Brecht: Gegen Verführung – Analyse

Laßt euch nicht verführen!…

Text

http://www.spoxx.org/bloggs/lebouffons/2006/02/lied-bertholt-brecht-gegen-verfhrung.html

http://www.deutschboard.de/topic,623,-gegen-verfuehrung(brecht).html

http://www.physiologus.de/nachher.htm

http://www.antifa-sn.de/lyrik/verfuehrung/verfuehrung.html

http://www.erinnerungsort.de/gegen-verfuehrung-_132.html

Das Gedicht ist am 23. September 1918 entstanden und bildet das „Schlusskapitel“ der „Hauspostille“. Die Überschrift „Gegen Verführung“ kommt lehrhaft-moralisierend daher, der Sprecher präsentiert sich als Wissender; dass das Gedicht einen antichristlichen Impuls hat, besagte seine erste Überschrift „Luzifers Abendlied“, die Brecht dann verworfen hat.

„Verführung“ ist in sich negativ; verführt wird jemand, der schwach ist – wer stark ist, führt oder verführt. Man kann jemand zu allen möglichen Schandtaten verführen – wovor wird hier gewarnt? Der Sprecher spricht nicht näher bestimmte „ihr“ an, womit alle Menschen gemeint sind. Drei Mahnungen richtet er an die: 1. Lasst euch nicht verführen! (V. 1) 2. Lasst euch nicht betrügen! (V. 6) 3. Lasst euch nicht vertrösten! (V. 11) Alle drei Mahnungen sind in sich noch unbestimmt, aber sie zielen vermutlich in eine Richtung. Welche Richtung das ist, muss sich aus den nummerierten vier Strophen ergeben.

„Laßt euch nicht verführen!“ So warnt Christus im Lukas-Evangelium seine Jünger (Mk 13,5 parr.). Auch Paulus (1 Kor 15,33) spricht eine ähnliche Warnung aus. Hier geht es im Gegenteil gerade um eine Verführung zum Christentum; der Sprecher begründet seine Warnung mit der These: „Es gibt keine Wiederkehr.“ (V. 2) Diese erläutert er in den folgenden Versen: „Es gibt kein Morgen mehr.“ (V. 5) Zwischen diesen beiden Versen wird die Zeit des endenden Tages angesagt: „Ihr könnt schon Nachtwind spüren“ (V. 3); das heißt, dass der Tag bald zu Ende geht und dass man sich beeilen muss, die Geschäfte des Tages noch zu besorgen.

In Strophe 2 wird deutlicher, was er meint – zuvor aber ist festzuhalten, dass undeutlich ist, was genau er sagt. Es gibt nämlich zwei Versionen: „Laßt euch nicht betrügen / Daß Leben wenig ist!“ So lautet V. 6 f. in den alten Suhrkamp-Ausgaben (z.B. Gedichte und Lieder, 1963, S. 20; Bertolt Brechts Hauspostille, 1974, S. 143). In der sechsbändigen Werkausgabe 1997 heißt es dagegen: „Laßt euch nicht betrügen! / Das Leben wenig ist.“ In diesem  Fall ist der Satz vom wenigen Leben ein Hauptsatz und eine These des Sprechers; im ersten Fall ist der dass-Satz ein Nebensatz und der Inhalt des Betrugs. Beide Lesarten ergeben einen Sinn als Begründung für die folgende Aufforderung: „Schlürft es in vollen Zügen!“ (V. 8) Die beiden folgenden Verse stehen in einer seltsamen Spannung zu V. 8; denn wenn es beim Sterben „euch nicht genügen“ kann (V. 9), ist es eigentlich belanglos, ob man es „in vollen Zügen“ geschlürft hat (V. 7) oder nicht, und gerade deshalb gibt es ja die religiöse Hoffnung einer „Wiederkehr“ (V. 2) in einer anderen Welt. Anderseits können die beiden Verse 9 und 10 auch als Begründung dafür gelesen werden, das Leben in vollen Zügen zu genießen (V. 8) – dann hat man wenigstens etwas gehabt, wenn man stirbt, auch wenn es einem nicht genügen mag. Jedenfalls gehen Lebenslust oder –gier angesichts des bevorstehenden Todes nicht in einem System befriedigender Gleichungen auf.

