Brecht: Als ich nachher von dir ging – Analyse

Als ich nachher von dir ging…

Text

http://www.onderde18.vrijeschooldenhaag.nl/site/binnen/engels/liefdesgedichten_in_beweging

http://deutsch.agonia.net/index.php/poetry/56072/index.html

http://de.scribd.com/doc/19082430/Berolt-Brecht-Liebesgedichte-Vier-Liebeslieder

http://ilias.vobs.at/data1/VOBSIlias/lm_data/lm_84273/Lyrik%20am%20Bsp%20Liebeslyrik/4_formale_m.htm

Das Gedicht ist 1950 entstanden und mit drei weiteren Liebesliedern von Paul Dessau vertont worden; 1953 wurde es anlässlich einer Aufführung dieser Lieder im Programmheft gedruckt.

Das Gedicht ist ganz einfach, im Volksliedton und in halb mundartlicher Sprache abgefasst: Ein naives lyrisches Ich spricht ein Du an und berichtet, wie es die Welt erlebte, „als ich nachher von dir ging“ (V. 1). Die Pointe liegt in dem beziehungslosen „nachher“ [wonach? nach dem großen Ereignis!], das nur relativ datiert wird: „An dem großen Heute“ [hier qualifiziert das große Ereignis einen Tag zum „großen Heute“, wobei die deiktische Zeitangabe „heute“ den vergangenen Tag der beglückenden Liebesbegegnung als gegenwärtig festhält]. Ein zweites Mal bezieht sich das lyrische Ich auf dieses Heute, als es spricht von „jener Abendstund / Weißt schon, die ich meine“. Nur die beiden wissen das Datum, das für das Ich so wichtig ist und das offenbar auch noch nicht lange zurückliegt: Es ist das erste Mal, dass sie als Mann und Frau in Liebe zusammen waren, was früher, in der Zeit einer verklemmten, rigiden Moral, nur heimlich möglich war, weshalb sich das sprechende Ich mit Andeutungen begnügt, welche nur die beiden Liebenden entschlüsseln können. Seit diesem großen Ereignis ist die Welt für das lyrische Ich schöner geworden: lustiger die Leute (V. 4), schöner das Ich (schönerer Mund, V. 7 f.), grüner die Natur (V. 9 f.), frischer das Wasser (V. 11 f.) – eine Aufzählung oder Reihung der positiven Veränderungen (Komparative). Das Ich ist nach meinem Empfinden die Frau, da sie ihren schöneren Mund bemerkt; auch spricht der dezent zurückhaltende Ton dafür, dass die Frau sich über die erste Liebesbegegnung äußert. Ein kleiner Scherz ist der Hinweis auf die geschickteren Beine (V. 8): Im Sinn der Sprecherin heißt das, dass sie sich jetzt leichtfüßiger bewegt, weil sie als Frau gelöst/erlöst ist. Für den Dichter und Mann Brecht ist dieser Hinweis eine Anspielung: Beim ersten Mal weiß man nicht so recht, wie man seine Beine bewegen soll – jetzt weiß sie es; dass der schönere Mund und die geschickteren Beine (zwei verschiedene Aspekte!) zusammen genannt werden, ist eine kleine anzügliche Spitze des Dichters (nicht der Sprecherin – die würde bei ihrer Zurückhaltung in eroticis nicht über die frisch erlernte Beintechnik sprechen).

Die Form ist von Heine bekannt: Trochäen, abwechselnd vier- und dreihebig, Kreuzreim, abwechselnd männliche und weibliche Kadenzen. In V. 4 und V. 8 klappt es mit dem Metrum nicht ganz; aber das macht nichts, da das Ich sich mundartlich-umgangssprachlich ausdrückt (Satzbau V. 3 und V. 6).

Wenn man die Pointe des Gedichtes verstanden hat, ist nicht mehr viel zu „interpretieren“; da erfreut man sich der fröhlichen Unschuld dieses Liebesbekenntnisses. Die Eigenart des Gedichtes wird deutlich, wenn man es etwa mit Goethes „Mailied“ vergleicht: Wie schlicht ist der Ton in Brechts Gedicht, obwohl beiden Gedichten das gleiche Erleben zugrunde liegt: wie durch die Liebe die Welt schöner wird (in Goethes Gedicht ist die Liebe freilich viel allgemeiner, nicht unbedingt sexuell erfüllt). Ob man es mit Reich-Ranicki zu den 100 besten Gedichten des 20. Jahrhunderts zählen soll, ist freilich eine andere Frage. – Es bleibt nur noch anzumerken, dass sich das Gedicht manchmal unter dem Titel „Vier Liebeslieder“ verbirgt, weil es keine eigene Überschrift hat und mit den drei anderen zusammen von Paul Dessau vertont wurde.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/marcel-reich-ranicki-in-der-frankfurter-anthologie-als-ich-nachher-von-dir-ging-von-bertolt-brecht-12614157.html (Anmerkungen Reich-Ranickis, mit Text)

http://www01.ph-heidelberg.de/wp/haerle/download/Haerle_LiebLyr_310306.pdf (In G. Härles Sammlung stehen ein paar Bemerkungen zum Gedicht auf S. 91 f.; thematisch verwandte Gedichte findet man S. 86 ff.)

P.S. Am 18. März 2015 wurde dieser Text 1315mal aufgerufen (am 19. März 255mal, am 20. März noch über 100mal – offenbar stand Brechts Gedicht irgendwo in einer zentralen Klausur auf dem Programm – vermutlich ein Gedichtvergleich mit Mörike: Früh im Wagen, was auch relativ häufig angeklickt wurde); das hat mich veranlasst, ihn noch einmal zu überarbeiten.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=ukQGRF2ZUM4 (Dorine Niezing, wunderbar gesungen)

http://www.youtube.com/watch?v=HRfLssGxP3g (dito)

2 thoughts on “Brecht: Als ich nachher von dir ging – Analyse

  1. Hallo Norberto 42,
    die zentrale Prüfung am 18.03. war das Abitur in Baden-Württemberg. Vielen Dank für die wunderbare Seite, die ich seit Jahren immer wieder gerne aufsuche.

    Michael Tinkl (zur Zeit mit der Abiturkorrektur befasst)

  2. Vielen Dank, lieber Michael Tinkl, für die Information!
    Im Reutlinger Generalanzeiger stand am 19. März über die Abiturprüfung Deutsch vom Vortag: „Zunächst galt es für die Schüler, aus fünf Aufgaben die für sie erfolgsversprechendste auszuwählen: Ein Interpretationsaufsatz zu Max Frischs »Homo faber« mit einer anschließenden vergleichenden Erörterung zu der Frage, inwieweit Faber, Danton (»Dantons Tod«, Georg Büchner) und der Ich-Erzähler in Peter Schramms »Agnes« scheitern (Aufgabe 1), ein Gedichtvergleich zweier Abschiedsgedichte – Eduard Mörikes »Früh im Wagen« und Bertolt Brechts »Als ich nachher von dir ging« (Aufgabe 2), eine Interpretation des parabolischen Kurzprosatextes »Auf dem Balkon« von Alfred Polgar (Aufgabe 3), ein Essay zum Thema »Die Macht des Sports« (Aufgabe 4) oder eine Analyse und Erörterung des nicht fiktionalen Textes »Haltung bewahren« aus der Beilage »Wohlfühlen« der Süddeutschen Zeitung (Aufgabe 5).“

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