Brecht: Apfelböck oder Die Lilie auf dem Felde – Analyse

In mildem Lichte Jakob Apfelböck…

Text

http://www.silyrik.de/html/292230410.html

http://www.eikk.de/sqlprint.php?nid=95

http://www.englisch.schule.de/chor/krimipro.htm

Joseph Apfelböck, geboren 1903, aufgewachsen in zerrütteten Familienverhältnissen, arbeitete in einem elektrotechnischen Betrieb, als er im Juni 1919 arbeitslos wurde. Er hatte darauf die Idee, Schauspieler zu werden, was seine Mutter, Zugehfrau bei einem Arzt, entschieden ablehnte. Daraufhin geriet er in Zorn und erschoss sie am 29. Juli 1919 in ihrer Wohnung im Münchener Stadtteil Haidhausen; als sein Vater, ein Frührentner, nach Hause kam, erschoss er ihn ebenfalls. Er lebte dann in der elterlichen Wohnung, bis er Mitte August 1919 verhaftet wurde; am 25. November wurde er zu einer 15jährigen Haftstrafe verurteilt. Er meinte, es sei das Beste, wenn er „totgemacht“ würde. In der Haft absolvierte er eine Schneiderlehre, 1932 wurde er entlassen.

Das Gedicht, im August 1919 entstanden, erschien 1920 in der Dada-Broschüre „Das Bordell“ (Auflage von 300 Exemplaren, wurde auf Gerichtsbeschluss nach Erscheinen sofort eingestampft). Danach wurde es in der „Hauspostille“ (1927) veröffentlicht; die Strophe 4 ist erst 1927 Bestandteil des Textes. Vielleicht ist Wedekinds Gedicht „Der Tantenmörder“ (1902) ein Vorbild für Brechts Gedicht; aber Wedekinds Gedicht ist eine Parodie der Bänkellieder, was man gegen Carl Pietzckers These von Brechts Gedicht nicht einleuchtend behaupten kann.

Die Überschrift ist teilweise ein Bibelzitat; in der Bergpredigt spricht Jesus von den Lilien auf dem Feld (Mt. 6,28), von denen man lernen soll, sich nicht um die Kleidung zu sorgen: „Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomon war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen.“ (Mt. 6,28 f.) Was die Überschrift als Leseanweisung enthält, bleibt vorerst unklar, da von Sorge und Kleidung nicht die Rede ist.

Ein unbeteiligter Erzähler berichtet äußerst kurz von Jakob Apfelböcks Doppelmord (V. 1 f.) und dann länger von der Zeit nach dieser Tat, bis sie ans Licht kommt (Str. 10). An diesem Bericht fällt Verschiedenes auf: Anders als bei normalen Bänkelliedern wird die Mordtat weder breit ausgemalt noch moralisch verurteilt; auch vom Prozess gegen Jakob A. erfährt man nichts. Seine Gestalt wird so gezeichnet, dass beinahe er (anstelle der Eltern) Mitleid verdient: Er ist jetzt allein (V. 4); „es“ (statt „er“) war vor sieben Tagen noch ein Kind (V. 8) und wird vom Erzähler „das arme Kind“ genannt (V. 15), von der Milchfrau „das Kind“ (Str. 11). Er erscheint wiederholt „in mildem Lichte“ (V. 1; Str. 8-10), auch der Sommerwind ist mild (Str. 2); er isst nicht mehr viel, er liest nicht (Str. 5, 6) – er ist ein bemitleidenswertes Kind, das nach dem Mord einfach wartet und nichts unternimmt (Str. 3), sondern vom Leichengeruch noch krank wird (Str. 7).

An seinem Mord fällt auf, dass Jakob nicht weiß, „warum er’s getan“ hat (Str. 10). Es gibt eine Deutung, dieses fehlende Motivation mit der Verlagerung des Geschehens ins bürgerliche Milieu (Milchfrau und Zeitungsmann kommen ins Einfamilienhaus, Str. 5 ff., man erwartet noch einen Grabbesuch Jakobs – während die historischen Apfelböcks aus der Unterschicht stammten) zu verknüpfen: Durch die Tat habe Jakob sich von seinem Vater befreien, sich also emanzipieren wollen, weshalb er danach eben kein Kind mehr war (V. 8); so werde durch die Tat der Terror der bürgerlichen Lebensordnung entlarvt: Es gehe im Gedicht also nicht um den bekannten „Nihilismus“ des jungen Brecht; „es geht vielmehr um den Versuch, die herrschende, sage ich ruhig bürgerliche Ordnung als zutiefst inhuman und menschenverachtend zu entlarven, nämlich als alltäglichen Terror zu erfassen, dessen Brutalität sich dadurch auszeichnet, daß er im Alltag selbst nicht sichtbar, weil er durch die Wiederkehr des Gewohnten verdeckt ist. Das gesellschaftlich Unsichtbare sichtbar werden zu lassen, das vermag allein die ästhetische Gestaltung, die gerade das nicht benennt und sprachlich ausspart, was sie zur Sprache bringen will.“ (Jan Knopf, s.u.) Bei allem Respekt vor dem großen Brecht-Forscher Knopf: Diese Logik erinnert mich an das Argument von den Elefanten, die rote Augen haben, damit sie sich besser im Kirschbaum verstecken können, und die man deshalb auch nicht sieht: weil sie sich so gut tarnen.