In diesem Sinn lautet der Appell in Str. 3: „Laßt euch nicht vertrösten!“ (V. 11), mit entsprechender Begründung in V. 12. „Vertrösten“ ist in den Augen des aufklärerischen Sprechers eine Funktion der Religion, die auf ein Leben nach dem Tod vertröstet. Der Sprecher dagegen weiß: „Es steht nicht mehr [als das Leben] bereit.“ (V. 15 und V. 14) Zwischendurch flicht er den religionskritischen Spott ein: „Laßt Moder den Erlösten!“ (V. 13, in „Gedichte und Lieder“: „Laßt Moder den Verwesten!“) Damit unterstreicht er einmal seine Auffassung vom Tod als Ende, verspottet zugleich die Gläubigen, denen nur „Moder“ statt des erhofften ewigen Lebens zuteil werde.

In Strophe 4 wird die erste Mahnung „Laßt euch nicht verführen!“ (V. 16) wiederholt, diesmal durch eine Präpositionalobjekt ergänzt: „Zu Fron und Ausgezehr!“ (V. 17) Damit wird ein sozialkritischer Aspekt des Lebensappells bzw. der Religionskritik thematisiert, der in „Leben des Galilei“ vom kleinen Mönch in Bild entfaltet und von Galilei zurückgewiesen wird: „Ich bin als Sohn von Bauern in der Campagna aufgewachsen…“ (http://www.thomasgransow.de/Rom/Rom_Zentrum/Villa_Medici.htm, dort Text 3, oder http://tanelorn.net/index.php?topic=10064.55;wap2, gekürzt) Der rhetorische Appell, keine Angst zu haben (V. 18), ist weder durch eine Konjunktion in den Kontext eingebunden noch durch ein Objekt zu „Angst“ bestimmt. Verbindet man ihn mit dem vorhergehenden Satz, wäre V. 18 ein Appell zum Aufruhr gegen Ausbeutung: keine Angst zu haben, wenn man den angeblich geschuldeten „Gehorsam“ verletzt. Verbindet man V. 18 mit dem folgenden Satz, wäre er ein Appell, keine Angst vor dem Tod zu haben, weil man das normale Tierschicksal erleidet. V. 20 wäre im ersten Fall ein Trost, dass keine Höllenstrafen für Aufruhr gibt; im zweiten Fall wäre V. 20 nur eine Paraphrase von V. 19, eine bestätigende Doppelung. – Die Sentenz „Ihr sterbt mit allen Tieren“ findet sich bereits im Alten Testament: „Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt auch er.“ (Pred. 3,19)

Der Rhythmus des Gedichtes ist zügig und eingängig: Eigentlich besteht jede Strophe aus fünf Versen mit dreihebigen Jamben; im jeweils ersten Vers werden jedoch sinngemäß gegen den Takt die 1., 3. und 5. Silbe betont (Laßt, nicht, Stammsilbe des Verbs), sodass ein Trochäus vorläge – oder eben doch ein „gestörter“ Jambus. Auf Vers 1 reimen sich V. 3 und 4, während V. 2 / 5 ein Reimpaar bilden – das ergibt eine Art Kreuzreim, wobei V. 3 um V. 4 erweitert ist, was den Rhythmus gefälliger macht. Jeder Vers ist ein Satz, abgesehen von V. 17, der Objekt zu „verführen“ von V. 16 ist; das bedeutet, dass nach jedem Vers eine kleine Pause gemacht wird, wozu ab Vers 3 jeder Strophe auch der Reim beiträgt. In Vers 3 und 4 jeder Strophe drängt auch die nachklingende Silbe (weibliche Kadenz) auf eine kleine Pause hin.

