Brecht: Choral vom Manne Baal – Analyse

(als „Der Choral vom großen Baal“ Prolog des Stücks Baal“)

Als im weißen Mutterschoße aufwuchs Baal…

Text

http://www.zyrano.de/freetext/brecht.htm (13 Strophen; davon sind die Strophen 1, 2, 4, 8-13 der Text des „Hauspostille“-Gedichts)

http://www.buechervielfalt.de/der-choral-vom-baal/

http://www.superweb.de/belle_prostituee/me_y_musique/das_choral_.htm

http://lutecium.org/stp/cochonfucius/bertolt-brechts-baal.html (mit französ. Übersetzung)

Den Anstoß zu dieser Dichtung gab Hanns Johsts Drama „Der Einsame“ über den Dichter Grabbe, das Brecht gesehen hatte. Der „Choral vom großen Baal“ existiert in mehreren Fassungen; das Gedicht ist 1918 entstanden. Die erste, in erweiterter Form abgedruckt unter dem Titel „Der Choral vom großen Baal“, erschien 1919 in dem Stück „Baal“ und 1926 unter dem Titel „Baal“, von 18 auf 7 Strophen gekürzt, in „Lebenslauf des Mannes Baal“. In der Werkausgabe (suhrkamp) steht eine Fassung mit 13 Strophen; in die „Hauspostille“ gehört die Fassung mit 9 Strophen (s.o. die Links zum Text). Mit dieser Fassung beschäftige ich mich im Folgenden.

Baal war der semitische Sturm- und Fruchtbarkeitsgott; er ist im Alten Testament ein „Götze“ (aus der Sicht israelischer Rechtgläubigkeit), auch die Lokalgötter des Landes heißen Baale. In Georg Heyms Gedicht „Der Gott der Stadt“ (1910) ist Baal der mächtige Herr der Großstadt. Züge von Brechts literarischen Vorbildern (Frank Wedekind, Paul Verlaine, François Villon), aber auch die Selbststilisierung Brechts gehen in die Figur ein. Der schrankenlose Subjektivismus findet in der Figur ein mythisches Symbol.

Der Choral stellt den Lebenslauf bzw. die Lebensweise des Mannes Baal dar. Ein allwissender Erzähler berichtet von der Zeit, „als im weißen Mutterschoße aufwuchs Baal“ (1), bis zu dem Zeitpunkt, „als im dunklen Erdenschoße faulte Baal“ (9). Zu jeder Zeit war der Himmel „groß und still und fahl / Jung und nackt und ungeheuer wundersam“ (1 – in Str. 9 heißt es „wunderbar“); jung = zeitlos, nackt = frei von Jenseitigkeit, wunderbar = diesseitig vollkommen. Von diesem Himmel heißt es, dass Baal ihn liebte (Str. 1 und 9). Der Himmel ist das, was sich über Baal als Firmament spannt (und hat nichts mit Gott zu tun), was auch seine Existenz umspannt – denn er ist ja vorher und nachher da – und Baal in seiner Nacktheit entspricht (V. 3 und V. 10). In drei weiteren Strophen wird der Himmel erwähnt: Er war immer da (2) und er deckte Baals Blöße zu (3).

Baals Leben unter dem Himmel war ausschweifend, voll Lust und Kummer (V. 5), selig im Schlaf (V. 6), nachts trunken (V.7), sexuell ausschweifend (V. 9 f.), dabei „voll Ruh“ (V. 10). In Str. 4 und 5 wird in wörtlicher Rede berichtet, was Baal als seine Lebens- und Genussphilosophie verkündet (Wechsel ins Präsens bis Str. 8, es wird für Baal immer Gültige beschrieben): Laster sind etwas Gutes (4), aber erst in ihrer Vielzahl („eines ist zuviel!“, V. 16). Er fordert die anderen Menschen auf, ordentlich zu genießen, dabei „nicht so faul“ zu sein und sich ordentlich anzustrengen (5).

