Brecht: Von der Freundlichkeit der Welt – Analyse

Auf die Erde voller kaltem Wind…

Text

http://www.abiturerfolg.de/gedichte_bertholdbrecht-vonderfreundlichkeitderwelt.html (3 Strophen)

http://online-media.uni-marburg.de/ndl/einfuehrung/brecht.html (dito, mit Fragen zur Textanalyse)

http://www.e-hausaufgaben.de/Thema-164631-Bertholt-Brecht-Von-der-Freundlichkeit-der-Welt.php (4 Strophen)

http://private.freepage.de/cgi-bin/feets/freepage_ext/41030x030A/rewrite/jense/gedicht2.html#Gedicht14 (dito)

http://www.uni-protokolle.de/foren/viewt/197467,0.html (Gegenlied zu „Von der Freundlichkeit der Welt“)

http://college.sevigne.free.fr/bac/gegenlied.php?page=Gegenlied%20zu%20von%20der%20Freundlichkeit%20der%20Welt (dito)

Das Gedicht ist 1921 entstanden und 1926 erstmals gedruckt worden (in „Uhu“, November 1926), dann 1927 in der „Hauspostille“ erschienen. Das Thema der Vereinzelung und des Ausgesetztseins berührt sich mit dem Gedicht „Vom Mitmensch“ (ebenfalls in der „Hauspostille“). Das Gedicht steht in der Tradition der Literatur von der Verachtung der Welt (contemptus mundi), die wir v.a. aus dem Barock kennen; 1956 schrieb Brecht ein Gegenlied zu „Von der Freundlichkeit der Welt“. – In manchen Ausgaben fehlt die Strophe 3 (wie in der Werkausgabe der edition suhrkamp – evtl. eine spätere Streichung Brechts für die Malik-Ausgabe, so der Kommentar von Edgar Marsch).

Erläuterungen:

V. 14: Schorf und Grind: Bei oberflächlichen Wunden (z.B. Schürfwunden) führt geronnenes Exsudat und dessen Vertrocknung zur Bildung einer Kruste, volkstümlich auch Grind, Borke oder Bratze genannt.

V. 16: zwei Hände Erde: Bei Begräbnissen schütten der Pfarrer, oft auch die Trauerngäste eine kleine Schaufel Erde auf den Sarg.

Zunächst fällt der Rahmen auf, den die Strophen 1 und 4 bilden: „Auf die Erde voller kaltem Wind / Kamt ihr alle …“ // „Von der Erde voller kaltem Wind / geht ihr all …“ Die beiden äußersten Punkte des irdischen Lebens sind für alle gleich, und sie sind Stationen des Ausgesetztseins – die Welt ist eine Welt des kalten Windes, sagt der Sprecher; und die Menschen selbst kommen nackt an und geht krank davon. Er wendet sich belehren-aufklärend an alle Menschen, die er mit „ihr“ anspricht. Er zerstört beinahe zynisch Illusionen über das menschliche Leben: Dem Kind gibt man eine Windel, dem Toten zwei Hände Erde (V. 4, V. 16), das ist alles – also wenig genug; denn „Fast ein jeder hat die Welt geliebt“ (V. 15), aber er bekommt zum Schluss ganze zwei Hände Erde (Kontrast: alles – ganz wenig). Ganz wenig bekommt man bereits zu Beginn: nur eine Windel, ansonsten ist man „ohne alle Hab[e]“ (V. 3).

In den beiden mittleren Strophen wird die Ent-täuschung der Zuhörer fortgesetzt: „Keiner rief euch, ihr wart nicht begehrt“ (V. 5), sagt der Sprecher; er kennt keine Wunschkinder, nur „Verkehrsunfälle“, sozusagen Kollateralschäden der Sexualität. In Str. 2 wird eine Parallele zu Str. 1 gezogen: ein Weib gab euch eine Windel, ein Mann nahm euch an der Hand (V. 4, V. 8). Der Blick des Sprecher geht hier zurück: „einst“ (V. 8) plus Präteritum (V. 1-8).

