Brecht: Von der Willfährigkeit der Natur – Analyse

Ach, es kommt ja der Krug mit der schäumenden Milch auch…

Text

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Das Gedicht ist um 1926 entstanden und erstmals in „Hundert Gedichte“ 1951 veröffentlicht worden. Der Sprecher beklagt die von ihm so genannte Willfährigkeit der Natur. „Willfährigkeit“ gehört (nach Wortschatz Uni Leipzig) in die Dornseiff-Bedeutungsgruppen

Willfährigkeit ist demnach eine Art kriecherischen Gehorsams (jemandes Willen bedenkenlos tun, jemandem zu Willen sein). Die Klage ist in dem mehrfach wiederholten „Ach“ zu hören. Das Wort ist nach Adelung (von den 12 Bedeutungen zitiere ich die ersten acht) „eine Interjection, welche der natürliche Ausdruck nicht nur aller Leidenschaften, mit allen ihren Schattirungen, sondern auch aller Gemüthsbewegungen und lebhaften Vorstellungen überhaupt ist. Es ist also, und zwar 1) eigentlich und zunächst, der Ausdruck des Schmerzens, und zwar nach allen seinen Stufen und Abänderungen. Ach, ich Unglücklicher! Ach, wie schmerzet diese Wunde! Ach und weh! Daher die gemeine Redensart, Ach und weh schreyen. In dieser Bedeutung wird Ach! auch zuweilen als ein Substantiv gebraucht, welches indeclinabel ist, und alsdann bedeutet es so wohl den Ausbruch der schmerzhaften Empfindung durch Seufzer, als auch den Schmerz selbst. Mein Ach ist deine Freude. Das Ach, das ihn mitleidig machen soll, Gell. Manich ach Fueget mir dü reine, sang Werner von Teusen, unter den Schwäbischen Dichtern. 2) Der Angst. Ach, wie beklemmt es mir das Herz! Ach, wie schlägt mir das Herz! Ach, ach, ich bin des Todes! 3) Der Furcht. Ach, was wird dieses Anzeichen bedeuten! 4) Des Schreckens. Ach, ein Geist! ein Geist! Ach, mein ganzes Geblüt starret mir in den Adern! Ach, das ist ja erschrecklich! 5) Des Unwillens. Ach, daß ich jetzt nicht Zeit habe, dich nach Verdienst zu strafen! Ach, daß du kalt wärest! Ach, wir brauchen deiner Hülfe nicht! Ach, denken sie mir nur nicht wieder daran! Ach, warum wird er dich denn nicht haben wollen! 6) Des Mitleidens, der Bedaurung. Ach, das ist ewig Schade! Ach, daß der gute Mann gestorben ist! Ach, du armes Kind! 7) Der Wehmuth, des Grames. Ach, liebstes Kind, Julchen wird glücklicher, weit glücklicher, als sie! Gell. Ach, wenn ihr wüßtet, was das gute Kind ausgestanden hat! Weiße. Besonders des zärtlichen Kummers, indem mit seinem Ach und O niemand verschwenderischer umgeht, als die Verliebten. Ach, ich Unglücklicher, wie gut wäre es für mich, wenn ich sie weniger liebte! Ach, werden sie es denn niemahls glauben, wie zärtlich ich sie liebe? 8) Der Klage. Ach, bin ich doch so müde! Ach, die Haussorgen nehmen einen gar sehr mit!“

Unter dem Zeichen dieses klagenden Unwillens, an den sich mehrfach das reihende „Und“ in Spitzenstellung anhängt (oder „So auch“), stehen die Beobachtungen, die der Sprecher als Handlungsweisen der Natur vorträgt – denn nur ein Subjekt, das handelt und anders handeln könnte, kann willfährig sein:

Der Krug mit der schäumenden Milch kommt… (V. 1 f.)

Der Liebe heischende Hund reibt sich… (V. 3 f.)

Ulmen neigen sich… (V. 5 f.)

Blinder Staub empfiehlt dem Vergessen… (V. 7 f.)

Der Wind verwischt Schreie… (V. 9 f.)

Der Wind hebt den Gewandzipfel… (V. 11 f.)

Das wollüstige „Du“ verdeckt… (V. 13 f.)

Der Apfel drängt sich in die Hand… (V. 15 f.)

Das Auge des Kindes glänzt… (V. 17 f.)

Die Busen der Weiber wogen… (V. 19 f.)

