Brecht: Die Maske des Bösen – Analyse

An meiner Wand hängt ein japanisches Holzwerk…

Bild

http://www.reformiert-info.de/daten/Image/Bild_Upload_Orig/6233_org.jpg

Text

http://home.foni.net/~g-erx/htdocs/bb.html

http://mythopoeia.garten-eden.org/index.php/mythos/lyrik/7-die-maske-des-boesen

http://www.tagesspiegel.de/kultur/maske-des-boesen/737848.html

Das Gedicht ist im September 1942 entstanden; Brecht schrieb es zusammen mit anderen Kurzgedichten, „in denen er kritisch seine Eindrücke von seiner näheren Umgebung im amerikanischen Exil spiegelt“ (Edgar Marsch). Sie waren für Hanns Eisler bestimmt, der sie als „Hollywood-Elegien“ vertonte. Brecht nahm das Gedicht in „Gedichte im Exil“ auf, die er 1944 hektografiert als Weihnachtsgeschenk an seine Freunde verschickte. Gedruckt wurde das Gedicht 1949 in „Sinn und Form. Sonderheft Bertolt Brecht“.

Der Ich-Sprecher, in dem man hier Brecht selbst erkennen darf, beschreibt eine Holzmaske, die in Brechts Arbeitszimmer hing – das Bild aus dem Link oben ist nicht die Maske des Brecht-Hauses.

Aufbau des Gedichts: Um eine verkürzte Mittelzeile (V. 3) sind zwei Doppelverse gelagert; eine solche Mittelzensur ist ein Merkmal fernöstlicher Lyrik (Rebecca Utz). In den beiden ersten Versen beschreibt der Ich-Sprecher („sehe ich“, V. 3), was er an der Wand seines Arbeitszimmer sieht, also täglich sieht, wenn er es nicht übersieht: die japanische Maske des bösen Dämons. Was im ersten Vers noch allgemein beschrieben ist, wird in V. 2 spezifiziert; der Zeilenschnitt trennt die Abstufung in der Genauigkeit des Benennens.

„Mitfühlend sehe ich“ (V. 3) eröffnet eine neue Dimension des Holzwerks: In der Maske sieht das Ich noch etwas, was sich erst im Mitfühlen erschließt; das Ich fühlt mit dem bösen Dämon das mit, was dessen Maskengesicht ausdrückt (bzw. dem Ich auszudrücken scheint): „Wie sehr es anstrengt, böse zu sein.“ (V. 5) Was sieht das Ich? Es sieht, dass es einfacher und damit richtiger oder besser ist, nicht böse zu sein. Was aber heißt „böse sein“? Das wird in der Kürze des Gedichts nicht erklärt; es könnte heißen: jemandem böse sein, also zornig sein – dafür spricht der Hinweis auf die geschwollenen Stirnadern (V. 4). Anderseits ist ein böser Dämon, Gegenspieler guter Schutzgeister, ein Wesen, das Menschen Schaden zufügt, weil es eben „böse“ ist [wobei das Erkennen vermutlich umgekehrt verläuft: Weil es Schaden zufügt, muss es wohl böse sein]. Im Gedicht kommt man mit beiden Deutungen weiter: Es ist anstrengend, zornig zu sein; es ist anstrengend, (aus Bosheit) anderen Schaden zuzufügen. Die Brecht’sche Gegenkategorie ist Freundlichkeit.

Dass böse zu sein anstrengend ist, sieht das Ich an den geschwollenen Stirnadern, wenn es den Zustand, geschwollene Stirnadern zu haben, mitfühlt (V. 3 f. – das Partizip „andeutend“ plus Zeilenschnitt leitet vom Bild zum Sinn über, es erschließt das Partizip „mitfühlend“: Was die Maske andeutet, fühlt das Ich mit). Damit läuft die Tendenz des Gedichtes dahin, dem Leser zu sagen: Besser geht es dir (dir selber!), wenn du keine geschwollenen Stirnadern hast, wenn du nicht böse bist.

Die Haltung dieses Gedichts findet sich auch in der Replik Shen Tes auf die Witwe Shin: „Warum sind Sie so böse? / Den Mitmenschen zu treten / Ist es nicht anstrengend? Die Stirnader / Schwillt ihnen an, vor Mühe, gierig zu sein. / Natürlich ausgestreckt / Gibt eine Hand und empfängt mit gleicher Leichtigkeit. Nur / Gierig zupackend muß sie sich anstrengen…“ (7. Bild in „Der gute Mensch von Sezuan“)

Ulrich Kittstein (Das lyrische Werk Bertolt Brechts, 2012, S. 11 f.) bestimmt den Gestus Brecht’scher Gedichte „als verfremdendes Zeigen“: „Die ersten beiden Zeilen [dieses Gedichts] übernehmen die Aufgabe, ein Objekt der Kunst ›vorzuzeigen‹, eine ostasiatische Holzmaske nämlich, wie sich deren mehrere in Brechts Besitz befanden. Der zweite Teil des Textes lässt dann eine Deutung des Artefakts durch den Sprecher folgen, die an seine affektive Reaktion auf den Anblick der Maske anknüpft und eine massive Verfremdung mit sich bringt. Kernstück dieses Effekts ist das Wort »Mitfühlend«, das im abrupten Bruch mit dem Gewohnten und Vertrauten eben jene produktive Irritation bewirkt, als die wir Verfremdung definiert haben und die Brecht als notwendigen Ausgangspunkt eines jeden Reflexions- und Lernprozesses betrachtete.“

Interpretation: Die ganze Bedeutung von „böse sein – freundlich sein“ erschließt sich erst aus dem Gesamtwerk Brechts; ich empfehle, daher den weiterführenden Links zu folgen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Hollywooder_Liederbuch (Eislers Liederbuch)

http://home.arcor.de/suenning/Sql/sezuan.doc (Inhalt und Interpretation „Der gute Mensch von Sezuan“)

http://sammelpunkt.philo.at:8080/79/1/brecht3.htm (Interpretation im Rahmen der Philosophie Brechts)

Rezeption

http://www.fischerverlage.de/media/fs/308/LP_978-3-596-17860-5.pdf (dort S. 9 f. – zugleich Deutung) = http://www.tagesspiegel.de/zeitung/frauen-und-maenner-gib-alles/1930712.html

http://www.viel-coaching.de/letter/Coaching-Letter-11-05.pdf (dort S. 2-4, zugleich eine Art Interpretation)

http://www.angedacht.info/2010/06/lachelnd-den-tag-beginnendie-maske-des.html

http://www.reformiert-info.de/6233-0-84-9.html

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