Brecht: Ballade von der Billigung der Welt – Analyse

Ich bin nicht ungerecht, doch auch nicht mutig…

Text

http://deu.anarchopedia.org/Bertolt_Brecht/Balladen/Ballade_von_der_Billigung_der_Welt

http://www.lyrix.at/de/text_show/5d7428b8a911db706f7bada7319290dc-Bertolt_Brecht_-_Ballade_Von_Der_Billigung_Der_Welt

Das Gedicht ist 1931/32 entstanden; zwei Typoskripte tragen den Vermerk: „(als ihre Mißbilligung durch eine Notverordnung verboten wurde)“, womit vielleicht auf eine Maßnahme Franz von Papens vom 14. Juni 1932 angespielt wird, die sich auf § 48 (2) der Weimarer Verfassung stützte: „Der Reichspräsident kann, wenn im Deutschen Reiche die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird, die zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen treffen, erforderlichenfalls mit Hilfe der bewaffneten Macht einschreiten. Zu diesem Zwecke darf er vorübergehend die in den Artikeln 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 festgesetzten Grundrechte ganz oder zum Teil außer Kraft setzen.“

Das Gedicht ist eine Satire: Der Ich-Sprecher, der die Welt billigt, bringt sehr deutlich zum Ausdruck, dass er sie nicht billigt: „Nur um in diese Hände nicht zu fallen / Billigte ich, was ich nicht billigen kann.“ (3) Das sagt er nicht nur direkt, sondern beinahe in jeder der 30 Strophen auch indirekt. Das beginnt in Strophe 1, wo er sich („ich“) gegen „sie“ und „ihre Welt“ abgrenzt; was ihm da gezeigt wird, ist nicht seine Welt.

In den ersten drei Strophen wird ganz allgemein erklärt, wieso das Ich diese Welt billigt: Es sieht den blutigen Zeige-Finger (1), „den Knüppel über mir“ (2) und die tauglichen „Metzger“, und da es nicht mutig ist (1), billigt es die ihm gezeigte Welt (1, 3). Das Ich steht also für den Bürger der Weimarer Republik, der das Unrecht zwar erkennt, aber Angst wegen der Einschüchterung hat („blutig“ in 1, 9, 10, 15; Knüppel in 2, 12; Gurgel durchschneiden 27; Mörder 28); weil es die realen Machtverhältnisse kennt (Junker 4, Unternehmer 5 usw.), sagt es zu allem „Ja“ bzw. ruft am Ende „Heil!“ (Anspielung auf „Heil Hitler!“) statt „Halt!“ (Alliteration), wie es eigentlich wollte.

Es gibt neben den Machthabern die bestochenen Helfer (evtl. die Volksvertreter 7; die Beamten 8; die Richter 11; der Dichter Thomas Mann 16; die Lehrer 21, die Professoren 23) und andere Helfer des Systems, die auf ihre Weise zur Unterdrückung der Armen beitragen (die Militärs 6; die Polizisten 9; die Richter 10; die Polizei 12 f.; die Zeitungsschreiber 15; der Händler 17; der Zuhälter 18; die Ärzte 19; die Ingenieure 20; die Pfaffen 25). Der einzige, der als Individuum angegriffen wird, ist Thomas Mann, der Dichter des Romans „Der Zauberberg“ (1924); so ist das Gedicht eine große Denunziation – Brecht fegt mit einem sehr groben Besen den Augiasstall der Weimarer Republik aus. Man könnte diese pauschale Diffamierung als Klassenkampf-Rhetorik bewerten und fragen, ob solche wilden Schwinger nicht auch zum Tod der Republik beigetragen hat.

