Brecht: Die Legende vom toten Soldaten – Analyse

Und als der Krieg im vierten Lenz…

Text

http://www.totentanz-online.de/medien/musik/brecht.php

http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?lang=it&id=4687

http://www.magyarulbabelben.net/works/de/Brecht,_Bertolt/Legende_vom_toten_Soldaten

„Die Legende vom toten Soldaten“ dokumentiert Brechts Wendung zu einer moderneren, parodistischen, gar grotesk-satirischen Schreibweise. Sie ist vermutlich im Frühjahr 1918 entstanden (Brecht nennt auch 1917 als Entstehungsjahr): Ludendorff sammelte damals die letzten Reste deutscher Männer als Soldaten ein. „Die Siebzehnjährigen und die Fünfzigjährigen wurden eingekleidet und an die Fronten geschickt. Das Wort kv, welches bedeutet kriegsverwendungsfähig, schreckte noch einmal Millionen von Familien. Das Volk sagte: Man gräbt schon die Toten aus für den Kriegsdienst.“ (Brecht) Diese Redewendung ergibt das Motiv der Ballade, welches bereits andeutungsweise von Bürgers Schauerballade „Lenore“ (drittletzte Strophe) und Heines Gedicht „Die Grenadiere“ (letzte Strophe) realisiert wurde. Brecht trug die „Legende“ selber im Dezember 1921 im Berliner Kabarett „Wilde Bühne“ vor und verursachte einen Skandal. Als „Die Ballade vom toten Soldaten“ wurde die „Legende“ in „Trommeln in der Nacht“ nach dem 5. Akt (gedruckt und) vorgetragen (Uraufführung 1922); 1927 erschien sie als letztes Gedicht in der 5. Lektion der „Hauspostille“, 1933 als Eingangsgedicht in „Lieder Gedichte Chöre“.

„Sie zählt zweifellos zu den bedeutendsten Gedichten Brechts und zu den folgenträchtigsten des 20. Jahrhunderts: Die ‚Legende vom toten Soldaten’. Fester Bestandteil der Kabarettprogramme der zwanziger  Jahre und beinahe vom Bekanntheitsgrad eines Schlagers, war sie von  außerordentlich großer Wirkung und rief einen Skandal nach dem anderen hervor. Kein geringerer als Kurt Tucholsky attestierte, dass es den Preußen noch keiner so gegeben habe, wie Brecht mit seiner  ‚Legende’. Sie sollte in die Taschenpostille aufgenommen werden,  die angeblich nicht realisiert werden konnte, weil 1926 Gesellschafter  des Kiepenheuer-Verlages das Gedicht ablehnten. Vor seinem großen Durchbruch mit der Dreigroschenoper war Brecht auch in der  Literaturwissenschaft, obwohl Baal und Trommeln in der Nacht Aufsehen erregten, in erster Linie durch die ‚Legende’ ein Begriff. Doch die Reaktionen waren auch konkret politischer Natur: Es wurde  nicht nur ein Strafverfahren wegen Blasphemie gegen Brecht angestrengt, sondern er zog sich auch frühzeitig den Hass der  Nationalsozialisten zu. Der ,Stückeschreiber’ soll bereits 1923, also  im Jahr des Hitler-Putsches, auf eine ,schwarze Liste’ geraten sein, auf  der Personen genannt waren, die nach der Machtergreifung inhaftiert  werden sollten. Zwischen der ‚Legende vom toten Soldaten’ und  Brechts Emigration besteht damit ein ursächlicher Zusammenhang:  Schon der etwa zwanzigjährige Autor stellte 1917 oder spätestens 1918 die Weichen, indem er mit diesem Gedicht eine Situation herbeiführte, die einen Verbleib in Deutschland nach 1933 unmöglich machte, wollte er nicht sein Leben aufs Spiel setzen. Und so ist es nur  folgerichtig, dass 1935 seine Ausbürgerung vom Reichsinnenministerium auch mit der ‚Legende’ begründet wurde…“ (Jürgen Hillesheim, 2003)

In der ‚Anleitung’ zur Hauspostille weist Brecht darauf hin, dass er das Gedicht zum Gedenken an Christian Grumbeis verfasst habe; wahrscheinlich ist es so, dass sich hinter „Grumbeis“ Brechts Freund Caspar Neher verbirgt, der 1917 als Soldat verschüttet wurde – siehe das Augsburg-Wiki (Links).

