Brecht: Kohlen für Mike – Analyse

Ich habe gehört, daß in Ohio…

Text

http://www.kampflieder.de/liedtext.php?id=5964 (mit Gesangsvortrag: Ernst Busch)

Das Gedicht ist 1926 entstanden und in der „Vossische[n] Zeitung“ von 23.Mai 1926 gedruckt worden; 1939 hat Brecht es in die „Svendborger Gedichte“ aufgenommen. Quelle ist Sherwood Andersons Roman „Der arme Weiße“, Leipzig 1925, S. 252 f. – Im Gedicht wird Mike McCoy als Streckenwärter, in der Widmung als Bremser bezeichnet. Die Verwirrung rührt vermutlich daher, dass im Roman erzählt wird, die Streckenwärter hätten halbverfaulte Schwellen über den Zaun geworfen, die Bremser zusätzlich nachts Kohlen, was im Gedicht auf das Kohlenwerfen reduziert wird.

In vier Strophen wird die kleine Episode von einem Ich-Erzähler als wahre Begebenheit („Ich habe gehört…“, V. 1) erzählt: (1) dass die Witwe McCoy in Ohio in Armut lebte, (2) dass die Bremser nachts Kohlen über den Zaun warfen, mit dem Widmungsruf „Für Mike“, (3) dass die Frau die Kohlen jede Nacht aufhob; in (4) wird erklärt, warum sie das noch nachts tat, und in (5) steht die Widmung des Gedichts.

Nur der Zeilenschnitt und die gelegentlich ungewöhnliche Stellung von Satzgliedern (Inversion, etwa in V. 2; Adverbial „in Armut“ nachgestellt, V. 5; Prädikat „Warfen“ nicht in Zweitstellung, V. 7, usw.) machen aus dem erzählten Geschehen ein Gedicht. Der Zeilenschnitt hebt manchmal semantisch bedeutende Wortgruppen heraus: „Für Mike“ (V. 10); „den Kohleklumpen“ (V. 16); „Nicht Vergessenen“ (V. 18); vor allem „Für Kameradschaft“ (Ende).

Im Gedicht wird das Arbeiter-Heldentum der Bremser herausgearbeitet: Der armen Witwe (eine soziale Gegebenheit, ein literarischer Topos – 1 Könige 17 und öfter, s.u.) werden mit dem Ruf „Für Mike!“ (V. 10), ihren verstorbenen Mann, Kohlen illegal zugeteilt. In Strophe 3 kommentiert der Erzähler in einer Apposition das Geschehen: „Geschenk der Bremser an Mike, den Gestorbenen, aber / Nicht Vergessenen.“ Im Nomen „Geschenk“ wird die Qualität der Gabe beschrieben (und die Tatsache des Diebstahls ausgeblendet); in der Adressatenangabe „an Mike…“ wird eigentlich der Grund ihres Handelns genannt, während die Adressatin in Wirklichkeit die Witwe ist. Im zweiten Attribut „den Gestorbenen, aber / Nicht Vergessenen“ wird die unverbrüchliche Solidarität der Bremser mit ihrem Kollegen als wahrer Grund des Handelns benannt. In der Strophe 4 werden die „Augen der Welt“ (V. 20) als Bezugsgröße des Wegräumens genannt: Die Augen der Welt sehen in dem Geschehen nur einen Diebstahl, aber die nicht ausdrücklich benannten Augen des Herzens sehen die Solidarität. Auch diese Unterscheidung, aus dem „Kleinen Prinzen“ bekannt, hat ihr Fundament in der Bibel: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.“ (1 Sam 16,7) Aber auch außerhalb der Bibel wurde in der Konzeption des Totengerichts (Ägypten; Platon) und des unsichtbaren Herzens oder der Idee der Gerechtigkeit die Differenz von rechtlich Gültigem und wahrhaft Richtigem begründet und bewahrt.

Folgerichtig folgt als Strophe 5 die Widmung des Gedicht: „den Kameraden… Für Kameradschaft.“ Im Wörterbuch von Adelung steht unter „Kamerad“ bzw. „Camerad“ als Erklärung: „im gemeinem Leben, ein Stubengesell, und in weiterer Bedeutung, ein jeder, welcher mit dem andern gleiche Hantierung und Lebensart hat“. Damit ist die emotionale oder ethische Seite der Kameradschaft aber nicht erfasst. Nach dem DWDS ist ein Kamerad „jmd., der einem anderen durch gemeinsame Lebensumstände, besonders durch gemeinsamen Schulbesuch, gemeinsames Spiel, gemeinsamen Militärdienst, eng verbunden ist“; diese Erklärung trifft eher die Bedeutung, weil die enge Verbundenheit der Kameraden benannt wird. In den Dornseiff-Bedeutungsgruppen wird „Kamerad“ unter anderem unter die Rubrik „Hilfe“ und „Freundschaft“ gefasst. So heißt es dann in der Wikipedia: „Kameradschaft (aus italienisch camerata, „Kammergemeinschaft“) bezeichnet eine zwischenmenschliche Beziehung ohne sexuelle Ansprüche im Sinne einer Solidarität innerhalb einer Gruppe, früher vorwiegend unter männlichen Personen, heute allgemein.“ (Aufruf 26.12.2012) Diese Solidarität ist Grundgedanke des Zusammenschlusses der Arbeiter in Gewerkschaften, ist Bedingung auch des Klassenkampfes. So ist jede Nachricht von echter Solidarität oder Kameradschaft für Brecht eine Nachricht, die es in „Chroniken“ (Teil der „Svendborger Gedichte“) aufzubewahren gilt.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=NfH1RljssBY

Sonstiges

http://www.sonntagsblatt-bayern.de/news/aktuell/2008_47_22_01.htm (Die Witwen der Bibel)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s