Brecht: Ach, wie sollen wir die kleine Rose buchen? – Analyse

Ach, wie sollen wir die kleine Rose buchen?…

Text

http://de.scribd.com/doc/17094430/Bertolt-Brecht-Liebesgedichte-01-Ach-Wie-Sollen-Wir-Die-Kleine-Rose-Buchen

http://www.zephyda.de/node/369

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht27_39.html

„Am 11. Januar 1949 erlebt Isot Kilian, die selbst in einer Matinee mit Liedern und Gedichten von Brecht auftritt, im Deutschen Theater Berlin die Premiere von ‚Mutter Courage und ihre Kinder’. Sie trifft die Weigel: ‚Wir wissen von Ihrem Brecht-Programm, kommen Sie morgen zu uns. Das wird den Brecht interessieren.’ Isot Kilian wird am neu gegründeten Berliner Ensemble engagiert. Brechts Vertrauen gewinnt die junge Schauspielerin und Regie-Assistentin, die mit dem Philosophen Wolfgang Harich verheiratet ist, während der Ereignisse des 17. Juni 1953. Sie stellt eine Verbindung zum ZK her, überbringt persönlich des Dichters Vorschläge und Briefe zur Situation. Später begleitet sie ihn auf zwei triumphalen Gastspielen nach Paris. Da ist aus dem Arbeitsverhältnis längst Liebe geworden. Eine dramatische Verbindung in mancherlei Hinsicht, was der Nachlass belegt.“ (http://www.maerkischeallgemeine.de/mazarchiv/detail.php?article_id=2403355) Im Sommer 1954 kamen sie und Brecht sich persönlich näher. Brecht schenkte ihr seine „Kalendergeschichten“ und schrieb die Verse von der kleinen Rose, die er ihr am nächsten Tag zeigte; einige Tage später war das Gedicht verschwunden – offenbar hatte Ruth Berlau, die eifersüchtig über Brecht wachte, es zur Seite geschafft. Irgendwann bekam Isot Kilian dann das Original.

Der Ich-Sprecher meldet sich nicht als Ich zu Wort, sondern spricht nur in der Form „wir“ (1. Str.). In der zweiten Strophe taucht kein Personalpronomen auf; der letzte Vers stellt als rhetorische Frage einen Kommentar dar. In der Überschrift und in V. 1 fällt das Verb „buchen“ auf: die kleine Rose buchen. Im Wörterbuch wird zum transitiven Verb „buchen“ angegeben:

1 Flug, Hotelzimmer o. Ä. reservieren

eine Reise online buchen

2 in das Geschäftsbuch eintragen

Geld auf ein Konto buchen (http://de.thefreedictionary.com/buchen )

Davon käme die 2. Bedeutung in Betracht. In http://www.woerterbuch.info/?query=buchen&s=thesaurus&l=en werden u.a. „eintragen, erfassen“ als Synonyme angegeben; damit kommt man hier etwas weiter; im Wahrig-Wörterbuch wird als allgemeine (also nicht kaufmännische) Bedeutung „vermerken“ angeführt. „Die kleine Rose buchen“ („buchen“ ist als Reimwort zu „besuchen“ gewählt) heißt dann: die kleine Rose bzw. ihr Auftauchen erfassen, einsortieren. In V. 2 und vor allem in V. 3 ff. wird erklärt, wieso dieses Buchen schwierig ist.

Als Überschrift dient der 1. Vers. Er beginnt mit dem Seufzer „Ach“, das ist „eine Interjection, welche der natürliche Ausdruck nicht nur aller Leidenschaften, mit allen ihren Schattirungen, sondern auch aller Gemüthsbewegungen und lebhaften Vorstellungen überhaupt ist“ (Adelung, Bedeutung 12). Es stehe normalerweise zu Beginn „des Satzes, der die Empfindung entwickelt“. Gemäß dieser Logik bewegt es „uns“, dass die kleine Rose auftaucht, gefunden wird. Sie taucht nämlich „plötzlich“ auf (V. 2 – das Adverb ist grammatisch nicht eingebunden), sie ist „dunkelrot und jung und nah“ (V. 2). Das rote junge Röslein, das ist Goethes „Heidenröslein“, das Gegenüber des Knaben. Hier ist die dunkelrote Rose etwas, das „wir“ plötzlich finden: steht damit für die junge Liebe, wenn „wir“ wörtlich als wir beide gemeint ist. [Man könnte „wir“ auch als pluralische Umschreibung für „ich“ lesen, dann wäre die kleine Rose die geliebte Frau, hier Isot Kilian; aber ich ziehe es vor, „wir“ wörtlich zu verstehen – sonst wäre wirklich zu viel Goethe hier, zumal das gehauchte „Ach“ mich schon an Gretchen erinnert: „Und ach, sein Kuß!“]