In der „Hauspostille“ nimmt das Gedicht eine Schlüsselstellung ein, es bildet das „Schlußkapitel“: „Überhaupt empfiehlt es sich, jede Lektüre in der Hauspostille mit dem Schlußkapitel zu beschließen.“ („Anleitung zum Gebrauch der einzelnen Lektionen“) Die Veröffentlichung der „Hauspostille“ hat sich über mehrere Jahre hingezogen. Als Vorbild gilt Martin Luthers Hauspostille; „Postille“ bezeichnet ursprünglich eine Erklärung des vorangestellten Bibeltextes, eine Art Predigt. In den verschiedenen „Lektionen“ der „Hauspostille“ greift Brecht religiöse Gebräuche und Einrichtungen auf (Bittgänge, Exerzitien usw.). Sie ist damit auf unmittelbare Nützlichkeit angelegt; auch die Zählung der Strophen betont den Gebrauchscharakter, also einen nicht-lyrischen Sinn der Sammlung. Sie stellt eine Persiflage religiöser Übungen dar und gibt ihnen einen profanen Sinn.

Bei der Rezeption fällt auf, dass sich sowohl Theologen als auch der Religionsunterricht immer noch an Brechts Gedicht reiben und sich mit ihm weltanschaulich auseinandersetzen. Es wird häufig gesungen.

Zwei unterschiedliche Bewertungen möchte ich noch referieren: Wieland Herzfelde hat 1951 von Brecht „Hundert Gedichte. 1918 – 1950“ herausgegeben; darin fehlt „Gegen Verführung“. Reich-Ranicki hat 2003 „100 Gedichte des [20.] Jahrhunderts“ herausgegeben; darin steht „Gegen Verführung“ neben 10 anderen Gedichten Brechts. Ich tendiere dazu, es zu den 100 besten, aber nicht zu den 11 besten Gedichten Brechts zu zählen; im Übrigen sieht man hier, wie schwierig es ist, über die Qualität von Gedichten zu urteilen.

Zum Schluss möchte ich noch von einem Leseeindruck berichten. Ich habe den Eindruck, dass Brecht Heines „Wintermärchen“ gekannt und sich im weiteren Sinn an dieses große Gedicht angelehnt hat:

„Ein kleines Harfenmädchen sang.

Sie sang mit wahrem Gefühle

Und falscher Stimme, doch ward ich sehr

Gerühret von ihrem Spiele.

 

Sie sang von Liebe und Liebesgram,

Aufopfrung und Wiederfinden

Dort oben, in jener besseren Welt,

Wo alle Leiden schwinden.

 

Sie sang vom irdischen Jammertal,

Von Freuden, die bald zerronnen,

Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt

Verklärt in ew’gen Wonnen.

 

Sie sang das alte Entsagungslied,

Das Eiapopeia vom Himmel,

Womit man einlullt, wenn es greint,

Das Volk, den großen Lümmel.

 

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,

Ich kenn auch die Herren Verfasser;

Ich weiß, sie tranken heimlich Wein

Und predigten öffentlich Wasser.

 

Ein neues Lied, ein besseres Lied,

O Freunde, will ich euch dichten!

Wir wollen hier auf Erden schon

Das Himmelreich errichten.

 

Wir wollen auf Erden glücklich sein,

Und wollen nicht mehr darben;

Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,

Was fleißige Hände erwarben.

 

Es wächst hienieden Brot genug

Für alle Menschenkinder,

Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,

Und Zuckererbsen nicht minder.

 

Ja, Zuckererbsen für jedermann,

Sobald die Schoten platzen!

Den Himmel überlassen wir

Den Engeln und den Spatzen.

 

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,

So wollen wir euch besuchen

Dort oben, und wir, wir essen mit euch

Die seligsten Torten und Kuchen.

 

Ein neues Lied, ein besseres Lied!

Es klingt wie Flöten und Geigen!