Der Himmel und die Geier sind das Motiv zumindest der nächsten Strophe: wie Baal die Geier besiegt. In der „Ballade vom Mazeppa“, ebenfalls 1918 entstanden, deuten die Geier unter dem Himmel das Ende Mazeppas nicht nur an, sondern führen es auch herbei: „Und die Geier lauern schon auf sein Verderben / Und sehnen sich wild auf das lebende Aas.“ (Str. 7) Baal ist dem gefesselten Mazeppa überlegen: Baal stellt sich tot, täuscht die Geier und verzehrt sie „zum Abendmahl“ (eine leicht blasphemische Anspielung auf das christliche Sakrament, wie die ganze „Hauspostille“ eine Parodie christlicher Traktate ist), wenn sie sich an ihn wagen (Str. 6). In Str. 7 ist Baals Tätigkeit „weite Felder abschmatzen“ eine Metapher, die aus dem Bereich der Pflanzenfresser stammt; dass er dies „in dem Jammertal“ (Zitat christlicher Weltverachtung) tut, steht im Widerspruch zum Erfolg seiner Aktionen und ist damit Parodie christlicher Jenseitshoffnung – Baal hingegen singt und begibt sich in den „ewigen“ Wald (statt in die Ewigkeit Gottes).

So ist auch der Ausblick auf das Ende für Baal ohne Schrecken. Im Präsens und dem Konditionalsatz („wenn … hinunterzieht“, Str. 8) blickt der Erzähler aus Baals Sicht auf dessen Tod voraus. „Der dunkle Schoß“ der Erde zieht ihn hinunter, kein Gott ruft ihn heim. „Baal ist satt.“ (V. 30) Auch Abraham „starb in einem ruhigen Alter, da er alt und lebenssatt war“ (Gen 25,8); so ergeht es Baal ebenfalls, da er genug erlebt hat (hat Himmel unterm Lid, Str. 8 – eine Metapher) – er hat also genug Himmel und braucht den Himmel der Christgläubigen nicht, wieder eine Spitze gegen das Christentum.

In der letzten Strophe blickt der Erzähler nach Baals Tod, „als im dunklen Erdenschoße faulte Baal“, noch einmal auf die Welt: Sie ist wieder so wunderbar wie zuvor. Die Erde ist die Mutter Erde, sie hat Baal in ihren dunklen Schoß (Metapher: Grab) zurückgenommen. Auch das Faulen der Leiche kann die Geborgenheit nicht stören – sie ist die Form der irdischen Geborgenheit.

Die Strophen bestehen aus jeweils vier Versen, die durchweg in fünf- oder sechshebigen Trochäen getaktet sind. Die Verse bestehen aus semantischen Einheiten oder aus Sätzen; da die Verse zudem durchweg (außer V. 9/11) mit männlicher Kadenz enden, gibt es am Versende jeweils eine kleine Pause. Die Strophen werden teils vom Kreuzreim, teils vom Paarreim beherrscht. Oft bilden die reimenden Verse semantisch sinnvolle Zusammenhänge: Als aufwuchs Baal / war der Himmel fahl (V. 1/2); Baal ist satt / sodass er genug Himmel hat (V. 30/32) usw., ohne dass sich besonders originelle Zusammenhänge ergäben (seid nicht verweicht / Genießen ist nicht leicht, V. 17/18).

http://www.uni-jena.de/unijenamedia/Downloads/faculties/phil/germ_lit/Materialien/Willems/SoSe2012/Brecht/Protokoll252012.pdf (das Stück „Baal“ an der Uni, Protokoll)

http://www.uni-jena.de/unijenamedia/Downloads/faculties/phil/germ_lit/Materialien/Willems/SoSe2012/Brecht/Protokoll+09+05+2012.pdf (dito)

http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz00_03/text03.htm (Brecht und die Bibel)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=t7HCPBx2hoQ (Choral vom großen Baal)

http://www.youtube.com/watch?v=tFRAZ5Jrhto (Hendrik Duryn singt)

http://www.youtube.com/watch?v=uaPLk7ZZxnI (Bowie singt, englisch)

Rezeption

http://www.youtube.com/watch?v=Ug2tj-SqxVQ (Theaterfilm, Ausschnitt)

Sonstiges

http://wiki.zum.de/Gro%C3%9Fstadtlyrik_des_Expressionismus#Georg_Heym_-_Der_Gott_der_Stadt (Heym: Der Gott der Stadt)

https://www.muenchner-volkstheater.de/Presse/Schulmaterial/LM_Baal.pdf (Material zur Aufführung des Stücks „Baal“)

http://sammelpunkt.philo.at:8080/79/1/brechte.htm (Brecht als Philosoph neuen Typs)

Bertolt Brecht: Baal. Der böse Baal der asoziale – Texte, Varianten, Materialien, 1999

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