Brecht: Der Rauch – Analyse

Das kleine Haus unter Bäumen am See….

Text

http://www.worte-projekt.de/brecht.html

http://home.foni.net/~g-erx/htdocs/bb1.html

https://www.mtholyoke.edu/courses/ahildebr/spring2007/deutsch222/BrechtBuckowerElegien.pdf   (Die Buckower Elegien)

http://homepage.univie.ac.at/m.neubauer/Gedichtzyklen/11-Brecht,%20Buckower%20Elegien.pdf  (mit Material)

Analyse im Rahmen der „Buckower Elegien“ 1953
Gemäß der methodischen Einsicht, dass etwas nur in einem Rahmen verstanden werden kann, sollte man die Buckower Elegien als Kontext des Gedichtes „Der Rauch“ heranziehen. Ich stütze mich vor allem auf die Ausführungen Jan Knopfs in seinem Brecht-Handbuch 1984 (Lyrik, Prosa, Schriften; S. 191 ff.) und auf das letzte Kapitel von Franz N. Mennemeiers Buch „Bertolt Brechts Lyrik“, 1982, S. 201 ff.
Mennemeier weist darauf hin, welche Bedeutung Elegien nicht nur im Spätwerk Brechts besitzen; auch „An die Nachgeborenen“ sei eine Elegie. Bereits in der Antike ist Elegie ein doppeldeutiger Begriff: ein Gedicht beliebigen Inhalts in der Form des Distichons (Hexameter und Pentameter), nach dem Inhalt ein Klagegedicht im Ton wehmütiger Resignation (Schülerduden Literatur). Das Distichon ist auch die Form des Epigramms, womit ursprünglich eine Inschrift auf Denkmälern bezeichnet wurde, welche die Bedeutung des Gebäudes erläuterte; allgemeiner bezeichnet „Epigramm“ die Gattung in Form des Distichons, in welchem einem Sachverhalt eine geistreiche oder überraschende Sinndeutung gegeben wird. Inwiefern die Buckower Elegien elegisch sind, wird zu prüfen sein; epigrammatisch knapp sind sie jedenfalls.
1952 hatte Brecht in Buckow ein Anwesen an einem See gekauft und neben dem Gästehaus ein kleines Haus als Arbeitsraum ausbauen lassen (Bild des Hauses: http://www.literaturlandschaften.de/pages/orte/buckow.htmhttp://www.brechtweigelhaus.de/content/elegien.htmhttp://www.brandenburg-reise.com/kurztrips/ein-literarischer-ausflug-nach-buckow/).

