Brecht: An meine Landsleute – Analyse

Ihr, die ihr überlebtet in gestorbenen Städten…

Text

http://www.joergalbrecht.de/es/deutschedichter.de/werk.asp?ID=287

http://www.gabrieleweis.de/denkwerkstatt/literarisches/brecht-an-meine-landsleute.htm

http://www.anke-stursberg.de/seiten/politlyrt9.html

Das Gedicht ist im Oktober 1949 entstanden – Wilhelm Pieck war am 7. Oktober 1949 Staatspräsident der DDR geworden und pflegte seine Reden mit den Worten „Meine Landsleute“ zu beginnen. Brecht schickte ihm das Gedicht in handschriftlicher Reinschrift am 2. November 1949 mit persönlicher Widmung.

Der Sprecher tritt hinter seinen mahnenden Bitten zurück, die er laut Überschrift an seine Landsleute richtet, ist aber in seinen Wertungen und Wünschen persönlich präsent. Er spricht sie mit dem Pronomen „ihr“ an, also vertraut, von Du zu Du: „Ihr, dir überlebtet in gestorbenen Städten“ (V. 1). Das Paradox (in gestorbenen Städten überleben) ist die Grundbedingung aller weiteren Äußerungen; daher bedarf es der ruhigen Lektüre.

Der Sprecher nennt die Städte „gestorben“, nicht „zerstört“ oder „zerbombt“; das wären Anklagen an die Sieger des Krieges, solche will er nicht erheben. Das Attribut „gestorbenen“ ist auch kein Vorwurf an die Besiegten – der Sprecher will um Einsicht werben, nicht Schuldige oder Unschuldige anklagen. Mit dem Verb „überleben“ (statt „leben“) erinnert er an die Ereignisse vor 1945: Ihr hättet auch umkommen können; nehmt das ernst, dass ihr hättet umkommen können, aber überlebt habt. Daraus wird nun kein Dankgebet, sondern ein Appell an vernünftige Einsicht in die eigene Lage: „Habt doch nun endlich mit euch selbst Erbarmen!“ (V. 2) Das heißt: nicht an die jüngst noch beschworene Größe Deutschlands oder die Weltsendung des Führers und dergleichen Phrasen zu denken, sondern an sich selbst – und zwar nicht mit Gedanken der Pflichterfüllung oder der Reue, sondern mit Einsicht in die gegenwärtige eigene Lage nach einem verbrecherischen Krieg. Die deutschen Landsleute brauchen nicht einmal mit anderen Erbarmen zu haben, mit den Angegriffenen und den Toten Europas, sondern bloß mit sich selbst. Aus diesem Appell an das Erbarmen ergibt sich die zentrale Bitte: „Zieht nun in neue Kriege nicht – ihr Armen“ (V. 3); mit dem Bedauern („ihr Armen“, begründet in V. 4) leitet der Sprecher zur Bittformel und zur Wiederholung seiner großen Bitte (V. 5) über.

Die folgenden drei Strophen richten sich an die Männer, die Kinder und die Mütter (nicht die Frauen, parallel zu den Männern); Kinder und Mütter machen die Paare der Betroffenen aus, wenn Männer kämpfen und sterben, und sind so die klassischen Figuren in jeder Antikriegslyrik. Die drei Strophen sind ähnlich aufgebaut: Anrede, Bitte (die wiederholt wird), begründende Erläuterung der Bitte. Alle drei Bitten münden darin, neue Kriege zu vermeiden: indem die Männer zur Kelle statt zum Messer [das Messer ist archaisch-anschaulich im Unterschied zu moderner Waffentechnik] greifen, also bauen statt töten; indem die Kinder ihre Eltern bitten, sie nicht das Gleiche erleiden zu lassen wie das, was jene selbst erlitten; indem die Mütter den Krieg nicht dulden und ihre Kinder „leben lassen“ (V. 18).

Formal handelt es sich um einen Daktylos mit meistens fünf Hebungen; die sinntragenden Wörter (ein Vorschlag für Str. 2: Männer, Kelle, nicht; Dächern; Messer; besser; bitte, Kelle, nicht … Messer) stehen außer dem einleitenden „Ihr“ (V. 1) im Metrum, doch durch die singuläre Betonung ergibt sich ein eindringlicher Rhythmus, ebenso durch die Wiederholungen (Ihr; ich bitte euch; V. 1/5 in Str. 2-4). Auch die starken Kontraste (überlebt/gestorben, V. 1; neue/alte, V. 3 f.; Kelle/Messer, Str. 2; ihr/sie selber, Str. 3; dulden/nicht dulden, Geburt/Tod, Str. 4) fordern zu einer klaren Stellungnahme auf, sind die Boten des Friedensappells. Das Reimschema ist nicht starr durchgehalten; doch gibt es in jeder der fünfzeiligen Strophen zwei Reimpaare; das heißt, auf einem Reim enden jeweils drei Verse, aber in wechselnder Reihenfolge (Str. 1 und 2 wie „Gegen Verführung“, Str. 3 und 4 in der Folge a-b-a-b-a) – die Anzahl 5 statt 4 Verse verdankt sich der Wiederholung von jeweils V. 1, macht aber anstelle eines reinen Kreuzreim-Schemas den Ton lebhafter.

Das Gedicht gehört nach Reich-Ranicki zu den 100 großen Gedichten des 20. Jahrhunderts; dem kann ich zustimmen, auch wenn es mit der Ruinen-Situierung Deutschlands stark zeitgebunden ist. Aber es sind seit 1950 so viele Ruinen produziert worden, dass man jederzeit genügend aktuelle Anschauung davon besitzt, um dieses Gedicht verstehen zu können.

Analyse

http://www.die-linke.de/partei/zusammenschluesse/kommunistischeplattformderparteidielinke/mitteilungenderkommunistischenplattform/detail/archiv/2010/september/zurueck/archiv-2/artikel/an-meine-landsleute/

http://www.biblioforum.de/forum/read.php?2,1016,1029

http://www.ddr-hoerspiele.net/2-lp/helene-weigel-liest-brecht.html (Paul Rilla über die Lyrik Brechts insgesamt)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=I33PCAx9PbY (Gisela May)

http://www.youtube.com/watch?v=Ju6gRkdFPWU (gesprochen, gut)

http://www.youtube.com/watch?v=m2rCM09ougk (Brecht?)

Rezeption

http://www.die-linke.de/partei/zusammenschluesse/kommunistischeplattformderparteidielinke/mitteilungenderkommunistischenplattform/detail/archiv/2010/september/zurueck/archiv-2/artikel/an-meine-landsleute/

http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?id=3884&lang=it (italien. Übersetzung)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s