Brecht: Vergnügungen – Analyse, Rezeption

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen…

Text

http://www.sonoma.edu/users/g/grobbel/Vergnuegungen.htm

http://www.istitutomazzini.napoli.it/poesieraccontisaggi/testi_ted/Vergnuegungen/Vergnuegungen.htm

http://www.mitvergnuegen.com/2010/bertolt-brecht-1954/

http://home.datacomm.ch/rainerischi/gedichte1.html#Bertolt%20Brecht: u.ö.

Was an diesem um 1954 entstandenen, für Käthe Reichel geschriebenen Gedicht auffällt, ist, dass es dazu kaum „Analysen“ gibt, dass das Gedicht aber unglaublich breit rezipiert worden ist, vor allem als Vorlage für produktives Schreiben über eigene Vergnügungen.

Was an diesem um 1954 entstandenen, für Käthe Reichel geschriebenen Gedicht auffällt, ist, dass es dazu kaum Analysen gibt, dass das Gedicht aber unglaublich breit rezipiert worden ist, vor allem als Vorlage für produktives Schreiben über eigene Vergnügungen.

Es fällt schwer, das Gedicht als Gedicht zu bezeichnen – eigentlich stellt es nur eine Liste oder einen Katalog von „Vergnügungen“ Bertolt Brechts dar. Drei Fragen möchte ich dazu stellen: Was sind Vergnügungen? Wozu legt man eine Liste seiner Vergnügungen an? Wann oder wieso ist eine solche Liste ein Gedicht?

Laut DWDS bedeutet „Vergnügung“, meist im Plural:

„1. Freude, Spaß, amüsanter Zeitvertreib;

  1. unterhaltsame Veranstaltung.“

Beim Gedicht kommt nur die erste Bedeutung in Frage; sie wird in Dudens Universalwörterbuch (7. Auflage, 2011) als „Vergnügen, angenehmer Zeitvertreib“ umschrieben; „Vergnügen“ seinerseits wird umschrieben als „inneres Wohlbehagen, das jemandem ein Tun, eine Beschäftigung, ein Anblick verschafft; Freude“. Pauls Deutsches Wörterbuch (10. Auflage, 2002) weist als Bedeutung „Erheiterung, Belustigung, meist im Plural, im Singular gegen Vergnügen zurückgewichen“ aus; der substantivierte Infinitiv „Vergnügen“ bedeutete ursprünglich „Genughaben“ – der Rückgriff auf „vergnügen“ und „vergnügt“ führt dann nicht weiter. Die Duden-Bedeutung von „Vergnügen“ scheint mir die hilfreichste Erklärung zu sein.

Warum legt jemand ein Liste zur Frage an, was ihm Vergnügen bereitet? Er könnte diese Liste dazu benutzen, sich darüber klar zu werden, was für ein Mensch er ist. Er könnte sie auch anfertigen, weil er merkt, wie ihm die Lebenszeit verrinnt und er seine Zeit für das verwenden möchten, was ihm Vergnügen bereitet – ein Hilfsmittel gegen vielfache Fremdbestimmung, gegen gedankenloses Werkeln oder modisches Zeitverplempern. Wer philosophisch veranlagt ist, könnte die Liste seiner Vergnügungen auch kritisch durchgehen und prüfen, auf welche Vergnügungen er um seiner selbst und der Konzentration seines Lebens willen verzichten sollte, oder fragen, was ihm letztlich Vergnügen bereitet.

Aber wieso soll eine solche Liste ein Gedicht sein? Ein Gedicht kann eine Liste nur sein, wenn ich sie willkürlich so definiere und diese Definition akzeptiert wird (etwa wie Handkes Mannschaftsaufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968; dazu heißt es in der Wikipedia am 25.4.2018, „dass Dichtung nicht ausschließlich anhand von Inhalt und Textmerkmalen definiert werden kann, sondern auch die Kommunikationssituation zwischen Leser und Text bestimmt, ob etwas als Dichtung rezipiert wird“) oder wenn sie zumindest irgendeine Form, ein Struktur aufweist. Wir bewegen uns hier auf einem schwierigen Terrain; ich neige dazu, als Mindestkriterium für Kunst an der Strukturierung der Liste festzuhalten. Ist Brechts Liste strukturiert?

Der anonyme Sprecher springt von einem Punkt zum anderen, ohne Verbindung und ohne Systematik in der Aufzählung dessen, was er tut, was er wahrnimmt, was er erlebt. Er vergnügt sich an Neuem und Altem, er verknüpft Geistiges und Körperliches. Koopmann hat, so habe ich gelesen, richtig bemerkt, dass zu den Vergnügungen keine Parteiforderungen gehören, keine Lehrstücke, keine ethischen Ideale; aber auch Essen und Trinken fehlen und der für Brecht wichtige Umgang mit Frauen. Bemerkenswert finde ich, dass die Denkform der Dialektik eigens als Vergnügung genannt wird: die Möglichkeit, Gegensätze zu verbinden und Veränderungen zu denken. Ich möchte die „Gegenstände“ seines Vergnügens so umschreiben: die begegnende Welt in ihrer Vielfalt, antwortende eigene Aktivität, die Begeisterung der anderen und das eigene freundlich Sein.

Diesen letzten Aspekt hebt Walter Schafarschik in einem Aufsatz über Brecht hervor: „Die Freundlichen waren häufig seine Protagonisten.“ Er schließt mit dem Satz: „In seinem berühmten Gedicht ‚An die Nachgeborenen’ sagt er in der letzten Strophe: ‚Ach wir / Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit / Konnten selber nicht freundlich sein.’“ Ich möchte noch unterstreichen, dass in Brechts Spätgedicht für Käthe Reichel die Welt ganz anders als in dem berühmten frühen Gedicht „Von der Freundlichkeit der Welt“ erlebt wird.