Unsere Söhne werfen sich weg… (V. 21 f.)

Der Sterbende kämpft [für fast nichts]… (V. 23 f.)

Was ist das also, was der Sprecher als Willfährigkeit beklagt? Es ist die Tatsache, dass einem Verworfenen (oder Bösen) Gutes zuteil wird, zugeteilt wird, und zwar durch die Natur, sagt die Überschrift. Leider muss man einige dieser Fälle aus der Liste streichen, weil da nicht die Natur handelt, sondern ganz eindeutig Menschen (s.o. – oder zählen Menschen auch zu dieser Natur?); der Krug Milch wird von Menschen gereicht, der Apfel von Menschen genommen. Bei strenger Betrachtung entfallen weitere vier Fälle, weil da nur metaphorisch ein „Handeln“ unterstellt wird: die sich neigenden Ulmen, der verwischende Staub, der verwischende und anhebende Wind (würde der Wind das Gewand der Magd vor dem wollüstigen Dichter heben, wäre vermutlich nichts zu beklagen). So bleibt als einziger Fall der Liebe heischende Hund übrig, der sich am Bein des Schlächters reibt – eine Paradoxie vielleicht, vielleicht auch die totale Unterwürfigkeit eines domestizierten Tiers; ein frei lebender Wolf würde beißen, vermute ich.

Vielleicht sollte man noch einmal über den Gestus des Klagens nachdenken. Klagen heißt ursprünglich: ein Wehgeschrei erheben, Schmerz oder Trauer äußern. Dass der geifernde Alte Milch bekommt, kann unter zwei Bedingungen begründeter Anlass zur Klage sein: 1) Andere Bedürftige bekommen keine Milch. 2) Es gilt, dass die Natur nur dem Guten ihre Gaben zuteilen darf. Vom ersten Fall ist nicht die Rede; den zweiten Fall hat man lange genug unter dem Titel der Gerechtigkeit Gottes diskutiert. Wenn Brecht nicht die Achtlosigkeit von Menschen anklagen will, kann er nur beklagen, dass die Natur sich nicht für die Menschen interessiert, weder für Gute noch für Böse. Das ist aber keine neue Erkenntnis, das kann man bereits bei Goethe („Das Göttliche“, ich zitiere nur eine Strophe) nachlesen:

„Denn unfühlend
ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
über Bös‘ und Gute,
und dem Verbrecher
glänzen wie dem Besten
der Mond und die Sterne.“

Bei Brecht überrascht mich die Klage über die willfährige Natur. Er hat „Über die Freundlichkeit der Welt“ Bescheid gewusst – wie kann er da über die Willfährigkeit der Natur klagen (lassen)? Ob man dieses arg bemühte Gedicht zu den besten Gedichten Brechts zählen soll – ich weiß es nicht.

In Brechts Gedicht reimt sich jeder zweite Vers; die Sprache ist gehoben (V. 6 etwa oder V. 10 oder „Eiland“ zum Beispiel; Ausnahme ist „das Geflenn“, V. 14). In einer Seminarsitzung hat Prof. Dr. Gottfried Willems laut den Protokollanten (Nadine Hinz und Stefan Tieß) am 19. Mai 2008 sinngemäß gesagt: „Auch hier [in Brechts Gedicht „Von der Willfährigkeit der Natur“, im  Anschluss an „Liturgie vom Hauch“] werden Formen der Klassik zitiert, so etwa das altgriechische Versmaß des Hexameters, das vor allem im Epos und [in] der Elegie Verwendung fand und welches auch von Goethe und Schiller mitunter genutzt wurde. In dem Gedicht geht es um die Sittlichkeit der Natur, welche verneint wird: Die Natur schert sich nicht um Moral und Ideale. Anders ist dies bei Goethe und Schiller: dort tritt die Natur als Quelle der Moral auf, indem sie dem Menschen Mitgefühl schenkt.“ Das von mir zitierte Goethe-Gedicht mahnt den Menschen jedoch, edel, hilfreich und gut zu sein – von selbst ist er es nicht (immer).

Vortrag

http://lyrics.lucywho.com/von-der-willfahrigkeit-der-natur-lyrics-bertolt-brecht.html (Brecht selbst)

Sonstiges

http://users.skynet.be/lit/antinaturgefuehle_in_der_literatur.htm (über Antinaturgefühle in der Literatur, darunter Brecht)

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