Die Buckower Elegien hängen mit der Lage Brechts und der DDR nach dem Aufstand am 17. Juni 1953 zusammen; Brecht sah die Lage so, dass die Unruhen als Aufstand unzufriedener Arbeiter angefangen hatten, jedoch faschistisch unterwandert bzw. vom Westen ausgenutzt wurden, wobei auch die alten Nazis aus der DDR sich wieder erhoben hätten. Er billigte also den Einsatz der sowjetischen Panzer, sah jedoch auch die Entfernung der Regierung von der eigenen Arbeiterbevölkerung. Die Klage Brechts in den in Buckow entstandenen Elegien gelte also einmal der Tatsache, dass die Vergangenheit in der Gegenwart noch weiterwirkt, dass der Fortschritt nicht radikal erfolgt ist; subjektiv beklage der Dichter seine Distanz von der Aufbauarbeit am Sozialismus. Seine Arbeit sei nicht produktiv, sondern bloß reflexiv, meint Jan Knopf (a.a.O., S. 202). Die Bukower Elegien stellten also eine Bestandsaufnahme dar – den wahrgenommenen Zustand wollte der Dichter so schnell wie möglich vergangen wissen.
Zum gleichen Ergebnis kommt Franz Mennemeier aus der Untersuchung des Aufbaus der Gedichte. Er stellt eine dreiteilige „rational-durchhellte Aussagestruktur der Gedichte, die dem Syllogismus verwandt ist“ (S. 208), fest; es gehe also nicht um Resignation und Weltschmerz, sondern um Konzentration des Denkens. Beide Aussagen, die zur Elegie und die zum Aufbau, werden zu prüfen sein, und zwar an der Gesamtheit der Elegien (wobei man aus praktischen Gründen sich auf einige beschränken wird).
Man beginnt am besten mit dem Motto (dazu Jan Knopf, a.a.O., S. 203), welches von Brecht selbst an seine Stelle gerückt worden ist:
Ginge da ein Wind
Könnte ich ein Segel stellen.
Wäre da kein Segel
Machte ich eines aus Stecken und Plane.
Der Ich-Sprecher macht zwei Aussagen im Modus der Irrealität (Konjunktiv II), was er tun könnte und würde (V. 2 und 4); beide bindet er an eine Bedingung, ebenfalls im Konjunktiv II. Die beiden Sätze sind also streng parallel aufgebaut, wozu auch die Zweitstellung des unbestimmt verweisenden „da“ in V. 1 und 3 beiträgt.
Unbestimmt ist auch, zu wem das Ich spricht, ob es also zu einem oder mehreren anderen oder für sich selbst spricht. Aus V. 1 f. kann man die Situation erschließen, dass (unausgesprochen) der Wunsch besteht, mit einem Boot voranzukommen; dieser Wunsch bleibt unerfüllt, während das Ich erklärt, wieso der Wunsch unerfüllt bleibt. In dieser Nichterfüllung sind eine Nichtaktion des Ichs und die Nichtgegebenheit der elementaren Bedingung des Vorankommens miteinander verbunden: Es geht kein Wind, also stellt das Ich kein Segel auf; denn das zu tun wäre bei Windstille sinnlos.
Im zweiten Satz wird deutlich, dass die Windstille der entscheidende Grund des Stillstands ist; denn das Ich bekräftigt seine Bereitschaft, bei frischem Wind selber für Bewegung zu sorgen, indem es ankündigt, dass es notfalls ein Behelfssegel basteln würde (V. 4) – wenn denn da ein Wind ginge; der zweite Satz steht also logisch „unter“ dem ersten bzw. unter der in V. 1 genannten Irrealität der Bedingung – als Konjunktion könnte „und“ die beiden Hauptsatzprädikate „könnte“ und „machte“ verbinden (bzw. der konditionale Anschluss könnte heißen: „und wenn dann…“).
Wer das Ich ist, wird nicht gesagt; das Motto ist eine Klage darüber, dass kein (frischer) Wind weht, dass man also nicht vorankommt, und eine Entschuldigung für die scheinbare Untätigkeit des Ichs: Es kann nichts Adäquates tun, damit es vorangeht.
In dieser geläufigen metaphorischen Verwendung von „vorangehen“ ist der Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung gegeben. Da die Gedichte „Buckower Elegien“ heißen, wird man im Ich den Mann aus Buckow, also Brecht selbst, sehen dürfen. Ob man mit Jan Knopf im Anschluss an Horaz „Segel setzen“ als Metapher fürs Dichten lesen darf? Jedenfalls scheint mir Knopfs Auswertung (S. 203), Brecht rechtfertige seine (Buckower) Lyrik im traditionell betrachtenden Stil durch das Motto, fragwürdig zu sein; das Ich im Motto tut überhaupt nichts; es setzt auch keine Hilfssegel, sondern rechtfertigt nur seine Untätigkeit bzw. Hilfslosigkeit angesichts der objektiv gegebenen Umstände. – Das wäre als Klage nach den am 17. Juni deutlich gewordenen Problemen verständlich und braucht nicht zusätzlich auf die Art des Dichtens bezogen zu werden.
Den elegischen Charakter der Buckower Elegien beleuchtet am deutlichsten das Gedicht „Böser Morgen“ (F. Mennemeier); es enthält ebenfalls (anders als zum Beispiel „Der Rauch“ oder „Rudern, Gespräche“) explizit eine Ich-Position. [Das ist die gekürzte Fassung dessen, was ich vor einigen Jahren selbst geschrieben habe: https://norberto42.wordpress.com/2012/01/30/brecht-der-radwechsel-analyse/ ] 

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Das Gedicht „Der Rauch“ ist im Sommer 1953 entstanden und in „Sinn und Form“ 1953 veröffentlicht worden. Ein unbekannter Sprecher betrachtet ein Haus; im Konditionalsatz (V. 3: Was wäre, wenn…) und in seiner Wertung (V. 4 f.) meldet er sich als Subjekt zu Wort. – Das Gedicht bezieht sich ursprünglich auf ein Haus an einem kleinen See in der Nähe des Schermützelsees, welches Brecht für Käthe Reichel besorgt hatte.