V. 3 beginnt erneut mit dem gemütvollen „Ach“; dann wird in zwei Versen das Adverb „plötzlich“ (V. 2) näher ausgeführt: „wir kamen nicht, sie zu besuchen…“; das erinnert mich an Goethes „Gefunden“: „Ich ging im Walde so für mich hin…“

Die erste Strophe ist ein Liebesgedicht voller Reminiszenzen an Goethe. Die Verse bestehen aus fünf Trochäen (mit der Abweichung im 1. Vers: sechs), Kreuzreimen und abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen: eine Art Volksliedstrophe. Das Verb „besuchen“ steht für „suchen“ ([nicht] suchen / finden), steht nur des Metrums wegen in der ungewöhnlichen Form „besuchen“. Das Schema der Form bleibt in der 2. Strophe erhalten.

Dort wird die Reflexion des „plötzlich“, des plötzlichen Auftauchens der Liebe-Rose fortgeführt. Die beiden Verse 5 und 6 greifen V. 3 f. auf und variieren sie, diesmal auf die Verben „[nicht] erwarten / (die Existenz) glauben“ gestützt: So plötzlich kam die Liebe. In V. 7 wird das ganze Liebesgeschehen bedacht und in seiner Paradoxie, seiner Neuheit, seiner Anfänglichkeit erneut mit „Ach“ bestaunt: „Ach, zum Ziele kam, was nie gestartet [wurde].“ (V. 7) Gegenüber dem Schema rationalen Handelns: mit ausgewählten Mitteln sein Ziel verwirklichen wollen, ist die Liebe das Irrational-Neue in der Welt, was sich nicht dem planenden Handeln verdankt, sagt der Sprecher in der Tradition europäischer Liebeslyrik.

Es folgt ein höchst allgemeiner abschließender Kommentar zu Vers 7: „Aber war es so nicht überhaupt?“ Die Frage ist, was mit „es“ gemeint sein kann: „Es“ kann das ganze Leben sein, das als Geschick erfahren wurde; „es“ kann auch die Gesamtheit der Liebesgeschichten sein, die alle als kleine oder größere Rosen gefunden wurden. Der Sprecher blickt jetzt nicht nur auf die Geschichte des letzten Rosenfundes zurück (so ab V. 3, dort noch in zeitlicher Nähe zum Fund, wie die unsichere Frage in V. 1 zeigt), sondern auf etwas, was „überhaupt“ nach dem Schema des Rosenfundes verläuft. So schwingt im letzten Vers auch Dankbarkeit mit, dankbares Erstaunen, dass wir finden können, ohne gesucht zu haben. Dieses Ereignis- oder Lebens-Schema ist bereits im Alten Testament bekannt: Saul zog aus, verlorene Eselinnen zu suchen, und wurde dabei zum König Israels gekrönt (1 Sam 9 ff.); bald darauf begann allerdings sein Krieg gegen die Philister (1 Sam 13) – von solchen nachfolgenden Verwicklungen schweigt Brechts Gedicht, es kreist nur um das Thema des überraschenden Fundes: die kleine dunkelrote Rose.

Maria Isot Kilian

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/feature/-/id=5814756/property=download/nid=659934/tk8hqq/swr2-feature-am-sonntag-20100207.pdf (über Isot Kilian, Brechts letzte Liebe)

http://www.berlin.friedparks.de/such/gedenkstaette.php?gdst_id=3306

http://www.welt.de/print-welt/article235235/Brechts-Liebesleben-Erbarmen-mit-den-Frauen.html

http://www.tagesspiegel.de/zeitung/erich-mielke-und-des-dichters-herzschlag/740210.html

http://www.joachim-dietze.de/pdf/brecht_ab.pdf (Brecht und seine Frauen)

Rose

http://members.aon.at/dorfverein-gerolding/rose_sym.htm

http://www.rosenleben.de/die_rose_als_symbol.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Rosen#Mythologie.2C_Religion_und_Symbolik

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