Das Miserere ist vorbei,

Die Sterbeglocken schweigen.“

(Heine: „Deutschland. Ein Wintermärchen“, 1844, Caput I:

http://www.heinrich-heine-denkmal.de/heine-texte/caput01.shtml )

Beiden ist die religionskritische Tendenz gemeinsam. Und ist das von Heine beschriebene Einlullen nicht das, wogegen als „Verführung“ Brecht sich wehrt? Bei Brecht liegt der Akzent allerdings auf der Einmaligkeit und Kürze des Lebens, während bei Heine die ungerechte Verteilung der Güter im Fokus steht. Auch ist der Ton in Brechts Gedicht viel pathetischer (Brecht war 1918 zwanzig Jahre alt), während der 46jährige Heine 1844 viel gelassener spottet.

Für die Verwandtschaft mit Heines Gedicht spricht auch die später verworfene Überschrift „Luzifers Abendlied“; sie greift (wahrscheinlich?) eine Anspielung aus Caput II von Heines Gedicht auf:

„Und viele Bücher trag ich im Kopf!

Ich darf es euch versichern,

Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest

Von konfiszierlichen Büchern.

 

Glaubt mir, in Satans Bibliothek

Kann es nicht schlimmere geben;

Sie sind gefährlicher noch als die

Von Hoffmann von Fallersleben!“

Analyse

http://www.dearchiv.de/php/dok.php?archiv=amg&brett=CHR227&fn=UKUI.184&menu=wissen (kritisch gegen „Interpretieren“)

http://repositories.tdl.org/ttu-ir/bitstream/handle/2346/21565/31295012156740.pdf?sequence=1 (Sinn und Funktion der Hauspostille)

http://www.textlog.de/tucholsky-bert-brecht.html (Tucholskys Besprechung der „Hauspostille“)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/gegen-verfuehrung.html (F. Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=W-23q4_QScw

http://www.rezitator.de/gdt/735/  (L. Görner)

http://www.youtube.com/watch?v=B3AK3kTaWlQ (gesungen: M. EMMA Hirschfeld)

http://www.youtube.com/watch?v=m-cQHqx6pQs (gesungen: E. Schall)

http://www.youtube.com/watch?v=2_pKGxLbJkA (gesungen: Biermann)

http://www.youtube.com/watch?v=0QB0Im3OGyE (gesungen: Gina Pietsch)

http://www.youtube.com/watch?v=Pmu5uyZs9HQ (gesungen: E. Busch)

http://www.youtube.com/watch?v=ttSkhNXUZjY (gesungen: Doxology)

http://www.youtube.com/watch?v=sGtZtNozecY (gesungen: Freygang)

http://www.david-ruf.de/david/mp3/gegenverfuehrung2512001.mp3 (D. Ruf)

Rezeption

http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/Brecht-Gedicht.pdf (J. Kahl: Philosophische Meditation)

http://www.stereo-denken.de/dann1971.htm (J. Kuhlmann – ähnlich, aber christlich)

http://content.antoniuskolleg.de/cms/unterricht/Religion/Layout-Internetseite-Gedichte.pdf (Gegengedichte: Religionsunterricht)

http://www.schoolwork.de/forum/deutsch/gedichtvergleich-bertolt-brecht-hans-kueng-t13613/ (Gegengedicht: H. Küng)

http://www.uni-due.de/imperia/md/content/katheol/miggelbrink/der_glaube_an_die_auferstehung_der_toten_im_kontext_der_gegenwart.pdf (negativer Bezug auf Brecht)

http://www.gerhkolb.onlinehome.de/was_kommt_nach_dem_tod/Referat_in_Metzingen.htm#_Toc502762036 (dito – es gibt noch mehr dieser Art!)

http://gramsci.objectis.net/brecht/writings/poems-and-theater/gegen-verfuhrung (italien. Übersetzung)

http://groups.google.com/group/fr.soc.politique/browse_thread/thread/faf0817d61e1742c (französ. Übersetzung)

http://www.schieferwelf.de/seiten/gegen_verfuehrung.html (Radierung)

http://www.wali-wetzlar.de/BuB_Veranstaltung_2012 (Theaterstück)

http://www.philosophie.ch/philipp/personal/Abdankung_Martin.pdf (Grabrede für den Vater)

http://www.freigeisterchen.de/trauern

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