In den beiden Referaten von der Uni Würzburg und in Brigitte Elisabeth Albrechts Arbeit liegen drei Analysen vor, die einigermaßen ordentlich, aber nicht fehlerfrei sind. Wenn man sich mit ihnen anhand des Textes auseinandersetzt (sicher liegt z.B. keine Chevy-chase-Strophe vor, sicher handelt der Militärarzt nicht aus Angst usw.), kommt man zu einer brauchbaren Analyse. Ich möchte zum elementaren Verständnis nur den Aufbau der „Legende“ untersuchen und ihren Charakter als Satire darlegen – den Rest kann jeder selber mit Hilfe der drei genannten kurzen Untersuchungen verstehen.

  1. Wie ist „Die Legende vom toten Soldaten“ aufgebaut? Wir haben einen Sprecher vor uns, der nicht persönlich in Erscheinung tritt, sondern einfach erzählt, wie ein Toter („der Soldat“, ohne Namen, quasi eine Gattungsbezeichnung) wieder ausgegraben und gemustert wurde und wie er dann in einem Zug vor begeisterten Zuschauern wieder an die Front gebracht wurde. Es handelt sich offensichtlich um den 1. Weltkrieg, der im August 1914 begann (der 5. Lenz, Str. 1, wäre eigentlich Frühjahr 1919); die „Farben Schwarz-Weiß-Rot“ (Str. 11) sind die Farben der deutschen Nationalflagge (1871-1919). In Str. 1 wird die Vorgeschichte berichtet: Der Soldat stirbt; in Str. 2 wird die Ausgangssituation beschrieben, dass der Kaiser den Soldaten noch nicht als gestorben abschreiben will. In Str. 3-8 wird erzählt, wie der Soldat wieder ausgegraben, gemustert und in Marsch gesetzt wird; es folgt ab Str. 9 die Beschreibung des Zuges an die Front – vielleicht ist dieser Zug eine Parodie der deutschen Kriegsbegeisterung von 1914. Zum Schluss hat Brecht einige Mühe, den Erzähler zu Ende kommen zu lassen: Ab Str. 17 weiß der Erzähler nichts Neues zu berichten; er wiederholt in Str. 17 (V. 1) den 1. Vers von Str. 15 und flicht das Motiv des Nicht-gesehen-Werdens ein, das er in Str. 18 wiederholt, um nur die Sterne (vgl. Str. 6) als Zuschauer (oder Nicht-Zuschauer?) zu benennen. In Str. 19 werden die Sterne ausgeknipst, es kommt „ein Morgenrot“ (hätte dieses eine semantische Funktion, müsste der Krieg beendet werden o.ä. – so ist es nur eine Verlegenheitslösung, um ein Reimwort für „Heldentod“ zu kriegen), worauf der Erzähler endlich zum Ende kommen und den Soldat in den gereimten „Heldentod“ ziehen lassen kann. Damit ist dann die Klammer „Heldentod“ (Str. 1/19) geschlossen: Der Soldat stirbt zweimal den Heldentod.
  2. Wieso ist das Gedicht eine Satire? Von den Merkmalen satirischen Erzählens (https://norberto68.wordpress.com/2011/02/21/satiren-schreiben-mit-beispielen/) kann man mehrere finden: Sachlich unmöglich ist es, dass ein Toter erneut gemustert und als kv befunden wird (Str. 4, 5); es gibt keine geweihten Spaten (Str. 4: Spaten/Weihe passen nicht zusammen); ein Krieg kann nicht gar (gekocht) sein, Str. 2 (wieder divergierende Elemente); man kann nicht selber aktiv den Heldentod sterben (Str. 1 – den erleidet man); das Leichenhemd in Schwarz-Weiß-Rot ist ein Unding (Str. 11); der stinkende Soldat (Str. 8, offene Wertung); der weihräuchernde Pfaffe (Str. 8 – bloß komisch); alle Weiber (Str. 15 – eine Übertreibung), usw. Der Zug ist vielleicht die Parodie einer Prozession und verspottete dann das Zusammenwirken von „Thron und Altar“ im Krieg, sicher ist er auch ein satirisches Bild des begeisterten Zugs der Kriegsfreiwilligen 1914 an die Front. – Es wäre also unsinnig, das Handeln der Figuren psychologisch „verstehen“ zu wollen; man muss die Erzählung als Satire lesen und fragen, was wie kritisiert wird: der Zynismus der Obrigkeit beim Umgang mit Toten und Rekruten, die dumme Kriegsbegeisterung der Betroffenen und der Frauen, die Willfährigkeit von Ärzten und Pfarrern in der Zubereitung des Menschenmaterials.

