Brecht: Böser Morgen – Analyse

Die Silberpappel, eine ortsbekannte Schönheit…

Text

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht40_53.html

https://www.mtholyoke.edu/courses/ahildebr/spring2007/deutsch222/BrechtBuckowerElegien.pdf (Buckower Elegien)

Die Buckower Elegien sind im Sommer 1953 auf Brechts Landsitz Buckow entstanden; einige wurden unter dem Titel „Gedichte“ bereits 1953 in „Sinn und Form“ veröffentlicht. Der erste Druck der Elegien erfolgte 1954 in „Versuche“; in der zweiten Jahreshälfte 1954 überarbeitete Brecht die Elegien geringfügig und fügte das Motto hinzu. Brecht setzt sich in den „Elegien“ mit den Ereignissen des 17. Juni 1953, aber auch mit seiner privilegierten Stellung als weltbekannter Dichter auseinander. Bei der Analyse des Gedichtes „Der Rauch“ ist bereits Wichtiges zu den Elegien gesagt worden.

Es spricht ein lyrisches Ich, das zunächst hinter der Beschreibung der Natur zurückritt: Silberpappel, See, Fuchsien. Diese Naturgegebenheiten erscheinen dem Ich „heut“ (V. 2) anders als sonst: als alt, verkommen, „billig und eitel“ (V. 4). Darauf fragt das Ich sich: „Warum?“ Man könnte meinen, die genannten Gegebenheiten hätten sich verändert. Aber dafür gibt es keinen Anhaltspunkt, im Gegenteil: Die Silberpappel wird als „eine ortsbekannte Schönheit“ (V. 1) vorgestellt; nur eben „heut“ (V. 2) erscheint sie als (oder wie) eine alte Vettel: So erscheint sie dem Ich – andernfalls wäre auch die Frage „Warum?“ (V. 5) sinnlos, sie wäre eben einfach gealtert, was normal ist und keiner Erklärung bedarf. Die Frage „Warum?“ heißt also: Warum erscheint mir „heut“ alles Schöne so verkommen, so plötzlich verfallen?

Es folgt als Erklärung der Bericht von einem nächtlichen Traum: Finger haben auf ihn „wie auf einen Aussätzigen“ (V. 7), also anklagend gezeigt. Entscheidend ist nun, was für Finger das waren: „Sie waren zerarbeitet und / Sie waren gebrochen.“ (V. 7 f.) Das erste Prädikativ „zerarbeitet“ weist sie als Finger von Arbeitern aus, das zweite „gebrochen“ als Finger von Leuten, die unterdrückt oder zusammengeschlagen sind. (Biografisch-zeitgeschichtlich eingeordnet: Es sind also die Finger derer, die am 17. Juni den Aufstand gemacht haben.) Wessen sie das Ich anklagen, wird nicht gesagt. Es muss eine Anklage der Art sein, dass das Ich nicht bei ihnen war oder ist; denn von seinen Fingern wird nichts gesagt, sie sind weder zerarbeitet noch gebrochen. (Biografisch gelesen: Brecht erfreut sich einer Sonderstellung in der DDR.) In der zweiten Strophe berichtet das Ich, wie es im Traum auf diese Anklage reagiert hat: „Unwissende! schrie ich“ (V. 9) Das Ich weist also die Vorwürfe als unbegründet zurück. Nach dem Zeilenschnitt folgt das Adverbial „Schuldbewußt“ (V. 10). Es weiß also doch, dass seine Verteidigung nicht berechtigt ist, wohl aber die von ihm zurückgewiesenen Vorwürfe.

Um dieses Gedicht zu verstehen, muss man Brechts Reaktion auf die Ereignisse des 17. Juni 1953 kennen: Einerseits hat er sich auf die Seite der Regierung gestellt und begrüßt, dass viele sozialistische Errungenschaften auch mit Gewalt, durch das Eingreifen sowjetischer Panzer verteidigt wurden, weil westdeutsche Jugendliche und alte Faschisten beim Aufstand dabei waren; anderseits hat er gesehen, dass gerade Arbeiter, „die Klasse (…) in ihrem depraviertesten Zustand, aber die Klasse“ den Aufstand gemacht haben. Er selber hat Ulbricht am 17. Juni auf eine „große Aussprache mit den Massen“ gedrängt, zugleich aber die von der Regierung ergriffenen Maßnahmen gebilligt.

Das Gedicht „Böser Morgen“, einige Wochen später entstanden, zeigt Brechts Zerrissenheit gegenüber den unausgesprochenen Vorwürfen der Arbeiter: Er verteidigt sich zunächst und ist doch schuldbewusst, wie der nächtliche Traum zeigt. Es hat sich schon am Tag gezeigt, da ihm die Landschaft so verfallen vorkam. Im Landschaftserleben genießt das Ich also nicht sich selber oder seine Einheit mit der Natur, sondern erlebt und erleidet seine Entfremdung von den arbeitenden Massen: „Schuldbewußt.“ (V. 10) Durch einen Traum wird die politische Realität mit dem Erleben der Landschaft vermittelt; im Traum kommt das unverstellte Wissen zur Sprache, während das Erleben am hellen Tag nur die Symptome des schlechten Gewissens zeigt.

Die Form des Gedichts: Alltagssprache, reimlose Lyrik in zwei ungleich langen Strophen; die zweite Strophe bietet durch Aufdeckung des inneren Widerspruchs die zuvor gesuchte Erklärung für den Verfall der Natur. Der Zeilenschnitt macht es möglich, frühere und heutige Erscheinung vom Pappel und See zu trennen. Die entscheidende Frage „Warum“ bekommt eine Zeile für sich. In V. 6 und V. 7 werden entscheidende Angaben erst in der nächsten Zeile gemacht. Auch das entlarvende Adverbial „schuldbewußt“ wird von der Verteidigungsrede (V. 9/10) getrennt. Hier ist also mehrfach zu sehen, was ein guter Zeilenschnitt leistet.

http://www.welt.de/print-welt/article575010/Unter-Baeumen-ein-altes-Haus.html

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/384/

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