Brecht: Vom Sprengen des Gartens – Analyse

O Sprengen des Gartens, das Grün zu ermutigen!…

Text

http://www.uni-due.de/buenting/seminare/Sprachstil/ThemenTermine/Dateien/09_Laute_03_Strophen_Gedichttypen.pdf (dort als Beispiel für den Hakenstil gebundener Sprache)

http://www.systemagazin.de/serendipity/index.php?/archives/82-Vom-Sprengen-des-Gartens.html (3. Vers ist frei ergänzt, auch sonst fehlerhaft)

„Was ich gern mache, ist das Wässern des Gartens.“ (Brecht: Arbeitsjournal) Das Gedicht ist am 9. August 1943 in den USA entstanden; nach Auskunft Helene Weigels soll Brecht sich entgegen seiner eigenen Aussage nie am Bewässern seines Gartens in Santa Monica beteiligt haben. Es wurde 1943 im „Hollywooder Liederbuch“ von Hanns Eisler vertont.

Der Sprecher bricht angesichts einer ganz normalen Tätigkeit in einen Jubelruf aus: „O Sprengen des Gartens…“ (V. 1) Das Signalwort ist die Interjektion „O“: „O! ein Empfindungslaut, welcher der natürliche Ausdruck zunächst der Verwunderung, hernach aber auch fast aller lebhaften Gemüthsbewegungen mit allen ihren Schattirungen und Unterarten ist. 1) Der Verwunderung, so wohl der Verwunderung überhaupt. O, wie groß das ist! O, welch eine Tiefe! O, das ist zu viel! Als der fröhlichen, angenehmen Verwunderung. O, welch ein Glück! O, wie schön! O, der Entzückung! Weiße. O, was ist der Umgang mit großen Herzen für eine Wollust! Gell. Als auch der unangenehmen. O, welch ein Schmerz! O, welche Schande! O, Himmel! O, der Schande. 2) Einer jeden angenehmen Empfindung, nach allen Graden ihrer Stärke. O, wie mir das Herz schlägt![…](Adelung) Fröhliche, angenehme Verwunderung befällt ihn also – warum?

Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass der den Garten Sprengende, der Wasserverteiler sich in einer göttlichen Position dem Garten gegenüber erlebt. 1. Er ermutigt so das Grün, er ermutigt das Lebendige, wie es GOTT selbst bei der Schöpfung getan hat: „Das Land lasse junges Grün wachsen, alle Arten von Pflanzen…“ (Gen 1,11). 2. Er hilft so dem Durst der Bäume ab: „Du kühlst den brennenden Durst meines Busens, lieblicher Morgenwird! (Goethe: Ganymed; vgl. Ps. 42,3: „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“) 3. Er fordert sich auf, „mehr als genug“ zu geben (V. 2); diese Aufforderung ist für mich der deutlichste Hinweis auf die Qualität seines Handelns (Röm 5,15: Die Gnade Gottes ist den vielen im Übermaß zuteil geworden. – Das entsprechende Stichwort ist perisseía bzw. perisseúein, ein Merkmal göttlichen Handelns.). 4. Selbst das Unkraut soll sein Wasser bekommen, so wie Gott sein Sonne aufgehen lässt über Gerechte und Ungerechte (Mt 5,45).

Nach zwei Jubelrufen angesichts seiner gärtnerischen Tätigkeit (5. GOTT selbst hatte in Eden für den Menschen einen Garten angelegt, Gen 2,8) fordert der den Garten Sprengende sich selbst auf (Imperative „Gib“, V. 2; Vergiß nicht“, V. 3, usw.), reichlich, zu reichlich, überreichlich Wasser zu verteilen: nicht nur an die Bäume, sondern auch an das weniger ertragreiche Strauchwerk (V. 3 f.), selbst an das Unkraut (V. 6) und den nackten Boden (V. 9). – alles wird eigenes erwähnt, damit allem Einzelnen die Fürsorge des göttlichen Gärtners gilt. Die letzte Aufforderung bringt mit dem Verb „erfrischen“ eine 6. Anspielung auf die Bibel: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“, ruft Jesus den Menschen zu (Mt 11,18 als Zitat von Jer 31,25: „denn ich will die müden Seelen erquicken und die bekümmerten Seelen sättigen“).

Ich lese in einem Kommentar, Natureinfühlung und Brüderlichkeit gegenüber der Natur seien im Gedicht gewahrt; zugleich aber trete der Mensch auch in Sorge und Arbeit für die Natur als der Aktive ein. Das ist richtig, ist aber viel zu wenig, wie wir gesehen haben: Der den Rasen Sprengende verrichtet keine Arbeit, sondern vergießt und verschwendet Lebenswasser.

Die Sprache ist feierlich und kunstvoll (Chiasmus in V. 3 f. und V. 7 f.); das Pronomen „du“ (V. 9) steht, abweichend von der üblichen Wortfolge, am Ende des Gedichts und erhält so einen besonderen Akzent: Du sollst diesen göttlichen Wasser-Segen verteilen.

Das Gedicht ist im Hakenstil geschrieben: Syntaktischer Einschnitt und Zeilenende fallen nicht zusammen. Wirkung:

• kurze Sprechpause am Versende, Stimme bleibt oben

• vorwärtsdrängender Rhythmus (nach Prof. Karl-Dieter Bünting).

Brecht hat das Gedicht als eines der schönsten in Amerika entstandenen Gedichte geschätzt.

http://lyrik.antikoerperchen.de/rainer-maria-rilke-der-apfelgarten-bertolt-brecht-vom-sprengen-des-gartens,textbearbeitung,123.html (schülerhafter Gedichtvergleich mit Rilke: Der Apfelgarten)

Vertonung

http://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/Hanns-Eisler-1898-1962-Der-Brecht-und-ich-Hanns-Eisler-in-Gespr%E4chen-Liedern/hnum/8561621

http://www.tvbvideo.de/video/iLyROoafJIPr.html (Klara Czordas singt)

Rezeption

http://www.redworks.info/BRECHT/index.php?tid=41&l0=62&lng=de

http://www.youtube.com/watch?v=6JCEwC1Bg_A (reines Musikstück: Vom Sprengen des Gartens)

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