Carl Pietzcker (Die Lyrik des jungen Brecht, 1974) nennt das erzählte Geschehen „absurd“, weil es „sich mit den vom Gedicht angebotenen Kategorien der Weltorientierung nicht sinnvoll einordnen lässt“ (S. 80, Anm. 7). „Grotesk wird hier eine Darstellung genannt, welche die Erwartung zu wecken sucht, ein dargebotener Sachverhalt werde gedeutet, diese Erwartung jedoch enttäuscht…“ (a.a.O.). So muss er schließlich dazu kommen, das Gedicht aus der psychischen Entwicklung Brechts zu deuten – das versagen wir uns. Auch Jürgen Hillesheims Versuch (Ich muß immer dichten: Zur Ästhetik des jungen Brecht, S. 266 ff.), dem Gedicht Nietzsches Parabel vom tollen Menschen als Folie des Verstehens zu unterlegen, leuchtet mir nicht ein.

Der Erzähler verurteilt Jakobs Tat nicht, erklärt sie nicht, hat beinahe Mitleid mit dem Kind (s.o.). Er erzählt ganz schlicht (allerdings mit der poetischen Form „Lichte“, V. 1), wiederholt die Formeln vom Auftreten der Milchfrau und des Zeitungsboten (Str. 5 ff.); er berichtet davon als bloßen Ereignissen: „Es bringt… Es bringt… Es sprach… Es sprach…“ Er reiht anaphorisch die Ereignisse: „Und als… Und als … Und als…“ (Str. 7, 7, 10) Die Strophen bestehen aus vier Versen, die wiederum aus fünfhebigen Jamben sich zusammensetzen, im Kreuzreim gereimt. Der Vortrag des Gedichts fließt schmucklos dahin.

Wozu weist Brecht in der Überschrift auf die Lilie auf dem Felde hin? Die Lilie lebt in ihrer schlichten Existenz unterhalb des menschlichen Niveaus von Wünschen und Planen, von Sorge und Arbeit – so wie Jakob Apfelböck nach den beiden Morden, von deren Sinn und Ziel er nichts weiß (Str. 10). Ich denke nicht, dass Brecht ihn im Sinn Jesu als Vorbild eines sorgenfreien Lebens darstellt, sondern eher als eine dumpfe Existenz – dann wäre das Gedicht vielleicht als Spott  über das Wort von den Lilien zu lesen, als eine Religionskritik. So könnte ich der Überschrift noch einen Sinn abgewinnen. Das ist für mich aber kein Grund, es mit Reich-Ranicki zu den 100 bedeutendsten Gedichten des 20. Jahrhunderts zu zählen.

Analyse

http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:3ktZIOail3wJ:brecht.german.or.kr/jungbo.net/Hwizard/contents/jahrbuecher/5/5-4.hwp+brecht+apfelb%C3%B6ck&cd=72&hl=de&ct=clnk&gl=de = http://brecht.german.or.kr/jungbo.net/Hwizard/contents/jahrbuecher/5/5-4.hwp  (Jan Knopf)

http://books.google.de/books?id=EekvW8QYX9EC&pg=PA266&lpg=PA266&dq=brecht+apfelb%C3%B6ck&source=bl&ots=mCyGC3_gsf&sig=fnnokRsMLo5mlJEoSkmnvDkKuXQ&hl=de&sa=X&ei=TqbIUN3hC8nWsgbZ6YH4Dg&ved=0CDMQ6AEwATgU#v=onepage&q=brecht%20apfelb%C3%B6ck&f=false (Jürgen Hillesheim)

http://peterhorn.kilu.de/books/brennen.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Apfelb%C3%B6ck

http://www.iaslonline.lmu.de/index.php?vorgang_id=1593

http://xn--apfelbck-s4a.de/name-und-genealogie/

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=eE0wIm1zknM

http://www.youtube.com/watch?v=LlJXtpDWfuw

http://www.juzp.net/qATM-ljBcf_mq

http://www.simfy.de/artists/6279-Various-Artists-Artist/albums/1090315-Brecht-Lieder-und-Balladen/tracks/20602190–Der-Apfelboeck-oder-die-Lilie-auf-dem-Felde

http://www.simfy.de/artists/3997-Milva/albums/674656-Milva-Canta-Brecht/tracks/15931347-Jakob-Apfelboeck

Rezeption

http://www.gesamtschule-schermbeck.de/ges20/schuelerzeitung/gedicht-mordmotive-apfelboeck.php

http://philippe-wampfler.com/2009/03/11/%C2%BBunsere-justizbehorden%C2%AB-und-noch-einmal-brecht/

http://www.programangels.org/program/apfelboeck/pm-apfelboeck.pdf (Buchpräsentation mit Leichenschmaus)

Bänkelsang

http://www.wortmagier.de/img/werk/1/1180477451.pdf

http://www.reinhard-doehl.de/bklsang.htm (Bänkelsang und Dichtung)

http://www.volksliederarchiv.de/lexikon-297.html (Beispiele)

http://www.werle.com/homepage/wasserbg/seite9.htm (Beispiel)

http://www.wolkengold.de/dichtung/der-wilddieb.htm (Beispiel)

http://www.baenkelsaenger.ch/standart/moritaten.htm

http://www.youtube.com/watch?v=2bWINvt0CXE (Beispiel: Film)

http://www.students.uni-mainz.de/delmc005/moritaten.html (Moritaten)

http://www.youtube.com/watch?v=hC1QCjXvc54 (Wedekind: Tantenmörder)

http://www.youtube.com/watch?v=hzVSjNemGUQ (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=SwQPdJxZAeM (Sabinchen, gesungen: Moritatenkanal!)

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