Das Gedicht ist ein Gegenstück zu Gottfried Benns Gedicht „Was schlimm ist“ – auch dazu könnte man sich Gedanken machen und seinen eigenen Katalog aufstellen:

„Wenn man kein Englisch kann,

von einem guten Kriminalroman zu hören,

der nicht ins Deutsche übersetzt ist…“

In „Sämtliche Gedichte“ wird Benns Gedicht den Gedichten 1949-1955 zugeordnet; ob ein direkter Zusammenhang zwischen Brechts und Benns Gedicht besteht, weiß ich nicht.

In der Schule wird mit Brechts Gedicht das gemacht, was man gemeinhin handlungs- und produktionsorientierten Unterricht nennt: Man lässt die Schüler analog ein Gedicht über ihre „Vergnügungen“ schreiben, gibt eventuell noch die erste Zeile vor, lässt passende Fotos dazu suchen oder ein sogenanntes Gegengedicht etwa über „Missvergnügen“ oder „Belangloses“ schreiben. Das ist alles ganz nett – aber soll etwas wie Verstehen zustande kommen, dann muss zuvor unbedingt bedacht werden: Wozu legt man eine solche Liste an? Es genügt ja nicht, dass Schüler eine Liste anfertigen sollen, weil bereits Brecht eine ähnliche Liste angelegt hat – das wäre Fremdbestimmung im Quadrat, weil sie durch ein Mittel zur Selbstbestimmung erfolgt. Und man könnte auch erwägen, ob Schüler sich vielleicht genieren, öffentlich darzubieten, was ihnen Vergnügen bereitet – es sei denn, man halte alle Fake-Listen für ehrliche Äußerungen: das unlösbare Problem der Schule.

Schade, dass Benns Gedicht keine Beachtung findet, während man über Brechts Gedicht in vielen Lesebüchern stolpert. Daran sieht man, wie Moden (und Tradition: Ein Lesebuchmacher schreibt vom anderen ab!) oder zur Tradition gewordene Moden das Unterrichtsmaterial bestimmen.

 

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=C3bCvB4kWs8

http://www.rezitator.de/gdt/320/

Rezeption

http://www.gedichte.com/threads/152918-Vergn%C3%BCgungen-(Einem-Gedicht-von-Berthold-Brecht-nachempfunden)

http://www.portland.jet2web.at/student-insights/2006-2007/vergnugungen-der-konversationsklasse-grm-202-frei-nach-brecht/

http://www.lvk-info.org/nr29/lvk-29rohs.htm

http://www.pedagogie.ac-nantes.fr/1180629322125/0/fiche___article/&RH=1163085982609

http://www.goethe.de/ins/cn/lp/dll/ks/gd/deindex.htm

http://baumkriegerin.twoday.net/stories/1139363/ mit http://baumkriegerin.twoday.net/stories/1139363/comments/1159512/comment

http://www.gutefrage.net/frage/um-was-geht-es-bei-diesem-gedicht-

http://www.horizonte.com/en-german-courses/community-photos/language-corner/berthold-brecht

http://getwitterwolke.wordpress.com/tag/bertolt-brecht/

http://allpoetry.com/poem/8503703-Pleasures__Translation_with_the_original_German__Vergn%C3%BCgungen_-by-Bertolt_Brecht

http://www.abrapa.org.br/cd/pdfs/Wild-Edmund-DRS7.pdf produktiv

http://home.tiscali.nl/~jkleeman/webduits/umgangmitlyrik.htm dito

http://deutschseminar-frankfurt.de/2012_SoSe/Einfuehrung/Heyer/literarisches%20Lesen.pdf dito

http://www.uni-duesseldorf.de/muendlichkeit/Praxis-Tipps/jandixius.htm dito

http://www.langenscheidt-unterrichtsportal.de/_downloads/leseprobe/L978-3-468-47272-5.pdf (dort S. 66)

http://www.e-literatum.de/t79574912f012-Vergnuegungen-nach-Brecht.html

http://www.german-language-school-review.com/gedichte-der-buntspechte.htm

http://andreakording.wordpress.com/2011/10/11/gedankenkarussell-vergnugungen/

http://www.stilmagazin.com/ein-morgentliches-vergnuegen-mit-tradition/

http://theamisblog.wordpress.com/2011/10/25/vergnugungen-pleasures/

http://oldpoetry.com/Bertolt_Brecht/8503703-Pleasures_Translation_with_the_original_German,_Vergngungen

http://poetrybeingzen.blogspot.de/2007/09/friendliness.html (Übersetzungen vergleichen: ein Vergnügen)

http://robertoyz.blogs.it/2006/11/23/vergna_gungen_bertolt_brecht~1360112/

http://www.busuu.com/t/1181976

http://www.aerzteblatt.de/archiv/70308/Schach-Ein-zweifelhaftes-Vergnuegen

http://www.hotelartnouveau.de/index.php?id=30

http://www.ellenfricke.de/musik/vergnuegungen.html (vertont)

http://www.leuphana.de/fileadmin/user_upload/Forschungseinrichtungen/Inst_Deutsch/Informationen_STX/Examensklausur2011_Hinweise.pdf

sowie zwei Dateien: Kreatives Schreiben und Unterricht

(dazu S. 109 f. im Buch „Burnout – Gefahr im Lehrerberuf?“, google-book, als Anregung, sich vom genussfernen Leben zu verabschieden, um dem Burnout zu entgehen)

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