ (Eberhard: Synonymisches Wörterbuch, 1907, Art. 105) Mit dem Verb „blühen“ greift Brecht ein Wort des Deutschlandlieds auf. Der letzte Vers („Wie ein andres gutes Land“) stellt sich gegen die alte 1. Strophe: „Deutschland, Deutschland über alles…“ Dass „ein gutes Deutschland“ (V. 4) erblühen soll, lässt die Erwachsenen noch an die Blüte des bösen Deutschland bis 1945 denken und daran, dass auch diese böse Geschichte zu Deutschland gehört.

In der 2. Strophe wird als Ziel oder Folge beschrieben, was geschieht, wenn ein gutes Deutschland blüht. Die Völker sind vor dem Deutschen Dritten Reich erbleicht, das „wie eine Räuberin“ bis 1945  in Europa gewütet und Länder erobert hat. Ob man dazu an die Germania denken muss, wie Volker Schneider vom Gymnasium Hermeskeil meint, bezweifle ich. Am Ende der 2. Strophe wird die Gleichheit Deutschlands im Kreis der anderen Völker unterstellt, wieder in einem Vergleich („wie“, V. 8, wie V. 4). Damit widersetzt der Sprecher sich dem alten Größenwahn, unterstellt aber auch 1950 bereits eine Anerkennung Deutschlands im Kreis der Völker, die so sicher nicht gegeben war. Man kann V. 7 f. aber auch als Wunsch lesen: Sie mögen uns wieder als gleichberechtigt in ihren Kreis aufnehmen; diese Lesart wird der Konjunktion „daß“ [= auf dass] eher gerecht.

Die 3. Strophe ist eine kritische Abrechnung mit dem Deutschlandlied: Nicht „über alles“, aber auch „nicht unter andern Völkern wolln wir sein“ (V. 9 f.). Die Grenzen werden auf die Gegebenheiten 1950 korrigiert: Nicht von der Maas bis an die Memel, sondern von der Oder bis zum Rhein ist Deutschland, soll und will es sein.

Dass wir dieses Land verbessern, wird als Grund der Liebe angegeben (V. 13 f.) – eine seltsame Umkehrung des Verhältnisses, finde ich. Wovor wir es 1950 „beschirmen“ müssen, bleibt offen. In den beiden letzten Versen grenzt der Sprecher sich noch einmal gegen „Deutschland über alles“ ab: Es mag uns das liebste „scheinen“ (V. 15); dieser Anschein ist so berechtigt wie der gleiche Anschein bei anderen Völkern (V. 16, noch einmal „wie“), womit der Anschein als bloßer Schein erklärt wird.

Die Form  des Gedichts ist die eines Volksliedes (vierhebiger Trochäus, Kreuzreim in den beiden ersten Strophen, Wechsel von weiblichen und männlichen Kadenzen); es passt genau in die von Haydn komponierte Melodie des Deutschlandliedes. Hanns Eisler und andere haben Brechts Kinderhymne dann vertont (s.u.). Die Sprache des Gedichts ist kindlich, aber die Gedankenführung überfordert Kinder; es ist deutlich um politische Korrektheit bemüht – die Abgrenzung gegen das Deutschlandlied verstehen Kinder sicher nicht. Ich wiederum verstehe nicht, was für ein großes Gesumse um Brechts bemühtes Gedicht gemacht wird (s. die Links) – als neue deutsche Hymne scheint es mir nicht geeignet zu sein; da würde ich eher auf einen Text verzichten, als so viel politische Pädagogik auf die Dauer als Hymne zu ertragen.

http://muellers-lesezelt.de/aufsaetze/lieder_der_deutschen.pdf (zu Hoffmann von Fallersleben S. 2 ff., zu Bechers Hymne S. 9-11; zu Brecht S. 12-14)

http://www.labournet.de/diskussion/geschichte/auferstanden_ortmeyer.pdf (B. Ortmeyers Auseinandersetzung mit Bechers Hymne bis S. 6, Bechers Nationalismus S. 6 f.; Brechts Hymne S. 7 f.)

http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz00_10/text5.htm (Lobpreis des Gedichts, mit Autograf )

http://www.globkult.de/gesellschaft/projektionen/441-nationalsymbole-und-pathos-in-deutschland-bert-brechts-kinderhymne (F. Söhner, Anekdoten, mit Text) = http://www.iablis.de/iab2/content/view/587/97/

http://www.gymherm.de/web/08_fachbereiche/deutsch/deutsch.htm (V. Schneider, kritisch gegen Brecht!)

http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderhymne (sehr knapp)

http://bilder.buecher.de/zusatz/35/35227/35227950_lese_1.pdf (unvollständig!!)

http://www.hanskottke.de/wordpress/?p=1097 (Geschichte: Lied[er] der Deutschen, nur Texte)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?gl=DE&hl=de&v=0LI35DsFPgU

http://www.youtube.com/watch?v=c7ZtcuGuyTI

http://www.rezitator.de/gdt/288/

http://www.rezitator.de/gdt/42/

http://www.youtube.com/watch?v=A0SKw6zrgeM (gesungen)

http://www.youtube.com/watch?v=a7GkiBcPz1s (dito) = http://www.youtube.com/watch?v=TXEwMnWzAsc

http://www.youtube.com/watch?v=S4xDporl2pU (Gina Pietsch)

http://www.youtube.com/watch?v=cy-upD_OaxI (fünf Kinderlieder Brechts)

Rezeption

http://www.leitkultur-humanismus.de/hymne.htm

http://raul.de/wortsport/die-kinderhymne-von-bertold-brecht/

http://www.linksfraktion.de/pressemitteilungen/anstoss-walter-jens-brechts-kinderhymne/

http://www.kammannmachtspass.de/9.html

http://bryantmcgill.com/wiki/poetry/bertolt_brecht/kinderhymne_childrens_hymn

http://lied-aller-deutschen.de/viewtopic.php?p=307&sid=fa20c54312ebefec732f58be6ceaa54e

http://www.von-fallersleben.de/deutschlandlied-9.html

http://de.answers.yahoo.com/question/index?qid=20081023063957AAHOscK

http://www.bb6.org/thread.php?postid=1156158

http://www.nibis.de/nibis.phtml/FWU-05500940/wmv/Arbeitsmaterial/Einzeldateien/Texte_Tabelle/FWU-05500940/wmv/Arbeitsmaterial/Einzeldateien/Begleitheft/BWS-05553067/menue/nibis.phtml?menid=4190

http://www.radioeins.com/default.aspx?ID=12144&showNews=1253974

http://www.klartext-magazin.de/47A/deutschland2/?p=36

http://www.kurtschwaen.de/schwaen/noten/Kinderhymne.pdf (Noten)

Sonstiges

http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz98_02/text02.htm (Eisler/Brecht: Kinderlieder)

http://www.alexanderkroll.de/Website_10/akademisch_files/Bertolt%20Brecht.pdf (Kinderlieder Brechts)

http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Nationalhymne

http://de.wikipedia.org/wiki/Deutschlandlied

https://de.wikipedia.org/wiki/Auferstanden_aus_Ruinen

One thought on “Brecht: Kinderhymne – Analyse

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s