Es könnte sein, dass die Ratzen (Str. 14) eine Reminiszenz an Heines Gedicht „Die Wanderratten“ sind. – George Grosz hat 1919 eine Karikatur publiziert („Die Pleite“, Berlin 1919, Heft 3, S. 3), die eine militärärztliche Kommission bei der Untersuchung eines Gerippes zeigt, das dann k.v. wird. – „Die Legende vom toten Soldaten“ wirkt bis heute fort.

http://www.phil1.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010200/user_upload/Mitarbeiter/Will/ss2007_ps_02_legende.pdf (Referat Uni Würzburg – aus Gründen des Datenschutzes nicht mehr greifbar)

http://www.phil1.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010200/user_upload/Mitarbeiter/Will/ss2007_ps_01_legende.pdf (dito)

http://repositories.tdl.org/ttu-ir/bitstream/handle/2346/21565/31295012156740.pdf?sequence=1 (Brigitte Elisabeth Albrecht, 1997, S. 77 ff., konkret S. 81 ff.)

Legende vom toten Soldaten. Von Klaus Schumann, in: Interpretationen. Gedichte von Bertolt Brecht, hrsg. von Jan Knopf, 1995, S. 15 ff.

http://www.augsburgwiki.de/index.php/AugsburgWiki/AutorUndLyrischesIch (biografischer Hintergrund des Gedichts)

http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/bue_ga04.html (Bürger: Lenore, 1773)

http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/hei_h79.html (Heine: Die Grenadiere, 1816)

http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/Heine/ratten.htm (Heine: Die Wanderratten)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=-JkLzeOROjI

http://www.youtube.com/watch?v=bTe9oU82bhM (EMMA)

http://www.youtube.com/watch?v=VkSPIDrXD94 (Ernst Busch)

= http://www.youtube.com/watch?v=tQPiuxe-a_I (Mit Bild von George Grosz)

http://www.youtube.com/watch?v=2UcOzOdaXWc (Kurt Weill, 1929)

http://www.youtube.com/watch?v=vNWDiD5NLE0

Rezeption

http://www.textlog.de/tucholsky-bert-brecht.html (Besprechung der „Hauspostille“ durch K. Tucholsky)

http://de.wikipedia.org/wiki/Legende_vom_toten_Soldaten

http://skd-online-collection.skd.museum/de/contents/show?id=1284254 (Figuren: Puppentheater)

http://www.arbeiterbund-fuer-den-wiederaufbau-der-kpd.de/Archiv/Aktionen/Legende/1986%5BN%5D_Pressespiegel_LEG-Nuernberg.pdf

http://www.himmlischevier.de/flugschrift/legende.shtml

http://www.himmlischevier.de/Presseecho/index09.shtml

http://www.servat.unibe.ch/dfr/bv071158.html (Gerichtsurteil)

http://www.himmlischevier.de/flugschrift/einleitung.shtml

Sonstiges

http://www.augsburgwiki.de/index.php/AugsburgWiki/BertoltBrechtsSchulzeitUndJugendInAugsburg (Brechts Augsburger Zeit)

http://www.augsburg.de/index.php?id=3007 (Biografie Brechts)

www.spiegel.de/spiegel/print/d-44449734.html („Der Spiegel“ 1950 über Brecht)

http://oumanequalsman.blogspot.com/2010/10/george-grosz.html (Bild: George Grosz: The Faith Healers [Die Gesundbeter] or Fit for Active Service)

http://www.flickr.com/photos/brittanyfoulger/5769336215/in/photostream (dito)

One thought on “Brecht: Die Legende vom toten Soldaten – Analyse

  1. Pingback: Brecht: Ballade von der Billigung der Welt – Analyse | norberto42

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s