Ich übernehme die stichwortartige Analyse von Würzburger Studentinnen (Stefanie Zeller, Sarah Jann, Franziska Gabel):

Der Rauch

– Haus in Buckow ( für Käthe Reichel )

– Umgebung erzeugt ein idyllisches Bild

– Umbruch: Wenn-dann-Beziehung

– Konjunktiv gibt Denkanstoß

Symbol: Rauch

– in der Antike : Vergänglichkeit

– bei Nietzsche : Nihilismus

– „junger“ Brecht : Trostlosigkeit und Sinnlosigkeit

– „alter“ Brecht : Beweglichkeit und Leben

Eine methodische Frage zu dieser Interpretation: Ist es wichtig, die ganze Geschichte der Rauch-Symbolik zu referieren? Ist der Rauch nicht einfach Zeichen dafür, dass das Haus bewohnt ist (simpel gesagt: dass Käthe Reichel da ist, eventuell für ihn kocht)? So ähnlich liest Hans-Otto Dill das Gedicht – ich korrigiere sein Versehen in der Verszählung:

„Hier unterliegt dem Text eine autobiographische Situation: Brecht sieht bei der Ankunft in Buckow aus dem Haus Rauch aufsteigen, ein Zeichen dafür, dass Helene Weigel oder Käthe Reichel für ihn ein Festmahl bereitet. Diesen Sachverhalt evoziert er aber nicht, sondern verfremdet ihn zu einer Verallgemeinerung ins Philosophische, der Rauch als Symbol von Liebe, der Fürsorge für Andere, und für menschliche Anwesenheit überhaupt. Dieser zweite, symbolische Sinn führt über den wörtlichen Sinn, eine Landschaftsidylle zu malen, hinaus. Dies Gedicht verliert durch diese Verallgemeinerungspotenzen die Eindeutigkeit und Eindimensionalität, also die Einfachheit, und gewinnt Mehr- oder Vieldeutigkeit. Von der syntaktischen Einfachheit der Parataxe der ersten zwei Zeilen geht es in den letzen drei zur Hypotaxe über, die per negationem  eine verallgemeinernde Symbolik realisiert.“

http://www.litde.com/gedichte-aus-unserer-zeit-interpretationen/der-rauch-bertolt-brecht.php (gut, mit fragwürdiger Interpretation von V. 2)

http://leibnizsozietaet.de/wp-content/uploads/2012/11/08_dill.pdf (Dill: Beispiel für „realistische Kunst“, die 2. Stufe in seiner Typologie „einfache vs. komplexe Literatur“, S. 109 f. – s.o.!)

http://w3.ufsm.br/grpesqla/revista/num13/art_06.php (Deutung v.a. zur Illustration einer sozialistischen Rezeptionstheorie von Literatur)

http://rote-predigt.over-blog.com/article-36756478.html (kurz und knapp)

Buckower Elegien

https://de.wikipedia.org/wiki/Buckower_Elegien

http://brecht.german.or.kr/jungbo.net/Hwizard/contents/jahrbuecher/1/08buckow.doc (Interpretation verschiedener Gedichte der Buckower Elegien, ohne „Der Rauch“)

http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz96_09/text05.htm (Jan Knopf über die B.E.)

Käthe Reichel

www.anjaroehl.de/gedenken-an-kathe-reichel/

http://www.hmklemt.de/0000009b6f0c93306/0000009b7214b7015/0000009c3e14e1237/

https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%A4the_Reichel

http://www.welt.de/kultur/buehne-konzert/article110055387/Kaethe-Reichel-liebte-Brecht-und-mochte-Milosevic.html

http://www.defa.de/cms/DesktopDefault.aspx?TabID=1607

http://www.joachim-dietze.de/pdf/brecht_ab.pdf (Brecht und seine Frauen)

Sonstiges

http://www.uni-bielefeld.de/lili/personen/bogdal/veranstaltungen/3.%20VORLESUNG.ppt (Literatur in der DDR)

http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/DDR-Literatur

 

3 thoughts on “Brecht: Der Rauch – Analyse

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