Brecht: Vier Aufforderungen an einen Mann

von verschiedener Seite zu verschiedenen Zeiten – Analyse

Hier hast du ein Heim…

Text

http://gramsci.objectis.net/brecht/writings/poems-and-theater/vier-aufforderungen-an-einen-mann-von-verschiedener-seite-zu-verschiedenen-zeiten (mit italien. Übersetzung)

http://www.usc.edu/libraries/archives/arc/libraries/feuchtwanger/exhibits/Brecht/Lesebuch.html (Gedicht 1, 8 und 10 aus dem „Lesebuch“)

Die Gedichte „Aus dem Lesebuch für Städtebewohner“ stehen im Zusammenhang mit Städte-Gedichten, die Brecht seit 1921 geschrieben hat. Brecht wollte die neuen Städte-Gedichte, die er ab 1926 schrieb (darunter auch das Gedicht Nr. 9), zuerst in die „Zweite Lektion“ der „Hauspostille“ aufnehmen; 1928 entstanden außerdem „Proletarische Anekdoten aus dem Lesebuch für Städtebewohner“. Sie wurde mit den Gedichten, der Mahagonny-Oper und dem „Badener Lehrstück vom Einverständnis“ 1930 in „Versuche“ veröffentlicht. Die Gedichte setzen Brechts Großstadterfahrungen in München und vor allem in Berlin voraus, wo er die große Stadt „als Dschungel“ erlebte und zu beschreiben versuchte. Der Titel „Lesebuch“ bestimmt die Sammlung als ein Buch für den Unterricht, und zwar für die Erfahrung der Großstadt; sie ist also Gebrauchslyrik, eine Schule des Überlebens. „Seine Bedingung ist der Verzicht auf Mitmenschlichkeit.“ (Klaus-Detlef Müller) Das Gedicht Nr. 10 erkläre und rechtfertige den Beobachterstatus des Sprechers der Gedichte: Die Sprache der Wirklichkeit erfordere „die Unterdrückung aller für die lyrische Tradition bestimmenden subjektiven Momente, führt zu einer Sachlichkeit, die im Zeichen der Verdinglichung und der Entfremdung steht“ (Klaus-Detlef Müller: Bertolt Brecht: Epoche, Werk, Wirkung. 2009, S. 35) Die Figuren der Gedichte sind nicht Individuen, sondern Typen, sie repräsentieren Verhaltensweisen und soziale Positionen; ihre Sprache ist ein „gestisches Sprechen“ (Dieter Lamping). – Literaturgeschichtlich ordnet man die Gedichte der neuen Sachlichkeit zu.

Das Gedicht Nr. 9, 1926 entstanden, enthält „Vier Aufforderungen an einen Mann von verschiedener Seite zu verschiedenen Zeiten“ zu bleiben. Wer der Mann ist, aber auch was für ein Mann das ist, der keine Bleibe hat, bleibt offen; die Sprecher variieren und weisen sich nur durch die Eigenart ihres Angebots aus. Die Pointe des Gedichts besteht darin, dass die vier Aufforderungen in den vier Strophen sich ähneln, aber abgestuft sind – die Frage ist nur, welche Aspekte und welche Grade der Abstufung man feststellen kann.

  • Sicher ist, dass der dem Mann angebotene Raum von Strophe zu Strophe weniger oder geringer wird: ein Heim (1) / ein Zimmer (2) / eine Schlafstelle (3) / unklar, was ihm bei der Dirne in der Kammer angeboten wird (4).
  • Sicher ist auch, dass die dem Mann gebotenen Möglichkeiten von Strophe zu Strophe abnehmen: sich frei einrichten, über den Schlüssel verfügen (1) / mitarbeiten, einen eigenen Teller haben (2) / gebrauchte Dinge übernehmen, einen Zinnlöffel bekommen (3) / er muss zahlen (4).
  • Schwierig ist es, die Veränderungen in der Aufforderung zu bleiben (jeweils am Schluss der Strophen) zu bestimmen: „Hier bleibe.“ / „Bleibe bei uns.“ / „Bleibe ruhig bei uns.“ / „Du kannst also dableiben.“ Mir scheint die Sicherheit oder Bestimmtheit, mit der er zum Bleiben aufgefordert wird, abzunehmen; eine Abstufung in der Herzlichkeit, gar eine Zunahme der Herzlichkeit (bei Minderung der materiellen Möglichkeiten) kann ich nicht erkennen.

Durch die Konstruktion des Gedichts kommt es zu einer Reihe von Wiederholungen („Hier ist…“ u.a.). Der Mann wird mit „du“ angesprochen, was zumindest im ersten Fall überrascht; da es sich um Aufforderungen oder Angebote zu bleiben handelt, dominieren Imperative (Stelle um, Sage, bleibe usw.), modale Angebote („Du kannst…“) und hinweisende Beschreibungen (Hier ist, Da ist) die Äußerungen. Es handelt sich um reimlose Lyrik in Prosa; bis auf einen Fall (4. Strophe) macht jeweils ein Satz einen Vers aus; sonst ist beim besten Willen nichts Besonderes an der Sprache der Figuren festzustellen. Leider gibt es im Netz keinen Vortrag des Gedichts; man müsste erproben, mit welcher Variation der Stimme man die vier Strophen sprechen kann.

Wenn man nicht in eine Brecht-Verehrung verfallen will, muss man festhalten, dass die vier Aufforderungen nicht typisch für Städtebewohner sind und auch nicht zum Gedicht Nr. 8 passen: „Ihr müßt der ABC noch lernen. / Das ABC heißt: / Man wird mit euch fertig werden.“ Ich meine, dass „ein Heim“ (!), die Mitarbeit im Hof (2) sowie Zinnlöffel und Bottich (3) nicht in die Großstadt passen, sondern eher Requisiten des ländlichen Raums sind; allenfalls die Dirne und ihre Kammer sind großstädtisch – dafür würde ich bei ihr jedoch eher ein Appartement als eine Kammer erwarten; doch bin ich bei dieser Frage leider nicht kompetent.

http://home.arcor.de/nahol/epochen_neuesachlichkeit.pdf (neue Sachlichkeit)

https://norberto42.wordpress.com/2012/09/22/neue-sachlichkeit-in-kunst-und-literatur-links/ (dito)

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