Brecht: Vom Klettern in Bäumen – Analyse

Wenn ihr aus eurem Wasser steigt am Abend…

Text

http://www.physiologus.de/klettern.htm (Text 4)

http://studiolo2.tumblr.com/post/31287736745/vom-klettern-in-baumen-1-wenn-ihr-aus-eurem

Hanns Otto Münsterer (Erinnerungen und Gespräche mit Bert Brecht, 1963, S. 117) hat berichtet, dass Brecht und seine Freunde 1919 an heißen Nachmittagen im Bach geschwommen sind, nackt im Gras gelegen haben oder auf Bäume geklettert sind, „wie es in einem der Evangelien heißt, das Brecht mir am 11. Juni [1919] dort vorliest“ (in der „Hauspostille“ sind 1927 aus den Evangelien „Exerzitien“ geworden). Das Gedicht ist 1919 entstanden, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, und 1926 erstmals gedruckt worden (in „Das Tagebuch“, Berlin, Heft 48).

Ein Sprecher, der sich nie selber nennt, spricht (junge) Leute mit „ihr“ (V. 1) und gibt ihnen Anweisungen oder Ratschläge („ihr müßt“, V. 2; Imperative, z.B. „steigt“, V. 3; „sollt ihr“, V. 14; Indikativ, V. 11), wie sie in die Bäume klettern sollen. Die Anweisungen laufen darauf hinaus, eine vollkommene Einheit mit dem Baum zu gewinnen, also ihm „so wie sein Wipfel sein“ (V. 15), um von ihm wie sein Wipfel im leichten Nachtwind gewiegt zu werden (V. 16) – in diesem Gewiegtwerden wäre dann die Zeit aufgehoben („Seit hundert Jahren abends“, V. 16), wäre also das Glück oder die Seligkeit erreicht.

Dieses Glück ist freilich nur durch sorgfältige Vorbereitung, sozusagen durch Arbeit zu gewinnen: Die Kletterer (Alte kommen für solche Aktionen ohnehin nicht in Frage) müssen selber gut vorbereitet sein (nackt sein, weiche Haut haben, V. 2), müssen die richtigen Bäume aussuchen (V. 5 f.), die zu ihnen gehören (euer Wasser, V. 1; eure großen Bäume, V. 3), und die Nacht abwarten – dann ist nichts mehr zu sehen, dann ist jeder auf sein Spüren gestellt. Nach der Anstrengung (V. 9-12) sollen die Kletterer sich dann dem Baum überlassen, also nicht selber wippen (V. 14): „Es ist ganz schön, sich wiegen auf dem Baum!“

Beim zweiten Nachdenken fällt einem Goethes Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh’“ ein; da geht es um ein ähnliches Gefühl der Einheit mit der Natur, allerdings um eine Ruhe, die sich von selbst einstellt, nicht durch eigenes Bemühen, sondern durch Warten.

Brechts Gedicht besteht aus zwei Strophen zu acht Versen, von denen sich jeder zweite mit dem vierten, der 6. mit dem 8. reimt. Das Metrum ist ein fünfhebiger Jambus, öfter mit einer nachklingen Silbe (weibliche Kadenz), was ein zügiges, doch kein schnelles Sprechen ergibt. Häufig endet der Satz nicht mit dem Vers; leider gibt es keinen Vortrag im Internet – das Gedicht ist nicht leicht sprechen, die Vertonung plus Gesang durch das Schné-Ensemble überzeugt mich nicht. Die Sprache ist Hochsprache, mit Erinnerung an Poesie (Gipfel – Wipfel, zerkerben, Mahr und Fledermaus). „Mahr und Fledermaus“ (V. 8) können nur als Qualität nächtlicher Natur allgemein, nicht als Dimension des Erlebens gemeint sein: Mahr ist nämlich ein „Nachtgespenst, das den Schlafenden quält“ (DWDS); mit der Fledermaus werden oft dämonische, lichtscheue Wesen in Verbindung gebracht – würden Mahr und Fledermaus von den Kletterern so erlebt, wäre es denen nicht möglich, sich dem Wiegen des Baumes zu überlassen.

„An reiner Lyrik scheint mir das Schönste – neben dem Baum Green – dies Doppelbildnis zu sein ›Vom Klettern in Bäumen‹ und ›Vom Schwimmen in Seen und Flüssen‹. Hier ist das erreicht, was die Mahagonny-Männer mit viel Geschrei und deutschem Whisky niemals erreichen –: hier löst sich das Gedicht in Landschaft, der Mensch in Natur auf. Gegen einen bleichen, unbeteiligten Himmel steht schwarz der Wald, diese Natur ist weder Folie für einen exorbitanten Kerl noch Kulisse noch Altar – sie ist; weiter nichts. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass es im Zeitalter der Kollektivität noch einmal etwas so grenzenlos Einsames, so Losgelöstes geben könnte. Dieser Mensch, der da klettert und schwimmt, ist ganz allein. Während man bei der zünftigen Lyrik nie, niemals das Gefühl los wird: »Ja – aber mit Rente! und was wird, wenn du die nicht hast, alter Parkschlenderer?« – ist hier einer mit sich und neben seinem Gott ganz allein. Dieser Gott schwimmt abends wirklich in den Flüssen, und es ist alles wahr, was in diesem Gedicht steht. Kleines Merkzeichen für sehr große Lyrik: sie will nicht komponiert werden.“ (Kurt Tucholsky: Bert Brechts Hauspostille, 1928, http://www.textlog.de/tucholsky-bert-brecht.html)

Eine größere Interpretation müsste das Baum-Motiv bei Brecht insgesamt würdigen: Sein wahrscheinlich frühestes Baum-Gedicht ist „Der brennende Baum“; dann „Lied vom Geierbaum“ (Wann?). In der „Hauspostille“ gibt es „Morgendliche Rede an den Baum Griehn“, dann „Die Ballade vom Baum und den Ästen“ (in „Lieder Gedichte Chöre“). „Beim mittleren und späten Brecht wird der Garten, im Rahmen einer prinzipiellen Zurückhaltung dem Genre Naturgedicht gegenüber, zu einem wichtigen Motiv.“ (Franz Norbert Mennemeier) In „Lektüre ohne Unschuld“ taucht das Baum-Motiv wieder auf. In „Der Pflaumenbaum“ ist der Baum vermutlich eine politische Metapher geworden.

http://www.theaterderzeit.de/buch/das_angesicht_der_erde/vorwort/ (Brechts Ästhetik der Natur)

Rezeption

http://wir-sind-wald.de/wp-content/uploads/2011/10/fb_b%C3%A4ume_ast+bb.pdf (Geschichten und Gedichte über Bäume)

http://www.lesezeichen-ev.de/presse/archiv/article/literarischer-sommer-im-schlosspark-hummelshain.html (Literaturtage)

http://deutschkursclay2012.blogspot.de/2012_10_01_archive.html (Unterricht)

Vertonung

http://www.youtube.com/watch?v=mewzyarCsj0 (Schné Ensemble)

Sonstiges

http://www.linksnet.de/de/artikel/26530 (Klettern im Neoliberalismus) = http://www.bayern.rosalux.de/fileadmin/ls_bayern/110406_SR_18_SportKulturKultOlympia.pdf

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