Auf zwei Fragen zur Satire möchte ich mich beschränken: 1.Wie erfolgt die Billigung der Welt? Einmal sagt dass Bürger-Ich aus Angst offen, dass ihm diese Welt gefällt (1, 2, 3). Zweitens lobt es sie mit vordergründiger Einschränkung (teuer, aber gut, 4). Drittens lobt es in Verschiebung der richtigen Perspektive (Militärs: technische Genies, 6; 15; 18; 20). Viertens redet es sich mit Nichtwissen heraus (5; 22). Fünftens entschuldigt es die Akteure (7; 16; 23). Sechstens setzt es sich für sie ein (8; 9; 21). Siebtens erfolgt die Zustimmung in offenem Widerspruch zur eigenen Einsicht (11; 12; 16; 25; 27 f.; 29 – dieser Aspekt berührt schon die 2. Frage).

Die 2. Frage lautet: Wie wird die Billigung der Welt als Lüge entlarvt? Erstens sagt das Ich deutlich, dass es nur aus eigener Feigheit die ihm gezeigte Welt billigt (1-3). Zweitens wird durch den offenen Widerspruch zwischen Wissen und Lob das Lob als Lüge entlarvt (sah wuchern – sagte…, 4; 9; 10; 11; 12; 16); das Gleiche gilt für die Verschiebung der richtigen Perspektive (6; 15; 18; 20). Manchmal wird das Versagen auch „klein geredet“ (7; 23; 24; 25) oder mit der eigenen Hilfslosigkeit entschuldigt (19). Vom Händler, der stinkenden Fisch verkauft, wird angeblich hoffnungsvoll erwartet: „vielleicht verkauft er mich“ (17).  In diesem Kontext ist dann jede weitere Billigung eo ipso entlarvt, womit auch ihre Verlogenheit offenkundig ist (26; 27).

Auf zwei sprachliche Knaller möchte ich hinweisen: Die „Nichtunternommenen“ (5, Neologismus) sind diejenigen, die von den Unternehmern nicht eingestellt wurden; auch „Sattelköpfe“ (27) ist ein schwer zu entschlüsselnder Neologismus, der durch den folgenden Relativsatz erläutert wird (die von George Grosz skizzierten Typen). Die vier Verse jeder Strophe reimen sich meistens im Kreuzreim; manchmal reimen sich auch nur der zweite und der vierte Vers. Die Reime sind nicht immer sauber, aber in politischer Gebrauchslyrik ist das kein Manko. Die Verse bilden meistens, aber nicht immer einen Satz; der fünfhebige, manchmal unsaubere Jambus erlaubt ein flottes Sprechtempo, das am Versende durch die Syntax, den Reim und oft eine weibliche Kadenz etwas gebremst wird.

Eine Besonderheit ist noch zu nennen: Das Bürger-Ich wandelt sich in Strophe 30 scheinbar zum Dichter-Ich, aber nur scheinbar, denke ich: Brecht wird von sich selber nicht behaupten, in diesem Gedicht fehle es ihm an Schwung. Vielmehr kriegen hier die anderen Künstler ihr Fett ab, die sich nicht klar dem großkapitalistischen Nazismus entgegenstellen und so zur Billigung dieser Welt beitragen. Mit Strophe 30 wird die Ich-Klammer (Str. 1-3; 30) um das Gedicht geschlossen.

Es drängt sich beinahe ein Vergleich mit der Satire „Die Legende vom toten Soldaten“ auf; diese ältere Satire war eher eine Ballade, weil dort eine „Geschichte“ erzählt wurde, während in der „Ballade von der Billigung der Welt“ nicht oder allenfalls pauschal erzählt, öfter etwas allgemein beschrieben oder berichtet wird. Es ist auch auf die Parallele zu „Der anachronistische Zug oder FREIHEIT und DEMOCRACY“ (1947) hinzuweisen.

http://bio.bwbs.de/UserFiles/File/PDF/DieDreissigerJahre.pdf (Schriften Brecht/Brandt parallel gesetzt, dort S. 24 ff.)

Rezeption

http://www.wagenbreth.de/projekt.php?nummer=180

Die Ballade wird von vielen gesungen; im Netz findet man aber weder eine Rezitation noch einen Song.

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