In Str. 3 wechselt der Sprecher ins Präsens, er spricht die Hörer in ihrer gegenwärtigen Situation an: Die Welt ist euch nichts schuld (V. 9): „Keiner hält euch, wenn ihr [durch Selbstmord] gehen wollt.“ (V. 10) Das ist die Freundlichkeit der Welt; es gibt sie nicht, es gibt nur ein Minimum für jeden, eine Windel und zwei Hände Erde. Die Zustimmung zur eigenen Existenz hält sich in Grenzen; das Beste ist noch, dass man anderen gleichgültig ist (V. 11) – wenn es schlimm ist, stößt man auf Ablehnung („weinten über euch“, V. 12).

In Strophe 4 blickt der Sprecher dann voraus auf das Ende. Er peilt also drei Punkte im Leben eines jeden an: die ärmliche Geburt, die gegenwärtige Gleichgültigkeit der anderen, das dürftige Begräbnis am Schluss. Das macht als Fazit von der Freundlichkeit der Welt: Es gibt sie nicht. Noch heute reiben sich christliche Verkündigung und christlicher Religionsunterricht an dieser Position.

Die vier Strophen bestehen aus vier Versen mit fünfhebigem Trochäus, die wegen der männlichen Kadenz alle hart, mit einer kleinen Pause enden; durchweg fallen Versende und Satzende zusammen (außer V. 1 und V. 13). Sie sind im Paarreim aneinander gebunden. Diese Verbindungen sind semantisch sinnvoll, sei es als Entsprechung (kalter Wind / nacktes Kind, V. 1/2), sei es als Gegensatz (die Welt geliebt / zwei Hände Erde gibt, V. 15/16).

Das Gedicht ist ein Zeugnis von der existenziellen Unbehaustheit des Menschen; meist bekommen die frühen Gedichte Brechts das Prädikat „Nihilismus“ aufgeklebt. Der späte Brecht hat ein Gegenlied zu diesem Gedicht geschrieben, wo er eine sozialistische Perspektive zur Geltung bringt, also unsere ärmliche Situation in der Welt den Ausbeutern zurechnet und von der menschlichen politischen Arbeit Verbesserung erhofft:

„Besser scheint’s uns doch, aufzubegehren

Und auf keine kleinste Freude zu verzichten

Und die Leidenstifter kräftig abzuwehren

Und die Welt uns endlich häuslich einzurichten.“

Analyse

http://www-zeuthen.desy.de/~naumann/talks/lit/brecht+tod.doc (Brecht und der Tod)

http://www-zeuthen.desy.de/~naumann/talks/lit/brecht+bibel.doc (Brecht und die Bibel)

http://gallisto.wordpress.com/2012/03/30/zur-logik-einer-metapher/ (Kälte als Metapher)

http://www.spruch-archiv.com/completelist/seite-2/?query=k%C3%A4lte (Sprüche mit „Kälte“)

http://kgg.german.or.kr/kr/kzg/kzgtxt/82-05.PDF (Kälte als Metapher der Modernisierung)

http://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-3513/1513.pdf (ähnlich)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=yOH9nvF6m6U

http://www.youtube.com/watch?v=sYmBvG6QZGg (Ernst Busch)

http://www.youtube.com/watch?v=pKAJM4dFkRo (Ernst Busch, mit „Gegenlied“)

Rezeption

http://bibelkommentar.org/index.php?title=Bertold_Brecht_-_Von_der_Freundlichkeit_der_Welt

http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz00_03/text03.htm

http://scheinbar.deviantart.com/journal/Von-der-Freundlichkeit-der-Welt-Bert-Brecht-232025022

http://innereskind.blogspot.de/2008/12/bertolt-brechts-von-der-freundlichkeit.html

http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=187

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