Brecht: Kinderkreuzzug – Analyse

In Polen, im Jahr Neununddreißig…

Text

http://www.rezitator.de/get/shows/105.pdf (35 Strophen)

http://www.aduc.it/generale/files/allegati/Kinderkreuzzug_allegato.pdf

http://ciml.250x.com/archive/literature/german/brecht_kalendergeschichten.pdf (Text der „Kalendergeschichten“, dort S. 53 ff. die Fassung mit 42 Strophen)

Brechts „Kinderkreuzzug“ ist 1941 entstanden und erstmals 1942 in „The German American“ gedruckt worden. Nachträglich widmete er das Gedicht Margarete Steffin. Brecht bemühte sich vergeblich um eine Vertonung durch Kurt Weill. In erweiterter Fassung ging das Gedicht 1949 in die „Kalendergeschichten“ ein.

Die Überschrift „Kinderkreuzzug“ verfremdet das erzählte Geschehen – einen Kinderkreuzzug soll es 1212 gegeben haben, als Kinder (und sozial Schwache) in Scharen aufbrachen, um ohne Waffengewalt ins Heilige Land zu gelangen; das Unternehmen scheiterte kläglich. Im Gedicht wird von einem Zug hilfloser Kinder im Zweiten Weltkrieg erzählt, der ebenfalls mit dem Tod der Kinder endet. – Ein so langes Gedicht (35 Strophen bzw. 42) kann hier nur in Ansätzen analysiert werden; ich orientiere mich an der ersten Fassung und sage zum Schluss etwas zur Erweiterung von 1949.

Es erzählt ein Ich-Erzähler (Str. 28-31; „mir“ in Str. 17 und 18 ist ein dativus ethicus: ein freier Dativ, der anzeigt, wer gefühlsmäßig an einer Handlung beteiligt ist), der sich aber meist zurückhält. Zuerst wird eine Rahmenerzählung vorgebracht, in der das Geschehen situiert wird: Polen, im Jahr (19)39 – der deutsche Polenfeldzug mit seinen blutigen Folgen (Str. 1 f.). Die Personen werden als Typen erwähnt: die Schwester, die Frau usw., es „fand das Kind seine Eltern nicht mehr“ (Str. 2; dieser Vers ist der Ausgangspunkt der späteren Erzählung). Darauf wird erwähnt, dass man sich im Osten „eine seltsame Geschicht[e]“ (Str. 3) von einem Kinderkreuzzug erzählt, „der in Polen begonnen hat“ (Str. 4). Damit ist auch die Quelle der folgenden Geschichte benannt.

  • Zunächst werden die Kinder vorgestellt (Str. 5 und 6): Hungrige Kinder tun sich zusammen und wollen in ein Land kommen, „wo Frieden war“ (Nachtmahr: Alptraum). Das rechtfertigt die Bezeichnung „Kinderkreuzzug“.
  • Es werden einzelne Figuren des Zugs exemplarisch vorgestellt (Str. 7-11): der kleine Führer, der selber den Weg nicht weiß; die überforderte Elfjährige; ein kleiner Jude, der sich an die Not gewöhnt; ein dünner Grauer (hier wertet der Erzähler: schreckliche Schuld des Nazis); ein Hund, den man aus Mitleid durchfüttert (der wird zum Schluss noch gebraucht, Str. 32 ff.).
  • In Str. 12-18 werden einzelne (mit der einleitenden Floskel: „Da war [auch]…“, Str. 12, 13, 15) Ereignisse erzählt: „Friede“ wird nicht zu Ende geschrieben; eine junge Liebe kann nicht bestehen; das Begräbnis des kleinen Juden (Str. 15/9: der samtene Kragen) zeigt, wie die hohlen Worte von „Glaube und Hoffnung“ keinen satt machen, so dass die Kinder sich nur durch Diebstahl ernähren können. Bei der Erzählung vom Begräbnis, Str. 15-18, ist die Gemengelage von Utopie und Not, Diebstahl und verweigerter Hilfeleistung als unentwirrbar beschrieben; der Erzähler lehnt jede Kritik der notgedrungen „unfreundlichen“ Handlungen ab („Und keiner schelt…“, Str. 17 und 18). Sodann wird der Zug der Gruppe beschrieben (Str. 19-27), „vornehmlich nach Süden“ (Str. 19) – „Süden“ bedeutet Wärme und neues Leben; aber der Zug kann dort nicht ankommen. Ein verwundeter Soldaten hat ihnen die Richtung „nach Bilgoray“ (Str. 21 – Stadt an der Grenze des von Deutschen besetzen Polen zur Ukraine) gewiesen; weil jedoch die Wegweiser verdreht sind, können sie es nicht finden. – Hier meldet sich der Erzähler mit Erklärungen mehrfach selber zu Wort („Muß stark gefiebert haben“, Str. 21; „Das war nicht etwa ein schlechter Spaß…“, Str. 23) –  Der kleine Führer (vgl. Str. 7), der selber den Weg nicht weiß, gibt den Kindern blindlings eine Richtung vor (Str. 24). Als weitere Stationen am ziellosen Weg werden ein Feuer, drei Tanks  und eine Stadt genannt (Str. 25, 26); dann wird berichtet, wo man die Kinder zuletzt gesehen hat („Wo einst das südöstliche Polen war“, Str. 27; durch den Hitler-Stalin-Pakt war es der Sowjetunion zugesprochen worden).
  • Der Erzähler unterbricht seine Erzählung und berichtet von seinen Gedanken (Str. 28-31), von dem, was er sieht, „Wenn ich die Augen schließe“ (Str. 28): Er sieht die Kinder im verwüsteten Land wandern, und er sieht dann viele weitere ähnliche Züge: Vision einer Unzahl von Zügen hilf- und heimatloser Kinder in der ganzen Welt – ohne dass es ausdrücklich gesagt würde, ist das eine Anklage der verbrecherischen imperialistischen Politik, die aus Kindern heimatlose Waisen macht.
  • Es folgt der lakonische Schluss des Berichtes vom gescheiterten Kinderkreuzzug (Str. 32-35): Es wurde besagter Hund (Str. 11) gefangen, der eine Papptafel mit „Bitte um Hilfe!“ (Str. 33) trug und Retter zu den Kindern rufen sollte. Danach ist Schluss: „Seitdem sind eineinhalb Jahre um. / Der Hund ist verhungert gewesen.“ (Str. 35) Der Erzähler ist in seine Gegenwart zurückgekehrt, die Kinder sind zugrunde gegangen.

