Brecht: Abbau des Schiffes Oskawa durch die Mannschaft – Analyse

Zu Beginn des Jahres 1922…

Text

http://www.taringa.net/posts/apuntes-y-monografias/8211941/Abbau-des-Schiffes-Oskawa-durch-die-Mannschaft-_von-Brecht_.html (ohne Zeilenschnitt)

http://www.kritische-masse.de/blog/huflaikhan/2004/09/21/demo

Das Gedicht ist im Frühjahr 1935 entstanden; es wurde in „Internationale Literatur“ (Moskau, 1935, Heft 7, S. 4-6) veröffentlicht und 1939 in die „Chroniken“ der „Svendborger Gedichte“ aufgenommen. Eine vom FBI später angefertigte Übersetzung galt als Beleg dafür, dass der vor den Nazis geflüchtete Brecht nicht nur einen kommunistischen Staat errichten wolle, sondern selber auch für die Zerstörung amerikanischen Eigentums eintrete.

Quelle des „Berichts“ ist eine Episode aus Louis Adamic: Dynamite. The Story of Class Violence in America (1931, S.386 ff.). Adamic erzählt, wie er 1922 in Philadelphia auf der „Oskawa“ anheuerte; die Besatzung sei noch etwas schlimmer als normalerweise auf  amerikanischen Frachtern gewesen. Die Mannschaft sei versoffen gewesen, der Kapitän unfähig, die Offiziere hätten die Mannschaft nicht überwacht; die Katastrophe des Schiffs sei auf allgemeine Schludrigkeit zurückzuführen gewesen. Das Schiff wurde nach der Rückreise verschrottet, es gab ein gerichtliches Nachspiel. Brecht deutet das Geschehen anders, sonst hätte er keinen revolutionären „Bericht“ daraus machen können.

Ein Ich-Sprecher berichtet nicht ohne Süffisanz und Ironie, wie die Mannschaft das Schiff aus Empörung über die ungerechte Bezahlung ruiniert. Die erste Deutung erfolgt in V. 5-7: „Da die Löhnung schlecht war…“; auf der Rückreise „übermannte uns wieder der Kummer / Über die schlechte Löhnung, das unsichere Alter“ (V. 23 f.). Das Adverbial „in der Verzweiflung“ klingt höhnisch-ironisch: Gemeint ist wohl bewusste Sabotage. „Grübelnd über die schlechte Löhnung (ungewisse Zukunft!)“ löscht die Mannschaft einen Brand ohne Eifer. Das sind die ersten drei Erklärungen, die der Ich-Erzähler für den ersten Teil der Katastrophen abgibt. Es schließt sich ein Kommentar an: „Das war / Leicht wieder aufzubauen…“ (V. 31 f.), wieder mit dem Hinweis auf die schlechte Löhnung (V. 33) und dem zynischen Verrechnen des angerichteten Schadens mit dem gesparten Lohn (V. 33 f.).

Solches Verrechnen wird später als eine Aktion der Mannschaft erzählt (V. 66 ff.), wobei sogar der sportliche Begriff des Rekords fällt: den Rekord (der Schädigung) „verbessern“ (V. 69) – das ist zweifellos der Höhepunkt der Erzählung von der Sabotage. Zuvor liest man noch eine allgemeine Erklärung von den Auswirkungen zu großer Mühen in der Mitte des Lebens (V. 34 f.), worauf die Zerstörung der Dynamos zurückgeführt wird (V. 36 ff.). Die Sabotage des müden Maats (V. 41 ff.) wird wie bereits in V. 24 auf „die Gedanken an sein freudloses Alter“ (V. 41 f., damit indirekt auf die schlechte Löhnung) zurückgeführt, welche ihn „entmutigt“ hätten (V. 41 – daneben steht die zweite Erklärung „um Arbeit zu sparen“, V. 42); da ist wieder der spöttische Ton überlegenen Wissens, in dem die Sabotage erzählt wird, den man auch im Modaladverb „unglücklicherweise“ (V. 45) hört und der im Adverbial „grinsend“ offen ausgesprochen wird. Dieses Adverbial „grinsend“ markiert eine Wende im Tonfall: Ab jetzt wird von der Sabotage offen gesprochen (vgl. die Erklärung vom Kochen des Fleischs, V. 65 f., und den Bericht vom Rechnen, V. 66 ff.). Ironisch wird noch von den angegriffenen Nerven (V. 60 f.) und von der Empörung über die unwürdige Behandlung seitens des bewaffneten Kapitäns (V. 62 ff.) erzählt (oder berichtet?).

Den Schluss bildet der Bericht eines Kommentars der Mannschaft („wir“, V. 73) zur Verschrottung des Schiffs, der die Tatsache, „daß unsere Löhnung / Wirklich zu niedrig war“ (V. 74 f.), als offensichtlichen Grund dafür anführt, dass das Schiff verkommen ist und verschrottet wurde – da wird der revolutionäre Zweck des ganzen Berichts deutlich.

Die Wendung in V. 57 (einige Lampen und ein wenig Öl für die Lampen) erinnert an das biblische Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen (Mt 25,1-13): Die Besatzung mitsamt Kapitän wird so zu den törichten „Jungfrauen“ gezählt, die für das Kommende nicht gerüstet sind. Sonst ist zur Sprache nicht viel außer dem, was in der Analyse der Erzählung gesagt wurde, anzumerken. Die 70 Verse sind in normaler Prosa gehalten; gelegentlich bringt der Zeilenschnitt eine überraschende Wendung ans Licht (so V. 7/8, 13/14, 42/43 u.ö.).

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/799/

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