Brecht: Dauerten wir unendlich – Analyse, Rezeption

Dauerten wir unendlich…

Text

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht14_26.html

http://hasipunkt.beepworld.de/gedichte.htm

http://prager-geschichten.blogspot.de/2010/12/dauerten-wir-unendlich-dauerten-wir_23.html

Das kurze, um 1955 entstandene Gedicht ist eher ein Aphorismus als „ ein Gedicht“. Es lebt von einem Gedankenexperiment, aus dem Gegensatz zwischen V. 1 f. und V. 3 f.: Dauerten wir unendlich (Konjunktiv II) / aber wir sind endlich (Indikativ Präsens). Im Konjunktiv II wird eine irreale Möglichkeit mit ihren Folgen bedacht; Folge einer unendlichen Dauer wäre in der Tat die totale Veränderung aller Dinge und Verhältnisse (V. 2) bzw. die Möglichkeit dazu. Man kann auch sagen: Es wird bedacht, unter welcher irreal-utopischen Bedingung (V. 1) der große Wunsch, alles zu verändern, nämlich zu verbessern (V. 2), verwirklicht werden könnte – dieser Wunsch (oder die Enttäuschung dieses Wunsches) ist nämlich die Triebfeder des Gedankengangs. Dagegen stellt Brechts Sprecher die Bedingung, unter der wir in Wirklichkeit stehen: Wir sind endlich (V. 3); Folge davon ist, dass „vieles beim alten“ bleibt (V. 4). Wir können nicht alles verändern, revolutionär verändern, sagt der Sprecher – notgedrungen bleibt „vieles beim alten“. Der Sprecher gehört zur Gruppe „wir“ (V. 1), der vielleicht alle Menschen angehören, vielleicht auch nur eine Gruppe davon: Es handelt sich um eine kleine philosophische Reflexion. Aus dem Vierzeiler spricht die Resignation eines alten oder älteren Menschen, der sich damit abfinden muss und wohl auch abgefunden hat, dass er und die Seinen nicht alles verbessern können: Wir sind endlich, sagt er, und das meint nicht nur die Lebensdauer, sondern auch die Grenzen oder die Begrenztheit unserer Möglichkeiten.

Die beiden Zweizeiler, jeweils eine Bedingung und ihre Folge, sind in ihrem Gegensatz streng parallel gebaut: V. 1/3 wird von unserer, d.h. der Menschen Dauer gesprochen: Sie ist die Bedingung für das, was an Veränderung („sich wandeln“, V. 2) möglich ist – wobei ich diesen Wandel von V. 4 aus so verstehe, dass wir ihn bewirken (können oder eben nicht können).

Ich stelle am Beispiel dieses Gedichtes kurz dar: Wie Brecht unter die Schüler fiel (Rezeption)

1. Eines dieser armen Geschöpfe musste sich über „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ äußern und schrieb dazu unter anderem:

„Im Großen und Ganzen kann ich das Stück auch weiterempfehlen, da ich es, wie schon erwähnt, für ein sehr bedeutendes Stück halte.

Dauerten wir unendlich

So wandelte sich alles

Da wir aber endlich sind

Bleibt alles wie beim alten.

Bert Brecht, um 1955



Dieser Ausspruch macht deutlich, dass Brecht im Jahr vor seinem Tod nicht mehr so sicher ist, dass die Menschen in der Lage sind eine bessere Welt zu schaffen. Diese machbare bessere Welt war aber in den meisten seiner Texte die Zielvorstellung gewesen, die die Menschen zum Handeln bewegen sollte, z.B. auch in diesem Stück und im Text \“An die Nachgeborenen\“.“

(http://www.artikel32.com/deutsch/1/wie-steht-bert-brecht-in-diesem-stck-im-gegensatz-zu-an-die-nachgeborenen–zur-gte.php)

Dieses Menschenkind muss noch lernen, ruhig und genau zu lesen (V. 4 ebenso wie das Gedicht „An die Nachgeborenen“!), um dann begründet  darüber zu urteilen, was Brecht ein Jahr vor seinem Tod gedacht hat (abgesehen davon, dass der Sprecher nicht eo ipso gleich Brecht ist).

2. Ein Leidensgenosse hat u.a. „Brechts Gedichte“ referiert und dabei Folgendes dargestellt:

„DAUERTEN

WIR

UNENDLICH

So wandelte

sich alles

Da wir aber

endlich sind

Bleibt vieles

beim alten.

(um 1955)

Dieses Gedicht ist kurz und gut. Ich sehe in diesem Gedicht die Einstellung vieler Menschen, die genau nach dem Prinzip leben. Da die Lebensdauer der Menschen relativ kurz ist, scheuen sie sich Dinge zu verändern und zu viel Mühe auf sich zu nehmen, um etwas Neues, vielleicht Besseres auszuprobieren.“ (http://www.fundus.org/pdf.asp?ID=11343)

Dieser junge Mensch muss noch lernen, dass man die Gestalt eines Gedichtes nicht verändern darf und dass man eine Äußerung (hier V. 3 f.) in ihrem Kontext verstehen muss, d.h. hier aus ihrem Gegensatz zu V. 1 f. und dem Spannungsverhältnis zum früheren Werk Brechts (z.B. dem Lied vom Wasserrad), statt zum Text frei nach dem gusto des gesunden Menschenverstandes zu assoziieren (was radikale Konstruktivisten ohnehin für die einzige Möglichkeit halten, ich aber nicht!).

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