Die Sprache des Erzählers ist einfach; die 35 Strophen bestehen jeweils aus vier Versen, von denen sich der zweite und vierte reimen. Die Verse bilden öfter eine Sinneinheit; zwei Verse bilden durchweg einen Satz. Ein Metrum ist nicht erkennbar.

In den „Kalendergeschichten“ sind sieben Strophen in den Text eingeschoben, und zwar (in der 42er-Zählung) die Strophen 10, 12, 15, 18-21. Diese Strophen haben insgesamt einen anderen, beinahe heiteren Tonfall; in ihnen werden mehr oder weniger sinnlose Ereignisse (von scheiternden Bemühungen) erzählt, die allesamt mit dem Kinderkreuzzug nichts zu tun haben. Ich nenne als Beispiel Str. 21:

Da war auch ein Gericht

Und brannten zwei Kerzen lichter,

und war ein peinliches Verhör.

Verurteilt wurde der Richter.

Wie die großen Brecht-Exegeten diese sieben Strophen erklären [in der alten Strophe 16 ist zudem „Kommunist“ durch „Sozialist“ ersetzt worden], überlasse ich ihnen gerne – wir sollten uns mit den 35 Strophen der ersten Fassung begnügen. In denen wird klar, welche schrecklichen Folgen der deutsche Angriff auf Polen hatte – das zu zeigen ist der Sinn des Gedichts. Der emeritierte Professor Dr. Olschowsky hat untersucht, wie sich der Hitler-Stalin-Pakt im Gedicht spiegelt („Wo einst das südöstliche Polen war…“ Bertolt Brecht und der Hitler-Stalin-Pakt, in: Osteuropa, 2011, 61. Jg., Heft 4, S.71-84); das gehört zu den Feinheiten, über die wir beim ersten  Verstehen hinwegsehen dürfen.

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/996/

http://lyrics.lucywho.com/kinderkreuzzug-1939-lyrics-bertolt-brecht.html (gut)

http://www.youtube.com/watch?v=kJHjEGDML9Y

Rezeption

http://www.ruhrnachrichten.de/lokales/dortmund/westen/Knabenchor-fuehrt-Brechts-Kinderkreuzzug-in-Dorstfeld-auf;art2577,1684519

http://www.sicus.de/sic205.htm

http://www.fsg-ruethen.de/html/homepage2000-2005/Vergangenes/2001_02/Kreuzzug/Kinderkreuzzug.htm

http://www.posterlounge.de/zu-brechts-kinderkreuzzug-pr142840.html

http://meinfigaro.de/inhalte/1b16fbb46ea5ca25-619bf61cef52c335

http://www.ralfgawlick.com/Ralf_Gawlick_Kinderkreuzzug.html

http://vimeo.com/13072637

http://www.theaterkonstanz.de/tkn/aktuelles/05156/index.html

http://gemeinden.erzbistum-koeln.de/export/sites/gemeinden/kirchengemeindeverband_ruppichteroth/PDF_Dateien/Gedanken_WW_2011_05.Ostersonntag.pdf

Kinderkreuzzug

http://www.zeit.de/2012/15/Jaspert-Kinderkreuzzug

http://www.hansjurt.ch/text/Kinderkreuzzug1-Dateien/kinderkreuzzug.pdf

http://www.milger.de/kinderkzz.htm

http://gedichte.xbib.de/Bechstein_gedicht_098.+Der+Kinder-Kreuzzug.htm (Bechsteins Gedicht zeigt, wie traditionell über den Kinderkreuzzug gedichtet wurde.))

Sonstiges

http://www.deutsche-und-polen.de/ereignisse/ereignis_jsp/key=hitler-stalin-pakt_1939.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-sowjetischer_Nichtangriffspakt

http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/kriegsverlauf/polen/index.html (Polenfeldzug 1939)

http://unsere.de/polenfeldzug.htm (dito)

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